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Ni hao aus Peking : China wird zur zweiten Heimat von SAP

Morgengymnastik in Peking Bild: AFP

Weil der neue Konzernchef aus Amerika kommt, fürchtet die deutsche Zentrale um ihren Einfluss. In Wirklichkeit spielt die Musik demnächst in Fernost.

          Kurz vor seinem Weggang schlägt SAP-Co-Chef Jim Hagemann Snabe noch einmal eine Orientierungsmarke ein. „Das Potential des chinesische Markts ist unendlich für uns“, sagte er der amtlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua. „Es gibt Millionen Unternehmen hier, die in die Welt hinaus wollen“, weiß der Konzernlenker, und er meint damit, dass viele von ihnen eine Datenverwaltung von SAP brauchen werden. Millionen Unternehmen!

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Kein Wunder, dass der Manager so euphorisch ist.Tatsächlich tut sich einiges in der chinesischen Unternehmenslandschaft. Zum Wochenbeginn hat die Regierung einen Teil der strengen Eigenkapitalanforderungen zum Gründen neuer Firmen gestrichen, um die Privatwirtschaft zu beleben. Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende neuer Betriebe könnten entstehen – ein gefundenes Fressen für SAP. Mitbekommen wird Hagemann Snabe den Siegeszug nur noch als Externer, denn im Frühjahr verlässt er das Führungsduo und übergibt die alleinige SAP-Spitze an den Amerikaner Bill Mc Dermott.

          Schon jetzt sind einige Stabsstellen in die Vereinigten Staaten umgezogen, so dass der Konzernsitz in Walldorf um Einfluss und Ansehen bangt. Dabei spielt die Musik für SAP, den führenden Anbieter von Unternehmenssoftware, demnächst weder in Deutschland noch in Amerika, sondern, wie Hagemann Snabe richtig erkennt, im neuen Land der unbegrenzten Möglichkeiten: in China.

          China als Vorreiter im globalen Geschäft

          Im dritten Quartal habe SAP in Asien wieder stark zugelegt, sagte der scheidende Chef, vor allem in der Volksrepublik. „Das hat SAP ein prozentual zweistelliges Wachstum gebracht.“ Noch deutlicher wird Stephen Watts, der Leiter des Asien-Geschäfts. „China ist unsere zweite Heimat“, findet er. Der Umsatz in keinem anderen Land sei in den vergangenen vier Jahren so stark gestiegen wie hier.
          Heute erwirtschaftet SAP etwa 4 Prozent seiner Erlöse in dem großen Land, etwa 660 Millionen Euro. Seit 2007 habe sich der China-Umsatz verfünffacht, in den kommenden zwölf Monaten werde China das Nachbarland Japan überholen und sich zum wichtigsten SAP-Markt in Asien aufschwingen, erwartet Watts.

          Er bemüht sich klarzustellen, dass diese Leistung nicht auf Kosten des Mutterhauses geht. „Walldorf verliert nichts von seinem Status, unser Erfolg in Asien kommt zu den großen Erfolgen der Zentrale noch hinzu.“ Der Ire sagt, dass die deutsche Herkunft eines der größten Pfunde sei, mit dem SAP im Asien-Pazifik-Raum wuchern könne. Schon deshalb werde man sie nicht aufs Spiel setzen.

          Umsatzverdopplung alle drei Jahre

          SAP gehe es wie den Automarken VW, BMW, Mercedes oder Porsche, die von der großen Wertschätzung der Chinesen für die Deutschen, ihre Produkte, die Qualität und das Geschäftsgebaren profitierten. „Unsere größte Stärke ist, dass wir einen deutschen Hintergrund haben.“ Watts rechnet mit 25 bis 40 Prozent Wachstum im Jahr. „Wir werden den Umsatz in China alle drei Jahre verdoppeln.“

          SAP ist schon seit 21 Jahren im Land, halb so lange, wie es das Unternehmen gibt. Aber erst in letzter Zeit hat das Geschäft stark zugelegt. Als Teil einer Wachstumsoffensive sind in den vergangenen zweieinhalb Jahren 2200 neue Mitarbeiter eingestellt worden. Von den heute 4200 Beschäftigten sind mehr als die Hälfte Entwicklungsingenieure. SAP hat in China derzeit 6000 Kunden, kann sich aber bis zu einer Million vorstellen. Die Investitionen in neue Unternehmen, Mitarbeiter, Standorte und Produkte will sich der Konzern in China bis 2015 rund 2 Milliarden Dollar kosten lassen. Watts verrät: „Es wird sicher mehr werden.“

          Mehr wird es endlich auch wieder für die Anleger in China. Nach der Flaute der Vorwoche steigen die Kurse heute etwas. Der Hongkonger Leitindex Hang Seng legt um 0,5 Prozent zu. Zuvor war er fünf Tage lang gesunken, so dass die Vorwoche die höchsten Verluste seit zwei Monaten verzeichnet hatte.

          Anlegerpsyche: Schlechte News aus Amerika sind gute News

          Auch auf dem chinesischen Festland, dessen Börsen allen anderen großen Märkten hinterherhinken, kommt etwas Optimismus auf. Der Shanghai Composite Index schafft immerhin ein Plus von 0,2 Prozent. Die Märkte spiegeln die günstige Entwicklung im Rest Asiens wider. Der Regionalindex MSCI Asia Pacific gewinnt 0,7 Prozent hinzu, nachdem er vergangene Woche um 1,5 Prozent in die Tiefe gerauscht war. In Tokio geht es heute morgen um 0,7 Prozent aufwärts, in Australien um 1,2 Prozent.

          Der Grund für die Zugewinne ist so eigenartig wie die Psyche der Investoren. In den Vereinigten Staaten hat sich das Verbrauchervertrauen als schlechter erwiesen als vorausgesagt. Man könnte meinen, solch miese Daten aus der größten Volkswirtschaft der Welt belasteten die Märkte. Das tun sie Analysten zufolge aber deshalb nicht, weil nun die Chancen steigen, dass die amerikanische Notenbank ihre Politik des billigen Geldes fortsetzt. Das wiederum könnte Unternehmen und damit deren Aktionären helfen.

          Man sieht, wie schwierig vorherzusagen die Entwicklungen sind. Das könnte auch für den China-Erfolg von SAP gelten. Im ersten Halbjahr zum Beispiel liefen die Geschäfte viel schlechter als prognostiziert. Auch in Fernost gilt: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Schließlich hat China das Porzellan erfunden.

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