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Zweitgrößte Volkswirtschaft : Die Uhr in China tickt – oder ist es eine Zeitbombe?

Sitzen auf der Zeitbombe Bild: dpa

Für Mittwoch werden aus China schwache Konjunkturdaten erwartet. Dabei hat das Land kein Wachstums-, sondern ein Schuldenproblem. Die Aktienmärkte treten beunruhigt auf der Stelle.

          In dieser Woche fiebern in China alle dem großen Tag entgegen. Karfreitag? Ostersonntag? Nein, sondern dem Mittwoch. Dann gibt das Statistikamt in Peking die wichtigsten ökonomischen Kennziffern für das erste Quartal bekannt.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Vermutlich ist das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gesunken. Der Internationale Währungsfonds IWF warnt sogar vor einer „harten Landung“ in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde, also vor einer Krise. Das wäre gefährlich nicht nur für die Schwellenländer, sondern für die Welt an sich. Denn China trägt seit Jahren fast ein Drittel zum globalen Wirtschaftswachstum bei, doppelt so viel wie alle Industrienationen zusammen.

          In einer heute Morgen veröffentlichten Einschätzung erwartet die Société Générale für das erste Quartal einen Rückgang im chinesischen BIP-Wachstum um 0,5 Prozentpunkte auf 7,2 Prozent. Das wäre der schwächste Wert seit fünf Jahren.

          Andere Banken sind optimistischer, aber einig ist man sich, dass die Expansion in den folgenden Quartalen deutlich zulegen muss, um das Wachstumsziel der Regierung für 2014 einzuhalten. Das beträgt „rund 7,5 Prozent“, wie Ministerpräsident Li Keqiang gesagt hat. Schon dieser Wert wäre der schwächste seit 24 Jahren. In den beiden Vorjahren waren es noch je 7,7 Prozent gewesen, im Durchschnitt der vergangenen 30 Jahre hat die Volkrepublik stets mehr als 9 Prozent erreicht.

          Anderenorts Optimismus

          Was Analysten etwas Hoffnung macht ist, dass die Einzelangaben für den März gar nicht so schlecht ausgefallen sein dürften. Zwar hat sich das Wachstum der Anlageninvestitionen vermutlich abgeschwächt, von 17,9 Prozent im Februar auf 17,5 Prozent im März. Aber die erwarteten Zunahmen in der Industrieproduktion auf 8,8 Prozent und im Einzelhandel auf 11,9 Prozent legen eine Trendwende nahe. Dazu passt, dass der Energieverbrauch stark gestiegen ist.

          Entsprechend siegessicher gibt sich die Regierung. „Wir haben das Potential, in den kommenden zehn Jahren um 7 bis 8 Prozent zu wachsen, das ist absolut erreichbar“, sagte Vizefinanzminister Zhu Guangyao. Das würde bedeuten, bis 2024 den heutigen BIP-Wert mehr als zu verdoppeln.

          Auch die Zentralbank PBOC sieht das Wachstum „noch in vernünftigem Rahmen“, wie Vizegouverneur Yi Gang sagte. Deshalb wollen weder die Regierung noch die Währungshüter die Geldpolitik lockern oder ein Konjunkturpaket auflegen. Sie halten das erst für geboten, wenn die Arbeitslosigkeit aus dem Ruder laufe, was derzeit aber nicht zu erkennen ist.

          Mehr Schulden als Kapitalisten

          Ist China also aus dem Gröbsten raus? Nein, denn das Land hat kein Wachstums-, sondern ein Schuldenproblem. Tatsächlich kann es mit deutlich geringeren Expansionsraten als bisher leben. Die Frage aber ist, woher die Zunahme der Wirtschaftsleistung stammt.

          Bisher stützt sich die Wirtschaft in gefährlichem Maße auf neue Kredite. Deren Ausweitung wächst viel schneller als das BIP. Das bedeutet nichts anderes, als dass für denselben Produktionswert immer mehr Fremdfinanzierung aufgenommen werden muss. Die Kommunen sind bis über beide Ohren verschuldet, vor allem aber die Unternehmen. Ihre Verbindlichkeiten machen 140 Prozent des BIP aus. Zum Vergleich: in Deutschland sind es etwa 40 Prozent.

          Zu Recht hatte IWF-Chefin Christine Lagarde am Donnerstag vor den Risiken in Chinas riesigem Schattenbankenwesen und vor der schlechten Qualität vieler Vermögenswerte gewarnt. Die Gefahr sei zwar gering, dass das Land „hart lande“, derlei Verwerfungen seien gleichwohl nicht ausgeschlossen, falls der Finanzsektor nicht liberalisiert werde und falls die Überschuldung andauere.

          Die Unsicherheit, wie es um die Wirtschaftsaussichten wirklich bestellt ist, treibt derzeit auch die Finanzmärkte um. Die asiatischen Aktienindizes oszillieren heute zwischen Gewinnen und Verlusten. Der Regionalindex MSCI Asia Pacific notiert zur Mittagszeit weitgehend unverändert zum Freitag, am Morgen hatte er mal 0,2 Prozent hinzugewonnen, dann aber auch im Minus notiert.

          Eine klare Richtung werden die Kurse  spätestens am Mittwoch zeigen, wenn die China-Daten auf den Markt kommen. Da die meisten Analysten eine Wachstumsabschwächung erwarten, kann es eigentlich nur positive Überraschungen geben. Oder aber, oh Graus, die Daten fallen noch mieser aus als befürchtet.

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