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Greetings aus Washington : Summers verzichtet auf Kandidatur für Vorsitz der Federal Reserve

Das Kapitol in Washington Bild: AP/dpa

Der umstrittene Starökonom Lawrence Summers verzichtet auf seinen Wunsch, als Nachfolger von Ben Bernanke Präsident der Notenbank Federal Reserve zu werden. An den Finanzmärkten wird Summers’ Abgang positiv bewertet.

          Der Harvard-Ökonom Lawrence Summers zieht sich aus der Konkurrenz um die Chefposition in der amerikanischen Notenbank Federal Reserve zurück. Summers begründete das am Sonntag damit, dass er der Federal Reserve und dem Land Schaden ersparen wolle. Gegen den intellektuell brillanten, aber scharfzüngigen Ökonomen hatte sich heftiger Widerstand unter den Demokraten, der Partei von Präsident Barack Obama, aufgebaut. Eine Berufung Summer als Vorsitzender der Notenbank Federal Reserve hätte im Senat einen schwierigen Bestätigungsprozess mit offenem Ausgang ausgelöst.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          An den Finanzmärkten wurde Summers' Entscheidung dahingehend gewertet, dass die Geldpolitik der Fed nun für noch länger expansiv sein werde. Der Dollar gab im asiatischen Handel nach.

          Mit dem Rückzug von Summers begann sofort ein neuer Spekulationsreigen über den Nachfolger des Fed-Vorsitzenden Ben Bernanke, dessen Vertrag als Vorsitzender im Januar endet. Der 58 Jahre alte Summers galt in den vergangenen Wochen zunehmend als Obamas Spitzenkandidat für den Fed-Posten in einem Zweikampf mit der Fed-Vizevorsitzenden Janet Yellen. Der Präsident hat freilich immer betont, dass die Personalie noch nicht entschieden sei und er mehre Kandidaten interviewt habe.  In außergewöhnlicher Weise ist die Auswahl des nächsten Fed-Vorsitzenden zum breit diskutierten öffentlichen Spektakel geworden, auch weil Obama Bernanke im Juni verbal faktisch den Stuhl vor die Tür gesetzt hatte.

          Kandidatenreigen mit Yellen und anderen

          Anfang des Jahres hatten die Spekulationen sich zunächst auf Yellen konzentriert, bis Summers mehr in das Blickfeld gerückt war. Nun nach Summers Adieu gilt die 67 Jahre alte Yellen vielen Beobachtern wieder als logische Wahl für die Bernanke-Nachfolge. Doch ist auch das bislang nur eine Vermutung. Obama hatte als Kandidaten öffentlich auch den früheren Fed-Vizevorsitzenden Donald Kohn genannt, der erst 2010 die Notenbank nach 40 Dienstjahren verlassen hatte.

          Als möglicher Kandidat gilt nun auch wieder der frühere Finanzminister Timothy Geithner, der zuvor die Fed von New York geleitet hatte. Geithner hat indes schon vor Wochen erklärt, dass er die Stelle nicht haben wolle. Als Aussenseiterkandidaten wird über den amerikanischen Ökonomen Stanley Fischer und über Roger Ferguson (61 Jahre) spekuliert, einen weiteren früheren Vizevorsitzenden der Fed. Der 69 Jahre alte Fischer war im Juni als Gouverneur der Bank von Israel zurückgetreten.

          An der Wall Street würde gerne Yellen als Nachfolgerin gesehen, weil sie eher als geldpolitische Taube gilt und sich unter ihrer Führung ein Ausstieg der Fed aus der extrem lockeren Geldpolitik wohl länger hinziehen würde – länger jedenfalls, als es viele Wall-Street-Analysten unter Summers vermutet hätten.

          Fed tagt zur quantitativen Lockerung

          Der Offenmarktausschuss der Fed berät an diesem Dienstag und Mittwoch über die Geldpolitik und wird entscheiden, ob die Zentralbank beginnen wird, die Anleihekäufe zu verringern. Seit der Jahreswende kauft die Fed in der dritten Runde der quantitativen Lockerung jeden Monat für 45 Milliarden Dollar langfristig Staatsanleihen und für 40 Milliarden Dollar Hypothekenpapiere, um die langfristigen Zinsen ein wenig zu drücken. Mit der schrittweisen Erholung am Hausmarkt und auch der allgemeinen Konjunktur erwarten viele Volkswirte und Analysten, dass die Fed sehr langsam in die Rücknahme der quantitativen Lockerung einsteigt. Die Unsicherheit aber ist gestiegen, nachdem zuletzt manche Wirtschaftsdaten weniger gut ausgefallen waren als von der Fed wohl erhofft.

          Mit der Erwartung eines schrittweisen Rückzugs der Notenbank aus der quantitativen Lockerung waren seit Mai die Zinsen für Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit schon von weniger als 2 auf fast 3 Prozent gestiegen. Die Fed interpretiert das auch als Zeichen einer größeren Konjunkturzuversicht.

          Politischer Widerstand gegen Summers

          Summers begründete seinen Rückzug am Sonntag mit dem politischen Widerstand, der sich gegen ihn aufgebaut hat. Auf dem linken Flügel der Demokraten wird Summers vorgeworfen, er habe als Finanzminister unter Präsident William Clinton in den neunziger Jahren die Deregulierung der Finanzmärkte vorangetrieben und als Berater Obamas zu wenig gegen den Einfluss der Banken getan. In dieses Bild passt, dass Summers in den vergangenen Jahren ein offensichtlich lukratives Beratermandat für die Citibank angenommen hat. Summers aktuelle Positionierung zur Finanzregulierung wie auch seine geldpolitischen Ansichten sind indes kaum bekannt. Auch im Kreis der oppositionellen Republikaner hat Summers nur sehr bedingt Anhänger.

          Gegen den Kandidaten wurde auch vorgebracht, dass Summers früher als Präsident der Harvard-Universität in einer wissenschaftlichen Diskussion in Frage gestellt hatte, ob Frauen dieselben geistigen Fähigkeiten haben wie Männer. Der im politisch korrekten Amerika unausweichliche Skandal führte mit zum Rücktritt Summers als Harvard-Präsident und belastet seinen Ruf noch heute.

          Summers will mit dem Rückzug von der Fed-Kandidatur nach eigenen Angaben Schaden von der Federal Reserve und dem Land abwenden. Dabei ließ der Ökonom durchscheinen, dass er die Position gerne gehabt hätte. Schon 2010, als Obama Bernankes Vertrag verlängert hatte, hatte Summers Ambitionen auf den Posten. „Ich bin widerstrebend zum Schluss gekommen, dass ein möglicher Bestätigungsprozess erbittert verlaufen würde und den Interessen der Federal Reserve, der Regierung und letztliche den Interessen der andauernden wirtschaftlichen Erholung nicht dienen würde“, schrieb Summers am Sonntag in einem Brief an Obama. Dieser lobte in einer kurzen Stellungnahme in der Nacht zum Montag die Erfahrung, die Weisheit und die Führungsqualitäten Summers, der in der ersten Regierung von Obama zwei Jahre lang dem Präsidenten als wichtigster Wirtschaftsberater diente.

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