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Flugverkehr : Wenn es nieselt, fallen in China die Flüge aus

Pünktliche Flieger sind in China nicht selbstverständlich. Bild: AFP

Schon leichter Regen legt im Reich der Mitte den Luftverkehr lahm. Aus Angst vor schlechtem Wetter fiel in Peking gestern wieder mal jeder dritte Flug aus. Chinas Flughäfen sind eine Katastrophe in Sachen Pünktlichkeit – aus einem besonderen Grund.

          Die SMS kam bereits morgens um Zehn. Den gebuchten Flug am selben Spätabend von Peking nach Schanghai könne der Kunde leider nicht antreten, schrieb die Fluggesellschaft „China Eastern“. Die Maschine bleibe aller Voraussicht nach am Boden. Der Grund: schlechtes Wetter.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Schlechtes Wetter? Drohte ein Orkan über die chinesische Hauptstadt hinwegzufegen? Sturmwarnungen hatte es im sommerlichen Peking eigentlich zuvor nur für die deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen gegeben. China hatte im Vorfeld kräftig gepoltert, um den Deutschen Unterstützung bei der Erlangung des ersehnten Marktwirtschaftsstatus abzupressen. Deutschland wiederum will den Verkauf des Roboterherstellers Kuka nach China verhindern. Von der politischen Großwetterlage einmal abgesehen, zeigten sich am Pekinger Himmel indes am Vormittag allenfalls ein paar Wolken. Zeitweise setzte leichter Nieselregen ein.

          Für Chinas Luftüberwachung war das genug: wegen „Sturmgefahr“ sagte sie bis um zehn Uhr abends nicht weniger als 580 Flüge vom Pekinger Flughafen ab – jeden dritten Flug. Allerdings führt diese Statistik nur die abhebenden Maschinen auf. Ankommende Flüge nach Peking wurden ebenfalls abgesagt und müssen auf die Rechnung noch addiert werden. Ein Sturm blieb freilich bis zum späten Abend aus. Wieder einmal hat ein wenig Regen Chinas Luftverkehr halb lahmgelegt.

          Durch das Reich der Mitte mit dem Flugzeug zu reisen, ist ein Albtraum. Jeder Manager in China kann stundenlang von Verspätungen, Ausharren auf dem Rollfeld und Flugausfällen berichten, die wertvolle Zeit vergeudet und Nerven gekostet haben. Laut Ende Mai von Chinas Luftüberwachungsbehörde Civil Aviation Administration of China veröffentlichten Angaben betrug die durchschnittliche Verspätung für Flüge im vergangenen Jahr 21 Minuten, zwei Minuten mehr als noch 2014. Ein Drittel aller Flüge ist den offiziellen Angaben zufolge verspätet. Es ist eine Angabe, die Geschäftsreisende nicht nachvollziehen können: gefühlt tritt mindestens bei zwei von drei Flügen eine Verspätung auf, bei der die Fluggäste ohne Verpflegung in brüllender Hitze ohne weiteres auch schon mal sieben Stunden auf dem Rollfeld ausharren können.

          Während Chinas Hochgeschwindigkeitszüge zwar eng und laut sind, aber zwischen den großen Millionenmetropolen oft pünktlich auf die Minute ankommen, ist das Flugsystem ein Graus. Laut der Webseite FlightStats, die 188 Flughäfen auf der ganzen Welt auf Pünktlichkeit untersucht hat, landen die chinesischen Flughäfen ganz am Ende der Liste der Zuverlässigkeit. Am Schlimmsten ist es den Angaben zufolge im Flughafen Hangzhou in Ostchina, dem Sitz des Internetriesen Alibaba. Aber auch die Flughäfen in Schanghai und eben in der Hauptstadt Peking schneiden überdurchschnittlich schlecht ab. In Tokio beispielsweise weisen die Flüge eine Pünktlichkeit auf, die nahe an die Perfektion heranreicht, obwohl mehr Starts und Landungen abgewickelt werden.

          Chinas Himmel ist für Zivilflugzeuge nicht groß genug

          Ein Grund für die Misere an Chinas Flughäfen ist schlichtweg das schnelle Wachstum des Luftverkehrs, mit dem der Ausbau der Infrastruktur nicht mithält. 436 Millionen Fluggäste wies China im vergangenen Jahr auf, 11 Prozent mehr als noch 2014. Bis 2034 soll die Zahl gar um das Dreifache gestiegen sein. Das Land will bis 2020 nicht weniger als 66 neue Flughäfen errichten. Dann läge deren Gesamtzahl in der Volksrepublik bei 272. Nicht nur in der Hauptstadt Peking wird ein neuer Riesenflughafen gebaut, sonder auch in Chengdu, Qingdao, Xiamen und Dalian. In Schanghai entstehen am Flughafen Pudong seit Dezember gleich zwei neue Passagierterminals.

          Allerdings könnten die Verspätungen mit mehr Flughäfen und mehr Maschinen künftig nicht abnehmen, sondern vielmehr noch schlimmer werden. Denn sämtliche Experten in China sind sich über die Hauptursache der vielen Ausfälle und Verzögerungen im Flugverkehr einig: der chinesische Himmel ist für Zivilflugzeuge schlichtweg nicht groß genug. Genauer ausgedrückt: Chinas Militär hält einen so gigantisch großen Anteil des Luftraums unter Kontrolle, dass es auf den für Passagiermaschinen verbliebenden Strecken schnell zu Stau kommt.

          Chinesischen Staatsmedien zufolge ist weniger als 30 Prozent des Luftraums für Zivilmaschinen freigegeben. In den Vereinigten Staaten beträgt der Anteil hingegen 80 Prozent. Wenn Chinas Luftwaffe Übungen abhält, kann es schon mal passieren, dass Großflughäfen wie in Schanghai eben mal den Luftverkehr um ein Viertel reduzieren müssen, und das wochenlang.

          Wenn es anfängt zu nieseln, geraten Chinas Flugüberwacher schnell in Panik. Denn sollte sich tatsächlich am Himmel die Wolkendecke zuziehen, wird es eng, die Flugzeuge an einem möglichen Sturm vorbeizuleiten: es ist schlichtweg nicht genug Platz da.

          Chinas Regierung hat allerdings versprochen, den Luftraum bald stärker für Passagiermaschinen zu öffnen. Allerdings ist es mit den Öffnungsversprechen Pekings eine schwierige Angelegenheit, wie schon Kanzlerin Angela Merkel feststellen musste, die sich in der Hauptstadt die Klagen der deutschen Wirtschaft über zunehmende Diskriminierung anhören muss: was offiziell in China an Reformen verkündet wird, hat eine geringere Bedeutung als in anderen Ländern. Entscheidend ist allein die Frage: was wird auch umgesetzt?

          Leider hatten wir Hangzhou anfangs versehentlich in Süd- statt in Ostchina verortet. Der Fehler ist nun korrigiert. Vielen Dank für den Hinweis!

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