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Greetings from Washington : Europas Notenbanken nehmen sich die Fed zum Vorbild

Das Kapitol in Washington Bild: AP/dpa

Die Europäische Zentralbank und die Bank von England nehmen sich die Federal Reserve zum Vorbild. Amerikanische Besonderheit aber bleibt noch die große Bedeutung, die die Fed den Arbeitsmarktdaten für die Geldpolitik zuordnet.

          2 Min.

          Die beiden wichtigsten europäischen Notenbanken haben ein neues Vorbild: die amerikanische Federal Reserve. Sowohl die Bank von England als auch die Europäische Zentralbank segelten bei ihren Sitzungen am Donnerstag kommunikativ im Windschatten der Amerikaner.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die Bank von England und ihr neuer Gouverneur, Mark Carney, betonten in einer Warnung an die Anleger, dass der Anstieg der Marktzinsen im Vereinigten Königreich in den vergangenen Wochen durch die wirtschaftlichen Lage nicht gedeckt sie. Damit übernimmt die britische Notenbank die Sorgen der Mehrheit im Offenmarktausschuss der Fed, dass die Zinsen zu schnell und verfrüht steigen und die wirtschaftliche Erholung belasten könnten.

          In einem drastischen Schwenk gab ihrerseits die Europäische Zentralbank die seit Jahren verfolgte Politik auf, sich zinspolitisch nicht auf lange Sicht zu binden. Der EZB-Rat erwarte, dass die Schlüsselzinssätze der EZB „für ausgedehnte Zeit“ auf dem jetzigen oder einem niedrigeren Niveau blieben, sagte EZB-Präsident Mario Draghi. Mit dieser „forward guidance“ lehnt die EZB sich eng an die Federal Reserve an. Ähnliche Leitplanken für die Zinserwartungen am Markt hatte die Fed schon 2003 unter Alan Greenspan und dann wieder von 2008 an unter Ben Bernanke gesetzt. Das Abkupfern durch die EZB geht bis in die Wortwahl: „extended period“ oder „ausgedehnte Zeit“ stammt direkt aus dem Fed-Vokabular.

          Amerikanische Besonderheit

          Die Federal Reserve hat diese „forward guidance“ durch fixierte numerische Vorgaben für die Geldpolitik weiterentwickelt und dabei den Fokus auf Arbeitsmarktdaten gelegt. Das bleibt in der
          schönen neuen Welt der Zentralbankkommunikation – noch – eine amerikanische Besonderheit. Damit überhöht die Fed den Wert dieser Daten als Konjunkturindikator: sowohl die quantitative Lockerung, also den Ankauf von Staats- und Hypothekenanleihen, als auch ihre faktische Nullzinspolitik hat sie an die Entwicklung der Arbeitslosenquote gekoppelt.

          Der Fed-Vorsitzende Ben Bernake hatte auf der Pressekonferenz im Juni dargelegt, dass eine Arbeitslosenquote von 7 Prozent für die Fed der Zeipunkt sei, an dem sie das Anleihekaufprogramm einstellen wolle. Und ein Fall der Arbeitslosenquote auf mindestens 6,5 Prozent gilt der Notenbank schon seit 2012 nicht als Auslöser, aber als klares Signal, über eine Abkehr von der Nullzinspolitik nachzudenken.

          Fokus auf den Arbeitsmarktbericht

          Ermüdet oder erfrischt von den Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag richtet sich der Fokus der amerikanischen Wirtschaftsbeobachter heute damit auf den Arbeitsmarktbericht für Juni, der nach kontinentaleuropäischer Sommerzeit um 15.30 Uhr veröffentlicht wird. Analysten erwarten im Schnitt, dass im Juni netto 165000 neue Stellen entstanden sind, 10000 weniger als noch im Mai. Die Arbeitslosenquote für Juni wird mit 7,5 Prozent erwartet, nach dem minimalen Anstieg auf 7,6 Prozent im Mai. Größere Abweichungen nach oben oder unten werden die Erwartung nähren, dass die Fed später oder früher mit dem Einstieg in das Ende der quantitativen Lockerung beginnen wird.

          Die Spannung erhöht, dass die Juni-Zahlen bei der Zahl der neuen Stellen häufig eher Ausreißer nach unten sind, die den Trend nur bedingt widerspiegeln. Vermischt mit einem – am Tag zwischen Feiertag und Wochenende - wahrscheinlich dünnen Handelsvolumen wären deutliche Schwankungen an der Wall Street nicht überraschend.

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