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Auf dem Weg zur nächsten Krise? : Asiens Schulden laufen aus dem Ruder

Schuldenzentrum: Schanghais Finanzviertel Pudong. Bild: AFP

Die Schuldenquote in China ist gefährlich hoch. Aber noch übler sieht es in Südkorea, Singapur oder Hongkong aus. In Japan sowieso.

          In den vergangenen Jahren haben sich Europa und Amerika vor allem mit ihren eigenen desaströsen Staatsfinanzen beschäftigt. Auch dass Japan bis über beide Ohren verschuldet ist, weiß man. Die schwierige Situation in den Industrienationen verstellt den Blick darauf, dass einige aufstrebende Volkswirtschaften in einem ganz ähnlichen Schlamassel stecken – nicht zuletzt die Hoffnungsträger in Asien.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Trotz eines wachsenden Risikobewusstseins und trotz mancher Anstrengung der Zentralbanken und Regierungen, die Auswüchse in den Verbindlichkeiten zu bekämpfen, hat sich die Lage in der Region 2013 keinesfalls verbessert. Zu diesem Ergebnis kommt eine heute morgen veröffentlichte Analyse der Bank HSBC. Dort heißt es zusammenfassend: „Vielleicht haben Sie gedacht, dass das asiatische Schuldenwachstum sich im vergangenen Jahr  abgeschwächt hat. Nun ja, nicht wirklich: Der Fremdfinanzierungsgrad ist 2013 in der Region mit ungefähr dem gleichen Tempo gestiegen wie zuvor, wenn nicht sogar schneller.“

          Günstig sei in dieser Situation, dass die Kredite vergleichsweise einfach zu finanzieren seien. Die Zinsen bewegten sich nahe einem historischen Tiefpunkt, dank geringer Inflation könne die Geldpolitik expansiv sein, die Banken verfügten über ausreichende Einlagen, auch sparten die meisten asiatischen Volkswirtschaften insgesamt mehr, als sie ausgäben. „Langfristig jedoch lässt sich das Wachstum nicht einfach durch Kreditausweitung stützen.“

          „ Es bedarf eines schnelleren Produktivitätsfortschritts, nicht zuletzt wegen der zunehmenden Herausforderungen durch die Bevölkerungsentwicklung“, verlangen die Autoren Frederic Neumann, Ronald Man und Joseph Incalcaterra: „Wir brauchen Reformen, Reformen, Reformen.“

          China macht besonders viele Schulden

          Den Berechnungen zufolge sind die Gesamtschulden in Asien etwa doppelt so hoch wie die Wirtschaftsleistung. Ohne China stieg die Quote 2013 von 172 auf 180 Prozent. Einschließlich der Volkrepublik war die Zunahme sogar doppelt so stark von 192 auf 208 Prozent.

          In China hat die Schuldenquote seit 2008 besonders stark zugenommen; stärker war der Anstieg nur in Singapur. Das hängt damit zusammen, dass die Regierung und die Zentralbank in Peking im Kampf gegen die Weltfinanzkrise riesige Kredit- und Konjunkturprogramme aufgelegt haben.

          Die Bank weist aber darauf hin, dass das Verhältnis von Verbindlichkeiten zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) in anderen Ländern noch höher sei, nicht nur in Japan und Singapur, sondern auch in Hongkong, Südkorea und Malaysia. Obgleich Indonesien oft negativ in die Schlagzeilen gerät, ist hier die Quote am niedrigsten. Auch in den Philippinen liegt sie unterhalb von 100 Prozent.

          Auffällig ist, dass sich ein großer Teil des Schuldenanstiegs in China außerhalb der Bankbilanzen abgespielt hat und damit außerhalb strenger Aufsichts- und Haftungsregeln. HSBC hat berechnet, dass 40 Prozent der Zunahme seit 2008 auf solche Treuhandfinanzierungen (Trusts), Vermögensverwaltungsprodukte und ähnliches entfallen sind. Mittlerweile sind allein diese zweifelhaften Kreditgeschäfte im grauen Kapitalmarkt halb so groß wie das gesamte BIP der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt.

          Dennoch gibt sich die HSBC nicht sehr besorgt. Wenn man den Anteil der Nichtbanken-Kredite am BIP ins Verhältnis zum Pro-Kopf-Einkommen setze, sei das Ergebnis „nicht viel größer als das, was man von einer Volkswirtschaft in dieser Phase der Entwicklung erwarten würde. Es geht nicht darum, die Risiken kleinzureden, sondern den Kontext zu liefern“.

          In anderen asiatischen Ländern sei die Sache ganz ähnlich, argumentieren die Fachleute. „Der Punkt ist, dass China nicht mehr wie der große Sonderfall aussieht.“ Das freilich lässt zweierlei Schlüsse zu: Entweder ist die Schuldenmalaise in der Volksrepublik halb so wild, oder sie ist im Rest der Region schlimmer als bisher angenommen. Leider macht das Papier dazu keine Aussagen.

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