https://www.faz.net/-gqe-8hf8g

Sexuelle Gewalt : Indiens Frauen leiden weiter

Flash-Mob-Demonstration gegen sexuelle Gewalt in New Delhi. Bild: AP

Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist offenbar ein Teil der indischen Gesellschaft. Die überwiegende Zahl der jungen, arbeitenden Frauen oder Studentinnen wurde schon Opfer.

          Zeitgenau zum zweiten Jahrestag von Narendra Modi als Ministerpräsident von Indien rückt die schwierige Lage indischer Frauen wieder in den Blickwinkel. Längst weiß die Welt davon, wie grausam das Schicksal von Inderinnen auch schon als Babys sein kann. Anschläge bis zum Mord, das Töten weiblicher Föten und Massenvergewaltigungen auch von Mädchen werden fast täglich berichtet.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Modi hatte - wie so vieles anderes - auch versprochen, die Lage der Frauen im Land zu verbessern. Nun präsentiert die britische Nichtregierungsorganisation Action Aid UK eine Untersuchung, die niederschmetternd erscheint: Demnach haben mehr als vier von fünf jungen, arbeitenden Frauen in den Städten Indiens schon sexuelle Belästigung bis hin zur Vergewaltigung erfahren.

          Nicht nur auf dem Land

          Die Helfer befragten mehr als 500 Frauen in Städten. Das ist wichtig – denn hier geht es nicht um die traditionelle Landbevölkerung, die noch alten Bräuchen und Riten anhängt, zu denen auch eine im Westen unfassbare Brutalität zählen kann. 84 Prozent der Befragten im Alter von 25 bis 35 Jahren gaben an, schon Opfer von Belästigung geworden zu sein. Es handelte sich meist um arbeitende Frauen oder Studentinnen.

          Und auch dies zählt: Denn damit scheinen auch die Mitglieder der Unterschicht, der Dalit, von denen ein Teil in absoluter Armut ohne Erwerbsarbeit auf der Straße vegetiert und somit noch leichter zum Opfer wird, unberücksichtigt zu sein. Beide Volksgruppen dürften die Opfer-Zahl eher noch in die Höhe getrieben haben.

          Nicht nur in Indien

          Die Umfrage war von der britischen Meinungsbefragungsfirma You Gov in vielen Städten des Landes durchgeführt worden. Sie ist Teil einer größeren Befragung zur Lage der Frauen in Städten, die auch in Brasilien, Großbritannien und Thailand durchgeführt wurde.

          Auch in diesen Ländern sind die Ergebnisse erschreckend: In Großbritannien lag der Anteil der schon einmal Belästigten bei 74 Prozent, in Indien bei 79 Prozent, in Thailand und Brasilien sogar bei jeweils 86 Prozent. In der Zusammenfassung heißt es, Frauen erlitten Belästigung an vielen Orten – auf der Straße, in Parks, bei gesellschaftlichen Ereignissen, auf dem Universitätscampus, auf Reisen oder in Transportmitteln.

          „Kultur der Belästigung“

          Offiziell gab es 2014 in Indien 337.922 Fälle von Gewalt gegen Frauen wie Vergewaltigung, Belästigung, Entführung oder Grausamkeiten durch den Ehemann. Dies waren 9 Prozent mehr, als im Jahr zuvor, meldet das National Crime Records Bureau in Delhi. In der Umfrage gaben 9 Prozent der Frauen an, vergewaltigt worden zu sein. 16 Prozent waren schon mindestens einmal betäubt worden, ein Drittel in der Öffentlichkeit unsittlich berührt worden oder sie standen jemandem gegenüber, der sich vor ihnen entblößte. Action Aid spricht mit Blick auf Indien von einer „Kultur der Belästigung“.

          Seit der fürchterlichen Vergewaltigung in einem fahrenden Bus in Delhi 2012 ist die Öffentlichkeit aufgewacht. Die Regierungen fahren Kampagnen gegen die Belästigung von Frauen. Beobachter sagen indes, eine Änderung im Verhalten sei kaum spürbar. Die gemeldeten Fälle seien zudem nur die Spitze des Eisberges, da viele Opfer Angst hätten, eine oft korrupte Polizei einzuschalten.

          Bekämpfung der Berichterstattung

          Für Indien und seine Volkswirtschaft ist es eine Belastung, dass Frauen auch aufgrund ihrer berechtigten Angst nicht die Rolle in der Arbeitswelt spielen können, die sie spielen sollten. Viele Unternehmen in der Software-Metropole Bangalore schicken ihre Mitarbeiterinnen insbesondere nach der Nachtschicht nur mit firmeneigenen Fahrdiensten nach Hause. Gleichwohl kommt es immer noch zu Übergriffen. Auch verbieten Eltern ihren Töchtern die Arbeit in den modernen Zentren aus Sorge um ihre Gesundheit.

          Das Indien unter Modi reagiert sehr empfindlich auf jede Form der Kritik – kritische Journalisten bekommen keine Visa mehr erteilt, Nichtregierungsorganisationen bis hinauf zu Greenpeace oder der Ford Foundation werden einem Prüfungsmarathon unterzogen, der sie in ihrer Arbeit lähmt. Mit aller Macht versuchen die Regierung und vor allem ihr Beamtenapparat, das Bild eines erfolgreichen, modernen Indiens aufrecht zu erhalten, möglichst ohne noch über dessen Herausforderungen oder Probleme zu debattieren.

          Weitere Themen

          Warnungen aus Islamabad

          Kaschmir-Konflikt : Warnungen aus Islamabad

          Nach der Statusänderung durch die indische Regierung herrscht in Kaschmir offenbar eine angespannte Ruhe. Doch Pakistans Regierungschef Imran Khan spricht von einer möglichen Eskalation bis hin zum Krieg. Kritik kommt auch aus China.

          Als die Grenze fiel Video-Seite öffnen

          August 1989 : Als die Grenze fiel

          Die Welt hat lange stillgestanden an der ungarisch-österreichischen Grenze. Bis zum 19. August 1989. Dann, vor 30 Jahren, platzte zwischen Fertörákos und Mörbisch eine Nahtstelle des Eisernen Vorhangs – mit weitreichenden Folgen für die Region und ganz Europa.

          Topmeldungen

          Zweifelhaftes Manöver: CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer

          Streit zwischen AKK und Maaßen : Selbstdemontage einer Volkspartei

          Der Streit zwischen Annegret Kramp-Karrenbauer und Hans-Georg Maaßen ist zwei Wochen vor den Wahlen in Ostdeutschland das Dümmste, was der CDU passieren kann.

          August 1989 : Als die Grenze fiel

          Die Welt hat lange stillgestanden an der ungarisch-österreichischen Grenze. Bis zum 19. August 1989. Dann, vor 30 Jahren, platzte zwischen Fertörákos und Mörbisch eine Nahtstelle des Eisernen Vorhangs – mit weitreichenden Folgen für die Region und ganz Europa.
          Wer klug umschuldet, hat womöglich schneller als der Nachbar wieder Geld für den neuen Anstrich.

          Die Vermögensfrage : Umschulden macht Spaß

          Die Zinsen sind so niedrig wie nie zuvor. Davon können mehr Leute profitieren als gedacht. Wer einen alten Baukredit hat, spart besonders viel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.