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Unbewohnbare Gegenden : Kommen bald die Klima-Flüchtlinge?

Indonesien: Ein Wald geht in Rauch auf Bild: Reuters

Wissenschaftler warnen vor den Vorboten einer neuen Flüchtlingswelle in Südostasien. Vor allem der Raubbau trägt dazu bei. Indonesien hat seit Juni Wälder in der Fläche Thüringens abgebrannt.

          Während die Welt über den Umgang mit Flüchtlingen aus Bürgerkriegsgebieten nachdenkt, weisen südostasiatische Wissenschaftler nun auf eine mögliche nächste Welle hin: Die „Klima-Flüchtlinge“.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Noch hat Neuseeland Mitte September einen Mann aus dem pazifischen Inselstaat Kiribati abgewiesen, der sich als Klimaflüchtling vor dem drohenden Untergang seiner Insel retten wollte. Doch war dies vor allem ein Medienereignis. Alan Chong und Tamara Nair von der Nanyang Technological University in Singapur aber fassen ein größeres Bild ins Auge: Ihnen gelten jene Menschen als Beispiel, die aufgrund von Klimakatastrophen ihren Wohnort verlassen müssen.

          Rauchnebel und El Nino

          Ausgangspunkt ihrer Überlegung ist der monatelange „Haze“, der Rauchnebel über weiten Teilen Südostasiens. Er entsteht in Indonesien, wenn dort Bauern und Konzerne aus Gewinngier die Plantagen mit Ölpalmen oder Akazien zur Papiergewinnung abbrennen, oder die Torffelder anzünden, um dort Plantagen anlegen zu können. „Wir werden mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit nach in Zukunft Tausende sehen, die aufgrund widrigen Wetters in ihren eigenen Ländern oder über die Grenzen hinweg wandern“, warnen die Wissenschaftler. „Die Brände in Indonesien in diesem Jahr könnten ein Vorbote sein.“ Sie fordern: „Wir müssen uns vorbereiten auf solche Formen der Evakuierung, Instandsetzung und Rückintegration auf nationaler und sogar regionaler Ebene.“

          Das Wetterphänomen El Nino, das zur Erwärmung des Pazifik führt, verschärft die Lage in diesem Jahr. Denn die Trockenheit und damit die Brandgefahr sind in der ganzen Region gestiegen. Der Klimawandel mit einer Erwärmung verschlimmert die Haze-Katastrophe; ihr Ausgangspunkt aber ist die Profitgier einiger verantwortungsloser Unternehmen und ihrer Handlanger.

          Die Schuld hat ganz allein der Wind

          Die Folgen sind dramatisch: Der World Wildlife Fund schätzt, dass in Indonesien seit Juni eine Waldfläche in der Größe Thüringens vernichtet worden sei: rund 1,7 Millionen Hektar. Die Feuer hätten Treibhausgas-Emissionen von rund 1,7 Milliarden Tonnen produziert – fast das Doppelte des gesamten jährlichen Ausstoßes Deutschlands.

          Dabei weisen die Indonesier weiterhin jede Schuld an der selbstverursachten Katastrophe mit einer gehörigen Portion Zynismus ab. So sagte Jusuf Kalla, der Stellvertretende Präsident der größten Volkswirtschaft Südostasiens, gerade in Manila mit Blick über die Giftwolke, die über der gesamten Region hängt: „Ein Problem ist der Wind. Den können wir nicht kontrollieren. Zehn Monate im Jahr bringt er unseren Nachbarländern unser gutes indonesisches Wetter. Und dafür verlangen wir ja auch kein Geld.“ Er hoffe nun, dass die Regierungen sich in Paris darauf einigten, gemeinsam für eine Wiederaufforstung des Regenwaldes zu zahlen, den Indonesien in den vergangenen Jahrzehnten abgeholzt hat.  

          Die Singapurer geben sich mit solchem Unfug wie Kalla in öffentlich kundtut, nicht mehr zufrieden. Singapurs Politiker, in der Regel sehr zurückhaltend, haben in diesem Jahr erstmals einen Boykott von Produkten der Konzerne angeregt, die sich an der Praxis beteiligen.

          Evakuierungen von Städten haben begonnen

          Die Wissenschaftler warnen nun vor möglichen Folgen des Frevels: „Wenn Evakuierungen von Bewohnern von Dörfern und Städten angeordnet werden, steht der Feind meist schon vor den Toren. Man denkt bei solchen Sätzen an Syrien, Afghanistan oder den Nordirak. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür steigt in Südostasien. Die tödliche Gefahr vor dem Tor ist kein Eindringling und kein Terrorist. Es ist die Umweltvergiftung.“

          Dann verweisen sie darauf, dass Indonesien selbst die Marine beorderte, Schiffe vor die Küsten der betroffenen Inseln zu entsenden, um die Menschen von dort in Sicherheit zu bringen. Auch seien Notsiedlungen an anderen Orten aufgebaut worden, um die Haze-Flüchtlinge dort unterzubringen. Damit setzten dieselben Bedingungen ein, unter denen Flüchtlinge an anderen Ecken der Welt leiden: „Wenn die Haze-Flüchtlinge in andere Regionen strömen, müssen die Gastkommunen darauf vorbereitet sein. Und wenn Kinder die ersten sind, die evakuiert werden, müssen Maßnahmen zur Wiedervereinigung von Familien installiert sein. Werden die Haze-Flüchtlinge in andere Länder gebracht, müssen dort besondere Vorkehrungen und Einrichtungen installiert sein, insbesondere dann, wenn es sich um Frauen und Kinder handelt. Auch wenn ihr Recht auf freie Bewegung eingeschränkt werden dürfte, muss die körperliche Unversehrtheit während der Evakuierung, dem Aufenthalt und der Rückkehr gesichert sein.“

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