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Zweifel : Ratespiele um die indische Wachstumsrate

Ohne Bargeld läuft in Indien nicht viel - offiziell ist der Mangel aber kein Problem. Bild: dpa

Indien soll trotz des Entzuges fast allen Bargeldes im vergangenen Quartal um 7 Prozent gewachsen sein. Analysten bezweifeln die Angaben der Regierung.

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          Zwischen der indischen Regierung und Bankanalysten ist ein Streit über die Wahrhaftigkeit der von Indien am Dienstagabend vorgelegten Wachstumszahlen ausgebrochen. Die Wachstumsrate lag mit ausgewiesenen 7 Prozent so hoch, dass sie, insbesondere nach dem Entzug von 86 Prozent des Bargeldes, vielen unglaublich erscheint.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Auseinandersetzung ist eine Neuauflage – denn schon als Indien 2015 über Nacht seine Berechnungsmethode für das Bruttoinlandsprodukt umstellte und die Wachstumszahl zur Regierungsübernahme von Narendra Modi nach oben schoss, kritisierten die Ökonomen das Vorgehen.

          Auch ist Indien dafür bekannt, seine Wachstumswerte im Nachhinein teils massiv zu korrigieren. Würde dieses im nächsten Jahr auch für das vierte Quartal 2016 geschehen, wäre das aber längst nach den derzeitigen, wichtigen Wahlen und der Geldentwertung am 8. November vergangenen Jahres.

          Wachstumssprung per Verordnung

          Im Februar 2015, nach der Regierungsübernahme durch Narendra Modi, hatte Indien sein Berechnungsmodell über Nacht umgestellt. Das führte zu einem verordneten Wachstumssprung von rund 5 auf gut 7 Prozent. Allein die Datenerhebung aber ist in einem Land, in dem 90 Prozent der Menschen im informellen Sektor arbeiten, kaum Arbeitsverträge existieren, kaum Steuern entrichtet werden, extrem schwer.

          Ökonomen und Analysten unterstellen Delhi seitdem eine in etwa so große Fälschung der Wachstumszahlen wie Peking. Im besten Falle nutze die Regierung Diskrepanzen in den Erhebungen für sich aus. Mit Gegenrechnungen aber wagen sich die Wenigsten hervor – zum einen wäre dies auch für eine Bank eine Gefährdung des wachsenden Geschäftes mit Indien, zum anderen können eben auch sie aufgrund der schwierigen Datenlage nur tasten.

          „Sehr verdächtig“

          Nun aber werden die Banken deutlicher – der Wachstumswert von 7 Prozent für das vergangene Quartal erscheint ihnen dann doch zu übertrieben. Ein Grund für die überraschenden Werte dürften allerdings die staatlichen Ausgaben sein: sie stiegen im entscheidenden vierten Quartal im Vorjahresvergleich um satte 19,9 Prozent.

          Rechnet man aus der Bruttowertschöpfung im letzten Quartal 2016 den Agrarsektor und die staatlichen Ausgaben wie etwa die Verteidigung heraus, lag sie offiziellen Angaben zufolge, bei 5,8 Prozent. Im Vergleichsquartal 2016 hatte ihr Zuwachs noch bei 6,4 Prozent gelegen. Diese Differenz gilt den indischen Staats-Statistikern als bislang einzige Folge des Bargeldentzuges.

          Die Opposition bezeichnete den am Dienstag vorgelegten Wachstumswert direkt als „sehr verdächtig“ und in der Lage, Indiens Ansehen im Ausland zu beschädigen. Die „Propagandisten der Regierung“ sollten von „verfrühten Feiern und unangebrachter Euphorie“ absehen. Finanzminister Arun Jaitley hielt dagegen: „Ich glaube, dass die Wiederaufstockung des Bargeldes, die Widerstandskraft der indischen Volkswirtschaft und einige Anzeichen dafür, dass das Wachstum auf der Welt zurückkehrt, erkennbar werden. Deshalb glaube ich, dass die Zahlen in den künftigen Quartalen weiter wachsen werden.“

          Produktion steigt angeblich, aber Nachfrage fehlt

          Das überzeugt nicht jeden. Harsch etwa geht die State Bank of India, die größte Bank des Subkontinents, mit den Zahlen der Regierung ins Gericht. Die größte Bank des Landes führt die nun ausgewiesene, erstaunlich Zahl auf die nachträgliche Korrektur der Zahl für das Vergleichsquartal 2015 zurück. Dies habe „den Einfluss der Demonetarisierung maskiert“. Aber: „Sogar wenn man dies mitberücksichtigt erscheint es unerklärlich, dass der positive Effekt der nachträglichen Verringerung im Vergleichsquartal stark genug ist, um die negativen Auswirkungen der Demonetarisierung zu überdecken.“

          Auch der Aktienhändler Edelweiss zweifelt an der staatlichen Statistik: Die Ökonomen dort wundern sich über den scharfen Anstieg der Industrieproduktion und des privaten Konsums. Denn die Wirklichkeit erzähle etwas anderes: „Dies überrascht uns weil einige Faktoren, wie der Verkauf von schnelldrehenden Verbrauchsgütern, der Verkauf von Automobilen und Motorrädern und das Kreditwachstum sich im Quartal alle verlangsamt haben.“ Die Standard Chartered Bank sekundiert: „Die Aktivität des privaten Sektors dürfte vom Bargeldentzug negativ betroffen sein.“

          Bargeld-Wirtschaft ignoriert

          Die Regierungsstatistik aber weist etwas anderes aus. Erklärungen dafür liefert auch die Unvollständigkeit der Statistik: „Insbesondere der bargeld-intensive unorganisierte Sektor und die kleinen und mittelständischen Firmen sind darin nicht enthalten“, heißt es beim Aktienhändler Kotak Institutional Equities.

          Die Bank Nomura stellt schlicht fest, dass die von der Modi-Regierung vorgelegten Daten keinen Sinn ergäben. „Aus unserer Sicht unterbewerten die offiziellen Statistiken den Einfluss des Bargeldentzuges auf das Wachstum deutlich.“ Analyst Sonal Varma verweist darauf, dass die Daten der einzelnen Sektoren eine ganz andere Sprache sprächen.

          Die überraschenden Werte lägen unter anderem daran, dass „die offiziellen Statistiken nicht in der Lage sind, die negativen Wachstumseffekte auf den unorganisierten Sektor abzubilden“. Dieser aber beschäftigt bis zu 85 Prozent der indischen Arbeitskräfte.

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