https://www.faz.net/-gqe-8f1tk

Wirtschaftstransformation : Kuba entdeckt den kleinen Unternehmer

Auch die mittlerweile berühmte „La Bodeguita del Medio in Havanna“ gehört einem „cuentapropista“. Bild: dpa

Eine halbe Million Kubaner haben sich selbständig gemacht. Viele haben Geld von Verwandten aus dem Ausland bekommen und in eine kleine Geschäftsidee gesteckt.

          2 Min.

          Die Öffnung Kubas darf man sich nicht als schnelle Angelegenheit vorstellen. Kuba werde sich nicht von den Idealen der Revolution verabschieden, nur weil der amerikanische Präsident Barack Obama zu einem historischen Besuch gekommen ist, hat die regierungstreue Zeitung des Landes, Granma, unmissverständlich klargestellt. Die Hürden für den ganz normalen Austausch von Gütern und Geld bleiben hoch. Der amerikanische Kongress sorgt dafür, dass Amerikas Sanktionen weiter gültig bleiben wie auch Kubas strikte Regulierung der Wirtschaft in Kraft bleibt.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Kuba allerdings kämpft mit einem schweren Problem, bei dessen Bewältigung Amerikaner helfen könnten. Rund 500.000 kubanische Angestellte des öffentlichen Dienstes suchen ein Auskommen. Das ist die Zahl der Beschäftigten im Staatsdienst, die Kubas Staatschef Raul Castro für unproduktiv hält. Sie werden entlassen oder versetzt. Dazu kommen noch viele hunderttausend aus unproduktiven Staatsunternehmen, die aufgelöst oder in privatwirtschaftliche Genossenschaften umgewandelt werden.

          Insgesamt, so eine Schätzung des kubanischen Finanzministeriums, müssen 1,8 Millionen Menschen in der Privatwirtschaft unterkommen. Der Prozess der Umstrukturierung hat schon vor einigen Jahren angefangen. Für viele der Freigesetzten weiß die sozialistische Regierung keine andere Berufsperspektive als die eines Klein-Unternehmers.

          Die cuentapropistas

          Und das ist keine kleine Revolution in diesem Land. Unternehmertum war lange verfemt im Karibik-Staat, und politischen Widerstand gibt es bis heute. Doch seit den neunziger Jahren dürfen lizensierte Kleinunternehmer etwa als Hoteliers, Fahrradmonteure, Gastwirte, Tischler, Maurer oder Friseure ihr Glück versuchen. Sie können sogar seit einigen Jahren Beschäftigte einstellen, Ausgaben von der Steuer absetzen und Räumlichkeiten für Privatleute mieten. 201 lizenzfähige Kleinunternehmerkategorien hat die kubanische Regierung heute aufgelistet, rund 500.000 Kubaner arbeiten einer Schätzung zufolge bereits als Kleinunternehmer, als cuentapropistas: Leute, die auf eigene Rechnung arbeiten.

          Was den kubanischen Kleinunternehmern aber fehlt, ist Geld für Investitionen. Hier kommen Geldanweisungen aus Übersee ins Spiel. Viele kubanische Familien waren schon immer auf Zuwendungen von Verwandten vor allem aus den Vereinigten Staaten angewiesen, wo 90 Prozent der Auslandskubaner leben. Im vorigen Jahr erweiterte die amerikanische Regierung zunächst die Summe, die vierteljährlich überwiesen werden darf, um im September das Limit ganz aufzuheben.

          Western Union

          Western Union, einer der wichtigsten Akteure im Geschäft mit internationalen Zahlungsanweisungen, hat eine besondere Erfahrung mit Überweisungen auf die Insel gemacht. Gewöhnlich werden die Transfers von Immigranten in ihre alte Heimat zur Finanzierung des täglichen Bedarfs und der Begleichung von Arzt- und Krankenhausrechnungen verwendet. In Kuba aber fließt nach Angaben des Unternehmens ein großer Teil der Überweisungen in die Geschäftsexpansion der Kleinunternehmer.

          Es gibt keine zuverlässigen Schätzungen, wie viel Geld nach Kuba fließt. Die Vereinten Nationen haben knapp 2 Milliarden Dollar für 2015 geschätzt. Western Union verfügt über genauere Zahlen, verrät sie aber nicht. Das Unternehmen erwartet einen kräftigen Anstieg. Seit Montag können Überweisungen aus allen Ländern nach Kuba getätigt werden. Größere kubanische Gemeinden gibt es außer in den Vereinigten Staaten noch in lateinamerikanischen Ländern, in Spanien und in Italien. Insgesamt leben etwa 1,4 Millionen Kubaner in der Diaspora. Den Effekt dieser Öffnung sieht Western Union als groß an. Das Unternehmen hat schon 490 Agenturen in Kuba.

          Weitere Themen

          Als das Krisengefühl verschwand

          Öffnung der Gastronomie : Als das Krisengefühl verschwand

          Früher galten die Deutschen als Stubenhocker. Doch in der Krise zeigt sich, was sonst nicht ins Bewusstsein dringt: Die Gastronomie ist systemrelevant. Seit wann ist das eigentlich so? Über die erstaunliche Bedeutung einer Leitbranche.

          Topmeldungen

          Nach Tod von George Floyd : Die Wut wächst

          Tausende Menschen sind in London, Berlin und Kopenhagen wegen des gewaltsamen Tods des Afroamerikaners George Floyd auf die Straße gegangen. In Amerika eskaliert die Lage weiter. Donald Trump macht die Antifa verantwortlich – und will sie als Terrororganisation einstufen lassen.

          Öffnung der Gastronomie : Als das Krisengefühl verschwand

          Früher galten die Deutschen als Stubenhocker. Doch in der Krise zeigt sich, was sonst nicht ins Bewusstsein dringt: Die Gastronomie ist systemrelevant. Seit wann ist das eigentlich so? Über die erstaunliche Bedeutung einer Leitbranche.

          Trump will G7 zu G11 erweitern : Eine neue Allianz gegen China?

          Russland reagiert zurückhaltend auf Trumps Vorstoß, die G7 zu erweitern. Australien, Indien und Südkorea zeigen sich offener – ohne Amerika wären sie Vasallenstaaten Chinas, warnt ein früherer Außenminister.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.