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IWF-Ausblick : Warum die Ungleichheit in Asien steigt

Tokio mit dem Fuji Bild: AFP

Die Ungleichheit der Einkommen steigt in Asien schneller und ist größer als im Rest der Welt. Das analysiert der Internationale Währungsfonds. Ist das ein Problem?

          Es ist von einem Verlust zu berichten. Das Wunder des Wirtschaftswachstums mit Gleichheit gibt es nicht mehr. Das notiert der Internationale Währungsfonds in seinem am Dienstag vorgelegten Asien-Ausblick. In der Vergangenheit hätten Länder in Asien es geschafft, hohe Wachstumsraten mit einer ausgewogenen Verteilung der Einkommenszuwächse zu verbinden. Die IWF-Ökonomen nennen das ein Wunder. Seit 1990 sei das nicht mehr der Fall, bemerkt der IWF und belegt dies mit ausgiebigen Berechnungen.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die Ungleichheit in Asien sei, gemessen am Gini-Koeffizienten, einem Maß der Einkommensungleichheit, mittlerweile größer als im Rest der Welt. Besonders drastisch sei die Ungleichheit in den bevölkerungsstärksten Ländern Asiens gestiegen. Wie im Rest der Welt sei die Ungleichheit in den Schwellenländern höher und steige schneller als in den industrialisierten Ländern.

          Vorhersehbar leitet der Fonds aus diesem Befund ab, dass die Regierungen mehr umverteilen sollten. Die größere Ungleichverteilung der Einkommen führe dazu, dass Wirtschaftswachstum weniger stark gegen die Armut helfe, und verhindere den Aufbau einer substantiellen Mittelschicht. Spannender in der Analyse ist, wie der IWF die gestiegene Ungleichheit begründet. Zwei Argumente fallen dabei auf.

          China und Indien treiben die Ungleichheit

          Vor allem zwei Länder sind für die größere Ungleichheit in Asien verantwortlich: China und Indien. In China wuchs die Einkommensungleichheit im vergangenen Vierteljahrhundert rasant, in Indien auch, aber weniger stark. In den anderen Ländern Asiens legte die Ungleichheit erheblich weniger stark zu. China und Indien sind Musterbeispiele für eine rasante wirtschaftliche Entwicklung, die zuerst die Ballungszentren in den Großstädten erfasst und weitaus langsamer in die ländlichen Gebiete ausgreift. Die räumliche Divergenz erkläre in beiden Ländern viel des Anstiegs der Ungleichheit, analysiert der IWF.

          Auch im 19. Jahrhundert, als die Industrialisierung Deutschland und Europa ergriff, entwickelte die Wirtschaftskraft zwischen Kernzentren und Randgebieten sich sehr unterschiedlich. Der Wohlstand durch die Industrialisierung breitete sich erst über Jahrzehnte von den Industriezentren in die ländlichen Regionen aus. Bessere Verdienstmöglichkeiten in den Industrieunternehmen waren für viele Anreiz und Verheißung, in die Städte zu ziehen und am wirtschaftlichen Aufschwung teilzuhaben. Die Ungleichheit der Einkommen war insoweit Motor der Entwicklung.

          Grob betrachtet spiegeln auch die Daten des IWF einen solchen Prozess wider. Die Länder Asiens, die seit vielen Jahren wirtschaftlich aufholen und schneller wachsen als der Rest der Welt, erleben eine größere Ungleichheit. Die industrialisierten Länder im Westen, in denen der Staat intensiv umverteilt, wachsen dagegen langsamer. Ist die Schlussfolgerung daraus wirklich, dass die Politik stärker umverteilen sollte? Oder nicht genau das Gegenteil? Anders gefragt: Wäre Westeuropa im 19. Jahrhundert schneller vorangekommen, wenn die wirtschaftliche Entwicklung während der Industrialisierung durch staatliche Gleichmacherei gebremst worden wäre?

          Der Fluch offener Kapitalmärkte?

          Ein zweites Argument in der Studie des Währungsfonds sticht ins Auge. Mit bedauerndem Unterton analysieren die Ökonomen, dass die global offenen und breiteren Kapitalmärkte den Faktor Kapital begünstigten. Arbeitnehmer und Angestellte, der Produktionsfaktor Arbeit, seien im Ringen um die Verteilung des Erwirtschafteten geschwächt. Das verstärkt nach der Analyse die Ungleichheit der Einkommen. Denn Arbeiter haben meistens weniger Kapital als die Reichen und profitieren so von der höheren Kapitalrendite weniger.

          Dieser Zusammenhang lässt sich auch anders beschreiben. Wenn Hunderte Millionen Chinesen und Inder sich in die Weltwirtschaft einklinken bleibt es nicht aus, dass Kapital über viele Jahre relativ knapper ist als zuvor. Im Vergleich zur Arbeit erzielt der Faktor Kapital dann lange Zeit eine relativ höhere Rendite. Das ist der Anreiz, um mehr Sparkapital zu bilden, das Investitionen und so mehr Arbeitsplätze ermöglicht. Der IWF beschreibt diese wirtschaftliche Entwicklung als Problem der Ungleichheit. Damit fällt unter den Tisch, dass zugleich Millionen Asiaten Arbeitsplätze finden und höhere Einkommen erzielen. Ein wenig klingt das Klagen des IWF deshalb wie: Wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass!

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