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Indonsesien : Jokonomics als Hoffnungswert

Bild: AP

Südostasiens größte Volkswirtschaft könnte vielleicht schon bald von einer Wirtschaftspolitik geprägt sein, die ein wenig an Japan erinnert. Doch davor erwartet das Land erst einmal einen Wahlmarathon.

          Gewöhnen wir uns an ein neues Wort: Jokonomics. Das ist weit entfernt von ähnlich klingenden „joke“, dem englischen Scherz. Es soll, im Anklang an Japans „Abenomics“, eine Wirtschaftspolitik charakterisieren, die bald Südostasiens größte Volkswirtschaft bestimmen könnte. Auch wenn es die Jokonomics bislang noch nicht mal auf dem Reißbrett gibt. Immer mehr allerdings spricht dafür, dass sie uns in den kommenden Monaten beschäftigen werden.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Allerdings müssten dafür zunächst einige Voraussetzungen geschaffen werden. Zu allererst müsste die indonesische Demokratische Partei PDI-P, geführt von der früheren Präsidentin Megawati Soekarnoputri, den erfolgreichen Stadtgouverneur von Jakarta, Joko Widodo („Jokowi”), als Kandidaten für die Präsidentschaftswahl nominieren. Das ist wahrscheinlich.  Dann müsste Jokowi den Wahlmarathon gewinnen: Er beginnt am 9. April mit den Parlamentswahlen, führt über den 9. Juli und die erste Runde der Präsidentenwahl zu deren zweiten am 9. September. Auch dafür spricht manches. Und dann könnte der Wirbelwind Jokowi am 20. Oktober seinen Schwur als Präsident der größten Volkswirtschaft Südostasiens mit mehr als 240 Millionen Menschen leisten.

          Damit wäre die gähnende Entscheidungslosigkeit der vergangenen Wochen unter dem amtierenden Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono beendet. Indonesien könnte wieder Fahrt aufnehmen. Umfragen zufolge steigt Yokowis Beliebtheit von Stunde zu Stunde. Im Juli vergangenen Jahres wollten ihn 33 Prozent der Bürger zum Präsidenten, im Dezember war deren Zahl schon auf 44 Prozent angeschwollen. Damit liegt der neue Volksheld weit vor Prabowo Subianto, einem Schwiegersohn des früheren Diktators Suharto, der das Bild eines geläuterten Generals abgibt.

          Wie aber sähe eine Wirtschaftspolitik unter einem indonesischen Präsidenten Joko Widodo aus? Nach allem, auf was seine bisherige Amtszeit in der völlig überbevölkerten Hauptstadt hindeutet, würde er sich an einem „populistischen Pragmatismus“ abarbeiten. Soziale Themen dürften weit oben auf seiner Agenda stehen. Seit er Ende 2012 noch nahezu unbekannt das Amt in der Hauptstadt übernahm, hat er die Armen der Stadt mit kostenlosen Arzneimitteln und Unterstützung für die Schulausbildung versorgt. Die Mindestlöhne im Bezirk der Hauptstadt ließ er – gegen die Wehr der Industrie – im ersten Jahr um 44 Prozent anheben. Dann aber wurde es interessant: Als die Arbeiter im vergangenen Jahr erneut mit einer kräftigen Anhebung rechneten, genehmigte Widodo nur noch 11 Prozent – trotz der herannahenden Wahl.

          Vieles spricht dafür, dass der Aktienmarkt in Indonesien einen Sprung machen wird, sollte Jokowi nominiert werden. Ob er allerdings die Versprechen für ein Volk von gut 240 Millionen wird halten können, die er als Bürgermeister einer Metropole von 10 Millionen abgab, bleibt völlig offen. Eine Umfrage zeigt das Problem: 82 Prozent der Menschen vertrauen den Geschäftsleuten, doch nur 53 vertrauen den Politikern des riesigen Inselstaates. 45 Prozent der Befragten einer Studie der PR-Agentur Edelman gaben an, die dringlichste Aufgabe jeder Regierung sei der Bau von Infrastruktur – Eisenbahnen und Häfen, Kraftwerken und Straßen, Brücken und Flugplätzen. Nur 5 Prozent drängen auf Handelsabkommen.

          Das drängendste wirtschaftliche Problem ist die Verringerung des klaffenden Leistungsbilanzdefizits. Die Zentralbank hofft, es von 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung auf 2,25 Prozent herunterfahren zu können. Im vierten Quartal 2013 überraschte das Land mit einem stärkeren Aufschwung, als Analysten ihn erwartet hatten. Im gesamten vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaftsleistung des größten muslimischen Landes der Erde um 5,78 Prozent. 2012 waren es noch 6,12 Prozent gewesen. Der Konsum wurde belastet, weil die Zentralbank mit hohen Zinsen gegen den schmelzenden Außenwert der Rupiah kämpft. Die indonesische Währung verlor im vergangenen Jahr 21 Prozent ihres Wertes gegenüber dem Dollar. Allerdings könnte die Talfahrt beendete sein, wenn keine wirkliche Schwellenländerkrise entsteht.

          Auch die Talfahrt der asiatischen Aktien schien am Freitag zunächst zumindest unterbrochen. Der Regionalindex MSCI Asia Pacific machte bis zum Mittag in Tokio ein Prozent gut. Nach den Ferientagen in China gab der Shanghai Composite Index nur noch 0,3 Prozent nach. Der Hang Seng in Hongkong machte weitere 0,9 Prozent gut. Der japanische Topix gewann 1,4 Prozent, der Kospi in Seoul legte bis mittags 0,5 Prozent gut, der Index in Australien notierte 0,6 Prozent höher.

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