https://www.faz.net/-gqe-7pqs0

Indiens neuer Ministerpräsident : Modis Macht

Bild: REUTERS

Heute wird der neue indische Ministerpräsident vereidigt. Die ersten Gesten stimmen. Nun muss Narendra Modi rasch wirkliche Ergebnisse vorlegen.

          3 Min.

          In der Reihe von Narendra Modis großen Tagen wird dieser Montag einer der größten werden: Heute wird der Ministerpräsident aus Gujarat als Regierungschef Indiens vereidigt werden. Spätestens heute wird Modi auch anders wahrgenommen werden: Wohl weniger als der „Hindunationalist“, sondern eher als der demokratisch gewählte Ministerpräsident des zweitgrößten Landes der Erde. Seine ersten Schachzüge überzeugen: Zu seiner Vereidigung hat Modi Nawaz Sharif eingeladen, den Ministerpräsidenten des verfeindeten Nachbarlandes Pakistan. Sharif hat zugesagt.

          Seit Jahren wird Südasien von Missgunst, Terroranschlägen und bewaffneten Auseinandersetzungen geprägt

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Damit scheint Modi zu belegen, dass ihm ein gutes Verhältnis zum Kriegsgegner wichtig ist. Bislang galt der nächste indische Ministerpräsident als „hard-liner“, der weitere Konflikte zwischen den Atommächten in Kauf nehmen würde. Auch die anderen Staats- und Regierungschefs der acht Mitgliedsländer der Südasiatischen Vereinigung für Regionale Zusammenarbeit (Saarc) werden bei der Feier in Delhi dabei sein. Modi ist es zurecht wichtig, ein gutes Verhältnis zu seinen Nachbarländer aufzubauen. Zum einen braucht er Frieden, um seine Fortschrittsidee umsetzen zu können. Zum anderen muss er den Regionalhandel zugunsten Indiens stärken. Das Beispiel Südostasiens mit seinem im Vergleich wesentlich besser aufgestellten Bund Asean muss ihn dabei leiten.

          Seit Jahren wird Südasien von Missgunst, Terroranschlägen und bewaffneten Auseinandersetzungen geprägt. Zwar leben hier 23 Prozent der Weltbevölkerung. Doch erzielten diese gerade mal 2 Prozent des Welthandels im Jahr 2009, erklärt die indische Zentralbank. Auch hier liegt deshalb eine Chance Modis: Gelingt es ihm, grenzüberschreitend Wohlwollen zu schaffen, springt der Regionalhandel endlich an. Als erstes Zeichen des Aufeinanderzugehens werden Sri Land und Pakistan indische Fischer freisetzen, die sie nach Gebietsverletzungen inhaftiert hatten.

          Durchsetzungskraft und frischen Wind kann Modi auch direkt nach seiner Vereidigung beweisen: Von ihm wird erwartet, dass er die Zahl der Minister von derzeit 70 auf etwa 50 zusammenstreicht. Dies würde seinem Anspruch entsprechen, effektiv und entschlossen zu handeln. An diesem Morgen ist noch nicht klar, wie die wichtigen Kabinettsposten verteilt werden. Glaubt man den Gerüchten in Delhi, dürfte das Finanzministerium entweder an den Oppositionsführer im Oberhaus und früheren Handelsminister Arun Jaitley gehen, oder an Arun Shourie, zuletzt für den Abbau von Staatsbeteiligungen und den Telekommunikationssektor zuständig. Wer auch immer am Ende es wird: Der neue indische Finanzminister wird auf einen überaus starken Notenbankchef Raghuram Rajan treffen. Schon seit Wochen lässt der keine Gelegenheit aus, darauf zu verweisen, dass er in seinen Entscheidungen zur Zinspolitik eigenständig sei.

          Hoher Leitzins belastet das Wachstum der indischen Volkswirtschaft

          Der hohe Leitzins, mit dem Rajan versucht, eine Inflationsrate der Verbraucherpreise von immer noch 8,4 Prozent, der Lebensmittelpreise von sogar 9,2 Prozent zu bekämpfen, belastet aber zwangsläufig das Wachstum in Asiens drittgrößter Volkswirtschaft. So steht Modis Kabinett vor drei großen Aufgaben in den nächsten Wochen: Das Volk muss das Gefühl bekommen, dass die Teuerung sich verlangsamt. Investoren brauchen den Glauben, dass Großprojekte von nun an zügig verabschiedet werden. Und bis Mitte Juli muss der neue Haushalt stehen, wobei beispielsweise über milliardenschwere Subventionspakete der Vorgängerregierung entschieden werden muss.

          Ende der Woche wird Indien seine Wachstumszahlen für das erste Quartal vorlegen, das Schlussquartal des Fiskaljahres 2013/14. Vieles deutet darauf hin, dass die Rate weiter auf nur noch 4,6 Prozent gesunken ist. Schon im Vorquartal hatte sie nur noch 4,7 Prozent betragen – viel zu wenig, um beispielsweise die jährlich notwendigen 10 Millionen neue Arbeitsplätze für Heranwachsende auf dem Subkontinent zu schaffen. Analysten erwarten, dass die Wirtschaftsleistung Indiens in diesem Haushaltsjahr wieder um 5,5 Prozent zulegen werde – was ein enormer Anstieg wäre.

          Die Vorschusslorbeeren für Modi sind immens: Der Außenwert der Rupie steigt nun seit vier Wochen ununterbrochen. Sie notiert um den höchsten Stand seit fast einem Jahr. Die Aktienindizes hatten nach Modis überwältigendem Wahlsieg Rekordstände erreicht, bevor es zu Gewinnmitnahmen kam. Vergangene Woche pumpten ausländische Investoren weitere fast 200 Millionen Dollar in indische Aktien. Im Gesamtmonat Mai summieren sie sich nun auf 2,3 Milliarden Dollar.

          Allerdings wollen die Eigentümer dieses Geldes spürbare Erfolge sehen. Die Einladung Sharfis, die Entlassung der Fischer, die Verringerung der Kabinettsposten – all dies sind notwendige Gesten. Was zählt aber ist am Ende die Wiederbelegung des indischen Wachstums und eine gerechtere Verteilung des Wohlstandes. Daran wird Modi sich messen lassen müssen.

          Weitere Themen

          Post setzt auf Elektroflugzeuge Video-Seite öffnen

          Neues Zeitalter : Post setzt auf Elektroflugzeuge

          Die Frachttochter DHL Express habe beim Elektroflugzeug-Hersteller Eviation zwölf Elektroflugzeuge des Typs „Alice“ bestellt, teilte der Bonner Konzern mit.

          Topmeldungen

          Halbe Seite vom früheren CSU-Kultus- und Wissenschaftsminister Hans Maier übernommen? Neue Vorwürfe gegen Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet

          Buch des CDU-Kanzlerkandidaten : Neue Plagiatsvorwürfe gegen Laschet

          Der österreichische Medienwissenschaftler Stefan Weber zieht seine entlastende Stellungnahme zum Buch des Unions-Kanzlerkandidaten Armin Laschet zurück. Weber kündigte an, das Buch genauso detailliert zu prüfen wie jenes der Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock.
          Alles so schön bunt hier: eine Gasse in Basel. In der Schweizer Stadt fanden im vorigen Jahr Demonstrationen der Black-Lives-Matter-Bewegung statt, die Martin R. Dean ermutigten, über seine Erfahrungen als „nichtweißer“ Autor zu sprechen.

          Was die Sprache verändert : Ade, du weiße Selbstverständlichkeit

          Der Schriftsteller Matthias Politycki hat kürzlich begründet, warum er Deutschland verlassen hat: Politisch korrekte Sprachregelungen mache ihm das Schreiben unmöglich. Ihm antwortet nun ein Freund und Kollege.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.