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Nach Unruhen : Singapur gibt dem Alkohol Schuld an Krawallen

Aufräumen nach den Krawallen am Sonntag vor einer Woche. Bild: AFP

Singapur hat die schwersten Unruhen seit 40 Jahren hinter sich. Liegt es am Alkohol, wie die Regierung sagt? Oder doch an den Lebensbedingungen der Gastarbeiter?

          Als Auslandskorrespondenten gehören wir zu den privilegierten „Expats“ in Singapur, die sich im teuren Stadtstaat gerade noch einen akzeptablen Lebensstil leisten können. Anders sieht das für die ausländischen Gastarbeiter aus, die Haushaltshilfen aus den Philippinen, Indonesien und Burma, die Bau- und Hilfsarbeiter aus Indien, Sri Lanka und Bangladesch. Insgesamt sind etwa 1,3 Millionen der 5,4 Millionen Einwohner Singapurs Ausländer. Die meisten arbeiten für Niedriglöhne und können sich am Sonntag, dem einzigen freien Tag der Woche, kaum mehr gönnen als einen Ausflug in einen der städtischen Parks.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Allerdings ist an diesem Wochentag auch das bunte Ausgehviertel „Little India“ in der Regel sehr gut besucht. In dem Gebiet um die Serangoon Road lebten traditionell die indischen Arbeiter. Davon zeugen immer noch die indischen Restaurants, Schneider, Gewürzhändler und hinduistischen Tempel.

          Am gestrigen Sonntag ging es in dem Stadtviertel allerding weniger lebhaft zu als sonst. Die Regierung hatte in dem gesamten Gebiet ein Alkoholverbot verhängt. Der Grund für die Maßnahme waren die Unruhen eine Woche zuvor. Es waren die schwersten Krawalle in Singapur seit mehr als 40 Jahren. Etwa 400 Personen hatten sich beteiligt, Einsatzwagen angezündet und Polizisten mit Bierflaschen und Mülleimern beworfen.

          Unruhen wegen der Arbeitsbedingungen? „Keine Beweise“

          Der Auslöser war der Tod eines 33 Jahre alten indischen Bauarbeiters bei einem Verkehrsunfall. 3700 Arbeiter wurden danach von der Polizei in ihren Wohnunterkünften befragt, mehr als 30 Inder angeklagt. Ihnen drohen Haft- und Prügelstrafen. Die Regierung machte Alkohol zumindest als einen entscheidenden Faktor aus.

          Die internationale Presse suchte die tieferen Ursachen dagegen in den Lebensumständen der Gastarbeiter. Demnach wachse unter ihnen die Unzufriedenheit. So hatte es im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit langem in Singapur einen Arbeitsstreik gegeben. Busfahrer aus China hatten höhere Löhne gefordert. Die Regierung wies die Berichte, wonach die Unruhen auf den Unmut der ausländischen Arbeitskräfte zurückzuführen seien, gleichwohl zurück: „Dafür haben wir keine Beweise“, sagte Singapurs Ministerpräsident Lee Hsien Loong. Seine Regierung sorgt sich um den sozialen Frieden.

          Singapurer, die sich bislang besonders sicher fühlten, sind schockiert vom Ausmaß der Auseinandersetzung. Sie fürchten Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit. Dabei haben auch andere Länder in der Region derzeit mit Unruhen zu tun. Die Regierung in Thailand wird seit Wochen von Demonstranten belagert, in Bangladesch begehrten Islamisten gegen die Exekution eines ihrer Anführer auf.

          Die asiatischen Aktienindizes fallen denn auch seit Tagen. Das dürfte laut Agenturen allerdings weniger an der politischen Instabilität als an die Erwartungen an ein Treffen der amerikanischen Notenbank liegen, von dem Kürzungen bei Anlageanreizen ausgehen könnten. Die Börsen in der Region seien auf dem besten Weg, ein Dreimonatstief zu erreichen, schrieb Bloomberg.

          Singapur steht dabei im regionalen Vergleich wirtschaftlich noch gut da. Doch ein erheblicher Teil seines Bruttoinlandsprodukts wird mit Hilfe der ausländischen Arbeitskräfte erwirtschaftet. Weil die Geburtenrate niedrig ist, wird Singapur in Zukunft sogar noch mehr auf sie angewiesen sein. Viele Singapurer fürchten nun den Verlust der nationalen Identität. Sie sehen die Zuwanderung zunehmend mit Misstrauen und fühlen sich durch die Unruhen bestätigt. Die Regierung beschwichtigt wiederum. „Dieser schlechte Vorfall sollte nicht unser Bild von ausländischen Arbeitskräften trüben“, sagte Ministerpräsident Lee.

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