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Japan : Risse im Fundament der Abenomics

Geschäftsleute in Tokio: Der starke Yen bedroht die Abenomics. Bild: Reuters

Die Börsenturbulenzen bedrohen ein Fundament der Abenomics: den schwachen Yen. Auch im Inland bröckelt ein Baustein. Gewerkschaften und Unternehmen schrecken vor kräftigen Lohnerhöhungen zurück.

          2 Min.

          Die Börsenturbulenzen seit Jahresbeginn sind ein globales Phänomen. Für ein Land aber sind sie mehr: Japan. Mit der Flucht in den Yen und der Stärkung der japanischen Währung droht ein Fundament der Abenomics, der nach Ministerpräsident Shinzo Abe benannten expansiven Wirtschaftspolitik, wegzubrechen. Das kommt ausgerechnet zu einer Zeit, in der der Druck der Regierung zu Lohnerhöhungen nicht mehr so stark zu wirken scheint. Damit droht ein weiterer Bestandteil der Abenomics zu zerbröseln.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Ob die Bank von Japan es hören will oder nicht, die geldpolitisch induzierte Schwäche des Yen war in den vergangenen Jahren einer der entscheidenden Triebkräfte hinter der wirtschaftlichen Erholung des Landes. Die Rekordgewinne vieler Großunternehmen, die erstarkende Exportkraft und auch der Rekordzustrom ausländischer Touristen nach Japan gründen zumindest zum Teil im schwachen Yen. Dieser Faktor droht nun wegzubrechen. Mit den Börsenturbulenzen attrahiert der Yen Fluchtkapital auf der Suche nach einem sicheren Hafen. Seit Jahresbeginn hat der Yen gegenüber dem Dollar schon etwa 3 Prozent an Wert gewonnen.

          Auch grundsätzlich spricht einiges für einen stärkeren Yen. Historisch gesehen neigt der Yen zur Stärke, wenn die amerikanische Notenbank Federal Reserve einen Zinserhöhungszyklus beginnt. Ein Zeichen der Sorge: Zum ersten Mal seit Herbst 2012 wetteten die Anleger in ihrer Gesamtheit zuletzt auf eine weitere Stärkung des Yen und nicht mehr auf eine Abwertung. Das zeigen Daten der amerikanischen Future Commodity Trading Commission.

          Japans Exportunternehmen könnten nach einer Umfrage der Wirtschaftszeitung Nikkei mit einem Wechselkurs des Yen zum Dollar von 115 bis 125 Yen je Dollar gut leben.  Die jüngste Aufwertung in dieser Woche auf 115,99 Yen je Dollar ist damit ein Alarmsignal. Der Yen ist damit so stark wie zuletzt vor etwa einem Jahr. Bemerkenswert ist dennoch, dass nur etwa die Hälfte der von Nikkei befragten Unternehmen eine weitere Lockerung der Geldpolitik durch die Bank von Japan wünscht.

          Analysten und Marktbeobachter in Japan erwarten, dass die Notenbank bei einem Wechselkurs von etwa 115 Yen je Dollar aktiv werden und die Geldpolitik weiter lockern würde. Notenbankgouverneur Haruhiko Kuroda zeigte sich zuletzt indes noch gelassen. Bis zur Sitzung der Zentralbank Ende Januar könnte sich das noch ändern. Solche Spekulationen trieben den Yen am Donnerstag in Tokio zeitweise auf mehr als 117 Yen je Dollar.

          Vorsichtige Gewerkschaften, vorsichtige Unternehmen

          Während die Bank von Japan die Wechselkursflanke der Abenomics mit einer noch lockeren Geldpolitik noch halten könnte, droht Ungemach im Inland. Der Druck der Regierung und der Bank von Japan zu Lohnerhöhungen, um die Nachfrage anzuheizen und um den Inflationsdruck zu stärken, wirkt offenbar nicht mehr richtig. Der Gewerkschaftsbund Rengo fordert zwar wie im Vorjahr eine Erhöhung des Grundgehalts um 2 Prozent oder 6000 Yen (47 Euro) im Monat. Angesichts des schwierigeren Geschäftsumfelds aber reduzieren Einzelgewerkschaften ihre Forderungen. Die Gewerkschaften von Toyota Motor und Nissan Motor etwa verlangen nur noch 3000 Yen mehr im Monat. Diese Forderungen sind nur noch halb so hoch wie im Vorjahr.

          Auch die Unternehmen werden zögerlicher. Keidanren, der wichtigste Wirtschaftsverband, hat vor den Lohnverhandlungen der Frühjahrsoffensive klargestellt, dass man lieber Boni als das Grundgehalt erhöhen möchte. Auch das ist eine Abkehr von den Vorjahren und demonstriert die angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheiten gewachsene Vorsicht.

          Für die Regierung ist das unangenehm, weil der Grundgedanke der Abenomics, mit höheren Löhnen Japan die Deflation auszutreiben, offenbar nicht mehr richtig zieht. Wer freilich von vorneherein skeptisch war, dass man mit höheren Löhnen in Japan mehr Beschäftigung hervorzaubern könne, der kann die aktuelle Entwicklung nur positiv sehen.

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