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Anwohner genervt : Mit dem Heli in den Urlaub

Für 700 Dollar spart man sich den Stau zwischen den „Hamptons“ und New York. Bild: JOHNNY MILANO/The New York Times

Immer mehr New Yorker wählen den Luftweg, um in die beliebten Nobelstrandorte zu kommen. Der Fluglärm in den „Hamptons“ ärgert die Anwohner – und beschäftigt nun sogar den Obersten Gerichtshof.

          Es ist das Sommerritual der Reichen und Schönen aus New York: Am Wochenende geht es in die „Hamptons“. Das sind die Nobelorte auf Long Island, mit Namen wie East Hampton, Southhampton oder Bridgehampton, um die 150 Kilometer von der amerikanischen Metropole entfernt. Es sind kleine Gemeinden mit einladenden Stränden, und sie werden im Sommer von New Yorkern überrannt. Sie bieten Erholung von der Großstadthektik ebenso wie schicke Partys. Hier wohnen Prominente aus dem Showgeschäft und aus der Wirtschaft in zum Teil riesigen Villen. Popstar Jennifer Lopez hat sich hier niedergelassen, ebenso wie Regisseur Steven Spielberg, Modedesigner Calvin Klein oder Investor Carl Icahn.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Wie elitär die Gegend ist, kann man daran ablesen, dass mehr als die Hälfte der Häuser in den Hamptons nicht Hauptwohnsitz ihrer Inhaber sind. Die Immobilienpreise zählen zu den höchsten in ganz Amerika, im Moment steht ein Anwesen für 145 Millionen Dollar zum Verkauf. Wer sich kein eigenes Haus leisten kann oder will, kann die Hamptons in einem sogenannten „Summer Share“ genießen. Dabei tut sich eine Gruppe von Personen zusammen und mietet ein Haus, oft für den ganzen Sommer. Auch das kostet üblicherweise Zehntausende von Dollar je Haus, bisweilen auch mehr als 100.000 Dollar.

          Wer das nötige Kleingeld hat

          Das Strandvergnügen hat allerdings einen Haken. Denn von New York in die Hamptons zu gelangen, kann zu einem Albtraum werden. An Wochenenden staut sich der Verkehr, manchmal geht es nur im Schneckentempo voran, die Fahrt kann vier Stunden oder mehr dauern. Züge, die in die Hamptons fahren, sind oft hoffnungslos überfüllt.

          Wer das nötige Kleingeld hat, wählt deshalb den Luftweg in die Hamptons und kann von oben zusehen, wie die Autos auf dem Weg in die Strandorte in Staus festsitzen. Dazu muss man nicht unbedingt seinen eigenen Privatjet oder Hubschrauber oder superreiche Freunde haben. Es gibt immer mehr Unternehmen, die Flüge in die Hamptons anbieten. Zum Beispiel Blade, eine Art Uber für Hubschrauber. Das vor drei Jahren gegründete Unternehmen bietet Sitze in Hubschraubern an, die vom zentralen New Yorker Stadtteil Manhattan aus direkt in die Hamptons fliegen. Auch das ist keineswegs ein billiger Spaß, das günstigste Ticket für diesen Samstag kostet zum Beispiel 695 Dollar. Aber ein Flug in die Hamptons wird damit für eine größere Gruppe zu einer erschwinglichen Option. Und die Anreise verkürzt sich enorm, der Flug dauert nur rund eine halbe Stunde.

          Diese Angebote haben in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, dass der Flugverkehr in den Hamptons erheblich zugenommen hat. Das missfällt vielen der alteingesessenen Anwohner, die sich über den gestiegenen Fluglärm beklagen. East Hampton, einer der schicksten Orte in der Region, hat daher durchgegriffen, nachdem 2015 die Zahl der Starts und Landungen von Hubschraubern auf seinem kleinen Flughafen innerhalb eines Jahres um fast 50 Prozent gestiegen war. Die Gemeinde erließ ein Nachtflugverbot und andere Restriktionen. Damit trat sie einen Rechtsstreit los, der kürzlich sogar den Obersten Gerichtshof in Washington erreichte.

          Eine Gruppe mit dem Namen „Friends of the East Hampton Airport“ klagte gegen das Verbot. Zu ihr gehören einheimische Betriebe, die vom Flughafen abhängen. Sie wiesen darauf hin, wie wichtig das Publikum sei, das per Flugzeug anreise und nicht dauerhaft in den Hamptons wohne. „Diese Urlauber nehmen an der lokalen Wirtschaft teil, indem sie Reinigungskräfte für Swimming Pools und Gärtner einstellen und indem sie Geld in hiesigen Geschäften und Restaurants ausgeben.“ Auf der Gegenseite bildeten sich gleich mehrere Interessengruppen, um dem Flugbetrieb den Kampf anzusagen.

          Ein Signal an andere Kommunen

          Zum Beispiel eine „Quiet Skies Coalition“, deren Mitglieder beklagten, sie würden mitten in der Nacht von Fluglärm geweckt und in ihren Häusern würden Gläser zerbrechen, wenn Flugzeuge landen. Oder die nach dem Kürzel für den Flughafen benannte Vereinigung „Say NO to KHTO“, die sogar fordert, den Flughafen ganz zu schließen und anderweitig zu nutzen, zum Beispiel für Spielplätze oder ein Industriegebiet mit umweltfreundlichen Betrieben. Die Gruppe sagt, der in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eröffnete Flughafen habe sich weit von seinem ursprünglichen Nutzungszweck entfernt. Er sei eigentlich für Hobbypiloten gedacht gewesen, aber dann hätten reiche Hauseigentümer in den siebziger Jahren angefangen, ihn zum Pendeln zu benutzen, und seither sei er zu einem immer größeren Ärgernis geworden.

          Ein schöner Ort zum Erholen: East Hampton nahe New York

          Die Flughafenfreunde argumentierten in ihrer Klage, East Hampton habe mit seinem Flugverbot gegen ein Gesetz aus dem Jahr 1990 verstoßen, das die Autorität von Gemeinden einschränke, Restriktionen für den Flugbetrieb zu erlassen. Ein Gericht stellte sich zunächst weitgehend auf die Seite von East Hampton und den Gegnern des Flugverkehrs. Diese Entscheidung wurde dann aber im vergangenen Herbst von einem Berufungsgericht revidiert, das die Flugrestriktionen für ungültig erklärte. Schließlich wurde als höchste Instanz der Oberste Gerichtshof angerufen, sich mit der Auseinandersetzung zu beschäftigen. Die Richter in Washington zogen es in Erwägung, den Fall noch einmal aufzurollen, entschieden sich aber kürzlich doch dagegen. Damit hat das vorherige Urteil Bestand, und East Hampton darf sein Flugverbot nicht umsetzen.

          Die Entscheidung ist jenseits der Strandgemeinden vor den Toren New Yorks auch von nationaler Relevanz. Sie gibt ein Signal an andere Kommunen, dass ihr Einfluss auf ihre Flughäfen begrenzt ist. Die Anwohner in East Hampton müssen sich jetzt bis auf weiteres auch am späten Abend und am frühen Morgen mit den Hubschraubern und Privatjets arrangieren. Und womöglich zählen sie die Tage, bis der Sommer und damit auch der größte Andrang vorbei ist.

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