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Bargeldentzug : Indiens Reform verpufft

  • -Aktualisiert am

Bollywood-Star Amitabh Bachchan (hier als Wachsfigur) hat die Bargeldreform nicht getroffen. Bild: EPA

Ein Jahr nach dem Bargeldentzug ist Indiens Reform weitgehend verpufft. Die Armen haben gelitten, die Digitalisierung des Bankverkehrs aber ließ sich nicht erzwingen.

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          An diesem Mittwoch vor einem Jahr hat Indien 86 Prozent seines Bargeldes verloren. Die Regierung zwang die Menschen, es auf Konten einzuzahlen und später in neue Scheine zu wechseln, die mit erheblicher Verzögerung zur Verfügung standen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Begründung für den drastischen Schritt wechselte von Woche zu Woche: Erst sollte damit Schwarzgeld eingezogen werden, dann wandte sich der Schritt gegen die Finanzierung von Terror, und schließlich sollte er dazu dienen, das elektronische Zahlungswesen in einem Land voranzutreiben, in dem viele Menschen auf dem Lande bis heute kaum lesen können.

          Die Auswirkungen waren enorm; sie betrafen vor allem die informelle Wirtschaft, die vom Bargeld abhängig war und ist. Doch auch Luxushersteller waren betroffen: Mercedes-Chef Roland Folger berichtet, die Kundenfrequenz in den Niederlassungen sei sofort um 50 oder gar 60 Prozent zurückgegangen. „Und das in einer Zeit, in der Mercedes-Benz India zuversichtlich war, zweistellig zu wachsen“, klagt Folger. „Die Nachfrage brach zusammen und unsere Verkäufe lagen nirgendwo auch nur nahe dem Zielwert, den wir uns zu Jahresbeginn gesetzt hatten.“ Die Wirtschaftszeitung Mint fasst zusammen: „Mögliche Vorteile der Demonetarisierung sind bis heute noch nicht sichtbar, wohl aber ihre Kosten.“

          Wachstum auf niedrigstem Niveau

          So ist ein starker Anstieg elektronischer Zahlungen entgegen der Vorhersagen aller Berater aus der Finanzbranche nicht auszumachen. Der Anstieg im digitalen Bezahlen und der Rückgang des Geldabhebens am Geldautomaten währten nicht lange. Ein Jahr später ist klar, dass beide Verhalten wohl nahezu vollständig durch den Geldentzug selber ausgelöst wurden. Als wieder – neues – Geld im Umlauf war, normalisierte sich die Lage auf vorherigem Niveau.

          Wohl aber hat sich die Zahl elektronischer Kassenterminals verdoppelt, wie auch die Ausgabe von Kreditkarten um 28 Prozent im Jahresvergleich stieg. Viel geändert hat sich dadurch in der Lebenswirklichkeit der Inder gleichwohl nicht: Denn die Zahl der Kassenterminals je Million Einwohner ist in Indien weiterhin verschwindend gering.

          Sie liegt bei einem Achtel des Wertes Russlands, und bei einem 17tel des chinesischen Wertes. Australien als Spitzenreiter dieser Statistik hat 20mal so viele elektronische Kassen wie Indien nach dem Bargeldentzug.

          Das hat mit der verbreiteten Armut auf dem Subkontinent zu tun. Denn es gibt eine Verbindung zwischen bargeldlosem Transfer und Pro-Kopf-Einkommen eines Landes. Die Notenbank Indiens hatte erklärt, dass 93 Prozent aller ländlichen Zentren überhaupt keine Bankstrukturen besitzen.

          Vom Bezahlen mit dem Handy sind sie weit entfernt, obwohl es theoretisch Sinn ergeben könnte. Doch nur drei Prozent der Haushalte in den armen ländlichen Gebieten des Subkontinents haben überhaupt Zugang zum Internet.

          Kein Problem für große Fische

          Auch der Schwarzgeldentzug hat nicht so funktioniert, wie die Regierung Narendra Modi es angestrebt hatte:  Zum einen wurde der ganz überwiegende Teil des umlaufenden Bargeldes von den Bürgern eingezahlt und damit deklariert. Zum anderen zeigen spätestens die „Paradise Papers“ nun, dass die großen Fische ihr Geld aus Indien schon vor Jahren in Sicherheit brachten, so wie andere rund um die Erde.

          Geschäftsleute wie Vijay Mally – der schon zuvor nach Indien ausgeliefert werden sollte – die Bollywood-Ikone Amitabh Bachchan oder Spitzenpolitiker und Kabinettsmitglieder wie Jayant Sinha ließen sich vom Entzug des Bargeldes nicht stören.

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