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Greetings aus Singapur : Asiaten proben Internetangriffe auf ihre Regierungen

Vogelflug in Singapur Bild: AP

Die Regierungen Singapurs und der Philippinen bekommen Gegenwind gegen Zensur und Korruption: Hacker proben Racheangriffe auf Regierungswebseiten.

          Der große Bruder, der mithört und -liest, ist nicht nur ein Thema zwischen Europa und Amerika. Dass die Chinesen lesen, was immer sie auf den Bildschirm bekommen können, wissen wir längst. In diesen Tagen aber wehrt sich ein weitgehend anonymes Imperium gegen den ausgemachten Feind auf staatlicher Seite: Hacker greifen die Internetseiten von Firmen und Regierungen in Asien an.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Im Mittelpunkt steht eine Attacke auf die staatliche Zeitung The Straits Times in Singapur. Ein Absender namens „The Messiah“ der Gruppe „Anonymous“, die auch schon gegen staatliche amerikanische Institutionen aufgetreten ist, hatte zunächst in einem Videofilm auf Youtube angekündigt, Angriffe über das Internet auf regierungseigene Internetseiten zu planen.

          Ärger über Zensur

          Dahinter steht der Ärger über verschärfte Zensurgesetze, die der gestrenge Stadtstaat im Juni erlassen hatte. Zensiert werden auf der Tropeninsel seit jeher Medien wie Zeitungen oder Fernsehen. Treten sie mit Behauptungen auf, die sie nicht belegen können, wurden sie in der Vergangenheit oft mit horrenden Strafen durch die Gerichte des reichen Stadtstaates überzogen. Im Sommer zog Singapur die Zügel auch gegenüber den Nutzern des Internets und Bloggern an. Im Video hieß es nun: „Keine Regierung hat das Recht, ihren Bürgern die Informationsfreiheit zu rauben“. Werde Singapur seine Zensurgesetze nicht überdenken, „sind wir gezwungen, Euch den Krieg zu erklären“.

          Über das Video des Mannes mit der inzwischen berühmten Maske von  Gay Fawkes berichtete die Straits Times dann in einem Artikel, dem sie die Überschrift gab „Youtube Video der ‚Anonymous‘ Hacker Gruppe droht, Singapur anzugreifen“. Das wiederum fanden Hacker eine sehr stark verfälschte Wahrheit – denn sie wollten, so betonten sie, ja nicht den Staat oder seine Bürger attackieren, sondern dessen Netzinfrastruktur.

          Ihr Weg aber ist es nicht, gegen falsche Berichterstattung zu klagen. Sie nutzen schlicht und schnell die Webseite der staatlichen Zeitung zur Verbreitung ihrer Sicht der Dinge: In einem offiziellen Blog der Straits Times forderten die Hacker, dass innerhalb von 48 Stunden entweder eine Entschuldigung oder die Kündigung des Autors des Textes zu erfolgen habe. Schon am Samstag wurden mehrere Webseiten der Regierung über Stunden blockiert. Am morgigen Dienstag werde ein „virtueller Protest“ erfolgen. Sympathisierende Singapurer sollten an diesem Tag doch die Farben Rot und Schwarz tragen – Rot und Weiß sind die Landesfarben.

          Unser Hacker in Manila

          Singapur steht nicht allein da. „Anonymus“ griff auch die Webseiten Dutzender australischer Unternehmen und diejenigen der Regierung auf den Philippinen an. Der Angriff auf Australien stammt angeblich aus Indonesien. Er soll eine Antwort sein auf die Erkenntnis, dass die australischen Sicherheitsbehörden das Nachbarland seit Jahren intensiv bespitzeln.

          Der Angriff gegen die philippinische Regierung wendet sich gegen die dort immer offensichtlicher werdende Praxis der Bestechung innerhalb des Parlamentes. „Wir entschuldigen uns für alle Unannehmlichkeiten, aber dies ist der einfachste Weg, unsere Botschaft an Euch herüberzubringen, liebe Schwester und Brüder, die ihr diese Brutalität und falsche Demokratie, diese Regierung und die Politiker, die nur an sich denken, satt habt“, heißt es bei den Hackern auf den Philippinen. Seit Tagen werden die Inseln von einem Bestechungsskandal auf höchster Ebene erschüttert. Beide Aktionen wurden über Twitter und Facebook bekanntgegeben.

          Gemessen an dem, was derzeit im Äther über Asien und in den Lagezentren der Regierungen der Region vor sich geht, ist es am Aktienmarkt ruhig. Allerdings gaben die Märkte zu Wochenbeginn spürbar nach. Der Grund lag einmal mehr in der Sorge vor einem Ende der lockeren Geldpolitik in Amerika.

          Nach Protesten in Bangkok gegen geplante Amnestiegesetze für Politiker dort gab der SET bis zum Mittag 1,7 Prozent nach. In Seoul sank der Kospi nach schwachen Unternehmensdaten um 0,5 Prozent. Der Nikkei verlor 0,9 Prozent, der Index in Sydney 0,4 Prozent. Der Regionalindex MSCI Asia Pacific lag am Montagmittag 0,3 Prozent unter seinem Schlusskurs vom Freitag. Nur die Börsianer in Singapur zeigten keine Furcht vor Gay Fawkes und seinen selbsternannten Nachkommen: Der Index legte um 0,2 Prozent zu.

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