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Indiens Luftverkehr : Harte Landung

Eine Maschine von Air India auf dem Flughafen in Bombay. Die Gesellschaft wurde nun in die Star Alliance um die Lufthansa aufgenommen. Bild: dpa

In Indien steht die nächste Fluggesellschaft vor dem Aus, Treibstoff und Löhne zahlt Spice Jet längst nicht mehr. Derweil feiert die überschuldete Air India ihre Aufnahme in die Star Alliance um Lufthansa.

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          In Indien kommt der Luftverkehrsmarkt nicht zur Ruhe: Nachdem sich die einst gefeierte private Fluggesellschaft Kingfisher aus dem Markt verabschieden musste, bleibt nun auch die zweitgrößte private Billiglinie am Boden. Passagiere, die Flugscheine gekauft hatten, bedrängten am Mittwoch die Schalter von Spice Jet, um ihr Geld zurückzubekommen. Zwischenzeitlich hoben dann einige Maschinen wieder ab, für die die Treibstoffrechnung in bar bezahlt wurde. Die Fluggesellschaft ist hochverschuldet, ihr milliardenschwerer Eigentümer Kalanithi Maran aber will kein Geld mehr nachschießen.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Unterdessen bemüht sich die Star Alliance, ihren Neuzugang Air India gebührend zu empfangen, und Bedenken gegenüber der bislang gescholtenen Staatslinie auszuräumen. Dabei ist auch die Staatslinie hochverschuldet und steht vor enormen Managementaufgaben.

          Spice Jet ist die zweitgrößte indische Billiglinie nach Indigo. Sie verbuchte fünf Verlustquartale in Folge. KAL Airways, das Investitionsvehikel Marans, hält gut 58 Prozent an der Fluggesellschaft. 2010 hatte Maran noch Anteile des Investors Wilbur Ross für 47,25 Rupien pro Aktie übernommen. Heute pendelt das Spice-Jet-Papier um 13 Rupien. Nach der Ausmusterung einiger Maschinen, um Kosten zu sparen, stehen Spice Jet heute nur noch 37 ihrer 47 Flugzeuge zur Verfügung. Die internationalen Leasing-Unternehmen, allen voran die amerikanische BBAM mit elf Maschinen, müssen nun um ihren Besitz bangen. Anders als bei Kingfisher ist die deutsche DVB hier allerdings nicht im Boot, da sie – aus heutiger Sicht glücklicherweise - keine Ausschreibung gewonnen hatte.

          Kampf um Staatshilfe

          Die Rechnungen für Flugbenzin machen 40 Prozent der operativen Kosten für Spice Jet aus. Noch am Mittwoch sagten Manager des Unternehmens, es seien nur Rechnungen der vergangenen Tage offen – eine Finanzspritze von 94 Millionen Dollar genüge, um die Maschinen wieder in die Luft zu bekommen. Der Mutterkonzern aber sei nicht in der Lage, diese Summe bereitzustellen. Die Analysten von Capa gehen davon aus, Spice Jet brauche mindestens 300 Millionen Dollar als Finanzspritze.

          Derzeit stöhnt Indien vor allem über das Verhalten der Maran-Familie. Ihr gehört unter anderem das Medienimperium Sun und damit 75 Prozent am lukrativen Sun TV. Niemand bezweifelt, dass sie über genug Kapital verfügt, um die fälligen Treibstoffrechnungen zu begleichen. Stattdessen kämpft Spice Jet um Staatshilfe. Der Staat aber spielt selber eine undurchsichtige Rolle: Erst gibt er die Meldung heraus, dass die – staatlichen – Ölkonzerne Spice Jet weiterhin Treibstoff auf Kredit geben würden. Dann aber weigerten sich eben jene Konzerne, die Flugzeuge von Spice Jet noch zu betanken.

          Die Gerüchteküche brodelt. Mal heißt es, Spice Jet habe wenigstens umgerechnet gut 400.000 Dollar überwiesen, um wieder Flugbenzin zu bekommen. Dann heißt es, Ajay Singh, früher einer der großen Anteilseigner von Spice Jet, wolle sich wieder an der Fluggesellschaft beteiligen. Klar ist nur soviel: Gibt es keine neuen Geldgeber, werden die ausstehenden Löhne und Spritrechnungen nicht bald beglichen, wird Spice am Boden bleiben.

          Indien bleibt Hoffnungsmarkt

          Dort stehen schon seit Monaten die einst auch mit Hilfe deutscher Banken gekauften und geleasten Flugzeuge von Kingfisher. Die Fluggesellschaft des einstigen Milliardärs Vijay Mallya stellte den Betrieb 2012 ein. Zuvor hatte sie Maschinen für viele Milliarden Dollar bei Airbus bestellt. Gerade erst hat Indiens Regierung in einem seltenen Verfahren Mallya verboten, die Führung von Kingfisher wieder zu übernehmen. Am 31. Dezember vergangenen Jahres wies Kingfisher Schulden in Höhe von umgerechnet 1,5 Milliarden Dollar aus. Hatte die Aktie im Dezember 2007 noch bei 290 Rupien notiert, ist sie nun vom Handel ausgesetzt, nachdem ihr Wert praktisch auf null gefallen war.

          Die niedrigen Flugpreise, die hohe Besteuerung für Treibstoff und die Landegebühren, die chaotische Regulierung und auch überzogene Erwartungen haben Indiens Fluggesellschaften nun eingeholt. In den vergangenen sieben Jahren flogen sie mehr als 10 Milliarden Dollar Schulden ein. Dennoch bleibt Indien ein Hoffnungsmarkt der Luftfahrtinvestoren. Es hat den Anschein, dass nun, in der zweiten Welle, die Profis auf den Markt vordringen. Denn Singapore Airlines plant gemeinsam mit Tata die eigene Fluggesellschaft Vistara auf dem Subkontinent, und auch die im restlichen Asien erfolgreiche private Air Asia will nach Indien vordringen. Die Zahl der Fluggäste in Indien sollte sich bis 2021 auf rund 160 Millionen jährlich verdreifachen, schätzen Analysten.

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