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Ende eines Rabattportals : Tod eines Einhorns

Nur billig auf der Brust ist noch kein Geschäft. Bild: dpa

Das Rabattportal Living Social war einmal Milliarden wert und hatte große Pläne. Stattdessen wurde es verkauft. Jetzt kam der Preis heraus: null.

          3 Min.

          Der Mutterkonzern des sozialen Netzwerks Snapchat steht kurz vor seinem Gang an der Wall Street. Die Snap Inc. wird mit Spannung an der Börse erwartet. Sie zählt zu den bekanntesten Mitgliedern aus dem Club der sogenannten Einhörner („Unicorns“). Mit diesem Begriff sind üblicherweise Technologieunternehmen gemeint, die noch nicht an der Börse sind und von Investoren mit einem Milliardenbetrag bewertet werden.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Die Bezeichnung ist allerdings mittlerweile reichlich irreführend, denn es gibt heute etliche solche Einhörner. Sie haben also nicht mehr annähernd den Seltenheitswert, den ihr Name suggeriert. Außerdem gibt es einige Beispiele für Unternehmen, die sich tatsächlich als Fabelwesen entpuppt haben und von deren einst astronomischer Bewertung nicht allzu viel übrig geblieben ist.

          Nichts gezahlt

          Ein besonders spektakulärer Fall ist jetzt in seiner ganzen Dimension bekannt geworden. Das Rabattportal Living Social, das einmal mit mehreren Milliarden Dollar bewertet worden ist, wurde im vergangenen Herbst an den Wettbewerber Groupon verkauft, und Groupon hat bei der Vorlage seiner Quartalszahlen vor wenigen Tagen den Preis genannt. Es habe „no consideration“ gegeben, stand in einer Mitteilung an die Börsenaufsicht SEC. Soll heißen: Der Preis lag bei Nullkommanull.

          Tiefer kann man also nicht fallen. Living Social wurde im Jahr 2007 gegründet und machte zusammen mit Groupon die Vermarktung von Online-Gutscheinen zu einem Trendgebiet in der Internetbranche. Die Unternehmen verkauften Gutscheine, die zum Teil drastische Preisnachlässe für eine breite Palette von Produkten und Dienstleistungen versprachen, von Reisen bis zu Restaurantbesuchen.

          Einst sechs Milliarden Dollar wert

          Groupon wurde zum wichtigsten Anbieter in dem Geschäft. Der Internetkonzern Google wollte im Jahr 2010 angeblich sechs Milliarden Dollar für das Unternehmen zahlen, kam aber nicht zum Zuge. Aber auch Living Social zog Interesse auf sich, der Online-Händler Amazon.com beteiligte sich 2010 mit 175 Millionen Dollar. 2011 ging Groupon mit einer Bewertung von mehr als 12 Milliarden Dollar an die Börse, und auch Living Social strebte eine Börsennotierung an. In einer außerbörslichen Finanzierungsrunde soll Living Social in jenem Jahr mit sechs Milliarden Dollar bewertet worden sein.

          Aber die Euphorie für die beiden Unternehmen und ihr Geschäftsmodell ließ sehr schnell nach. Verbraucher fanden das ständige E-Mail-Bombardement mit Sonderangeboten von Groupon und Living Social ermüdend. Groupon legte enttäuschende Zahlen vor, und ein Jahr nach dem Börsengang kosteten die Aktien nicht einmal mehr ein Viertel des Betrages, für den sie beim Wall-Street-Debüt ausgegeben wurden. Living Social blies seinen Börsengang ab, und Amazon sah sich 2012 gezwungen, die Beteiligung an dem Unternehmen fast vollständig abzuschreiben.

          Sowohl Groupon als auch Living Social haben verzweifelt versucht, ihre Strategie neu auszurichten, um Ersatz für das nachlassende Geschäft mit der Gutscheinvermarktung zu finden. Living Social vermittelte zum Beispiel Gutschriften auf Kreditkarten bei Restaurantbesuchen. Groupon fing an, jenseits seiner Gutscheine auch direkt Produkte wie Schmuck oder Elektronikgeräte zu verkaufen.

          Zumindest Living Social war aber offenbar nicht mehr zu retten und stimmte schließlich seinem Verkauf zum Nulltarif zu. Groupon hat Living Social nach eigener Aussage vor allem wegen seiner Kartei von noch rund einer Million aktiven Kunden übernommen. In den verbleibenden zwei Monaten des vergangenen Jahres, in denen Living Social zu Groupon gehörte, brachte der Neuerwerb einen Umsatz von neun Millionen Dollar, aber auch einen Nettoverlust von vier Millionen Dollar.

          Groupon

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          Groupon hat sich derweil zumindest etwas stabilisiert. Das Unternehmen hat sich radikal verschlankt und seine Belegschaft deutlich reduziert, es will sich außerdem aus fast einem Dutzend Ländern zurückziehen. Die von Groupon vorgelegten Zahlen waren außerdem besser als erwartet. Das Unternehmen hat in Nordamerika 2016 so viele Kunden gewonnen wie seit vier Jahren nicht mehr und konnte seinen Umsatz zumindest leicht ausbauen. Es hat aber auch einen hohen Verlust ausgewiesen. Die Marktkapitalisierung von Groupon liegt bei etwas mehr als 3 Milliarden Dollar, also noch immer weit unter dem Wert beim Börsengang.

          Living Social ist ein warnendes Beispiel für Investoren, aber bei weitem nicht das einzige. Auch andere einst hoch bewertete Unternehmen wie der Online-Händler Fab.com sind abgestürzt und wurden verschleudert. Euphorie kann also manchmal recht schnell der Ernüchterung weichen. Börsendebütant Snap steht nun unter dem Druck, zu beweisen, dass er im Gegensatz zu diesen gefallenen Stars zu einer dauerhaften Erfolgsgeschichte werden kann.

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