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Ni hao aus Peking : Indiens ländliche Märkte sind viel interessanter als Chinas

Morgengymnastik in Peking Bild: AFP

Die Kaufkraft auf dem Land wächst schneller als in den Städten. Auch ausländische Anbieter profitieren von den 863 Millionen Konsumenten - 12 Prozent der Weltbevölkerung.

          Konsumgüterhersteller balgen sich in China vor allem um die Käuferschaft in den Städten. Seit zwei Jahren lebt erstmals in der Geschichte des großen Landes eine Mehrheit in urbanen Zentren. Ihr verfügbares Pro-Kopf-Einkommen ist dreimal so hoch wie das der Bauern. Die Frage unter den nationalen und internationalen Herstellern, Händlern und Marketingstrategen ist deshalb nicht, ob sie sich auf die Städte konzentrieren sollen, sondern auf welche.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Der Ost- und Südküstenstreifen mit den Zentren Peking, Tianjin, Schanghai, Kanton und Shenzhen verfügt zwar über die größte Kaufkraft. Die Wirtschaft wächst hier aber langsamer als im Hinterland, manche Märkte sind bereits gesättigt. Deshalb zieht die Karawane der Verkäufer und Investoren weiter Richtung Westen in die riesigen und oft noch unterversorgten Binnenregionen der Volksrepublik. Dort wollen Megastädte wie Chengdu oder Chongqing erobert werden.

          Indien hängt China beim Bevölkerungswachstum ab

          Ganz anders sieht die Lage in Indien aus, Chinas großem Rivalen um den Titel „größter Markt der Welt“. Noch leben dort zwar weniger Menschen als im Reich der Mitte, da aber die Bevölkerungszahl viel schneller zunimmt, wird sich die Rangfolge bald umkehren. Dreiviertel der Inder wohnt auf dem Land, rund 863 Millionen Menschen, – was unglaublichen 12 Prozent der Weltbevölkerung entspricht. In China sind es 687 Millionen; im Jahr 2000 war die ländliche Einwohnerschaft dort noch größer als in Indien.

          Das Beratungsunternehmen Accenture hat die enormen Märkte in Indien untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass sie lukrativer sind und schneller wachsen als jene in den Städten. Deshalb sollten Anbieter von Waren und Dienstleistungen dort verstärkt ihr Glück versuchen und sich zu „Rural Masters“ entwickeln,  zu Ländlichen Meister, empfiehlt der zuständige Geschäftsführer Sanjay Dawar.

          Verachtfachung der Konsumausgaben bis 2025

          Bemerkenswert ist tatsächlich, dass sich zwischen 2009 und 2012 die Ausgaben je Einwohner auf dem Land jeden Monat um 19,2 Prozent erhöht haben. Leider wird nicht klar, ob es sich um nominale oder reale Werte handelt, aber eindeutig ist der Abstand zum urbanen Konsum, der um zwei Prozentpunkte geringer zulegt. Jedes Jahr gäben die Bauern umgerechnet etwa 35 Milliarden Dollar aus, die Städter 28 Milliarden. Zusammengenommen klingt das viel, je ländlichem Verbraucher sind das aber nur rund 40 Dollar im Jahr.

          Allerdings sind die Zuwachsraten eindrucksvoll: Seit dem Jahr 2000 wächst das ländliche Bruttoinlandsprodukt je Kopf um durchschnittlich 6,2 Prozent im Jahr, in der Stadt sind es 4,7 Prozent. Noch gibt das ländliche Indien erst 12 Milliarden Dollar im Jahr für Konsumgüter aus, 2025 aber sollen es 100 Milliarden werden, also achtmal so viel.

          Die von Accenture befragten Geschäftsleute sehen in den Weiten des Subkontinents sagenhafte Potentiale schlummern. Angesichts der unzulänglichen Infrastruktur seien die Distributionskosten zwar hoch. Dennoch erwarten 46 Prozent auf dem Land höhere Gewinne als in den Metropolen. Ein Blick auf einzelne Produktgruppen illustriert die schnelle Entwicklung. 2005 hatten erst 26 Prozent der Haushalte ein Fernsehgerät, fünf Jahre später waren es 42 Prozent. Die Ausstattung mit Zweirädern aller Art hat sich in dieser Zeit verdoppelt. Jede zweite Familie habe mittlerweile ein Mobiltelefon, schreibt Accenture, sogar in den ärmsten Staaten Bihar und Orissa.

          Solche Aufstiegsgeschichten lassen die Fixierung ausländischer Anbieter auf die urbanen Mittelschichten, vor allem in China,  in einem weniger hellen Licht erscheinen. Die gehen übrigens gerade durch ein Wechselbad der Gefühle. In den Städten der Volksrepublik gibt es Hunderte Millionen Kleinanleger, die sich bis gestern enorm freuten: Weil es Hoffnung auf ein Konjunkturpaket gab, stiegen die lange gebeutelten Kurse so stark wie seit fünf Monaten nicht.

          Der Spuk der Kursgewinne ist in China schon wieder vorbei

          Heute ist der Spuk schon wieder vorbei, weil Finanzminister Lou Jiwei gesagt hat, China könne auch mit einem Wachstum von 6,5 Prozent leben. Daraufhin geben die Kurse in Schanghai, Shenzhen und Hongkong nach. Besser sieht es – wieder einmal – im Rest Asiens aus. Der überwölbende Regionalindex MSCI Asia Pacific baut seinen Wochengewinn auf 3,1 Prozent aus und ist damit auf dem Weg zum größten Anstieg seit April.

          Und in Indien? Da öffnen die Märkte gerade erst. Viel wird davon abhängen, wie gut oder schlecht die heute vorzulegenden Geschäftszahlen von Infosys aussehen, Indiens zweitgrößtem Softwaredienstleister. Die letzten Tage an der Börse in Bombay – der ältesten in Asien - waren jedenfalls vielversprechend. Fast so viel versprechend wie die Absatzchancen in dem großen schönen Land.

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