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Amerikanisches Fernsehen : Gesundheitspolitik mit Unterhaltungskünstlern

Komiker John Oliver Bild: AFP

Der Komiker John Oliver attackiert amerikanische Nierenkliniken. Kollege Jimmy Kimmel greift die Gesundheitsreform der Republikaner an. Das hat Wirkung.

          3 Min.

          Jeden Sonntag strahlt der Bezahlsender HBO die Show „Last Week Tonight“ aus, in der der gelernte Komödiant John Oliver satirisch überzeichnend Themen der verstrichenen Woche aufgreift. In diesen Tagen sind die Themen häufig mit den sonderbaren Aktivitäten des amerikanischen Präsidenten Donald Trump verwoben. Doch daneben widmet sich der gebürtige Brite ausgiebig Themen, die es gewöhnlich nicht mehr ins Fernsehen schaffen.

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Jede Firma, Organisation und Persönlichkeit, die nicht zum Subjekt einer speziellen John Oliver-Behandlung wird, darf sich glücklich schätzen. Denn die Beiträge sind kritisch, gelegentlich vernichtend, unterhaltsam bis erschütternd lustig und wirken dank solider Recherche aufklärerisch. Kein Wunder, dass knapp 5 Millionen Zuschauer Woche für Woche den Ausführungen des Komödianten folgen. Weitere Millionen nutzen Youtube, um Oliver zu sehen.

          Am vergangenen Sonntag schlug ,metaphorisch gesprochen, die Bombe in einer amerikanischen Kette von Dialyse-Kliniken ein. Das Unternehmen heißt DaVita und betreibt 2350 Dialyse-Zentren für Menschen mit kranken Nieren. Es ist ein Fortune-500-Unternehmen, die Anlage-Holding des legendären Investors Warren Buffet hält einen stattlichen Anteil von knapp 20 Prozent.

          DAVITA

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          Seit Sonntag brach der Aktienkurs des Unternehmens um sechs Prozent ein, nachdem Oliver es zum Thema gemacht hatte. Das entspricht einem Wertverlust von rund 500 Millionen Dollar. Der zweite große Anbieter von Dialysen in den Vereinigten Staaten gehört zum deutschen Gesundheitskonzern Fresenius Medical Care. Er kam ebenfalls in der Sendung vor, spielte aber nur eine Nebenrolle, was in der PR-Abteilung Stoßseufzer der Erleichterung ausgelöst haben dürfte. Die Fresenius-Aktie gab kaum nach. Oliver versicherte allerdings, dass beide Konzerne schwere Probleme hätten und er sich aus rein darstellerischen Gründen nur auf Da Vita konzentriere.

          Oliver liefert ein Beispiel für den wachsenden Einfluss amerikanischer Unterhaltungskünstler auf brisante gesellschaftspolitische Debatten. Der Entertainer Jimmy Kimmel hatte jüngst in seiner Show einen bewegenden Monolog über seinen jüngst mit einem Herzfehler geborenen Sohn gehalten. Zehn Millionen Menschen allein auf Youtube folgten seinen tränenerstickten Worten, die in einem Plädoyer für erschwingliche medizinische Behandlung gipfelte. Niemand dürfe wegen seines kleinen Einkommen existentielle Behandlung verweigert.

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          Die Rede wirkte wie eine Frontal-Attacke auf die Gesundheitspläne der Republikaner. Kimmel löste eine Spendenwelle für Kinderhospitäler und vereinzelt Kritik an dem elitären Hollywood-Millionär aus. Kimmel attackierte in der nächsten Sendung die Republikaner, fand in deren Lager allerdings auch Zustimmung für eine Gesundheitsreform, die armen Leuten helfe. Ein Senator forderte, jede Reform müsse den Kimmel-Test bestehen und eine Versorgung für Babys mit schwierigen Krankheiten gewährleisten und im Zweifel finanzieren.

          Die Langfrist-Wirkung von John Olivers Beschäftigung mit der Praxis der Blutwäsche ist ebenfalls noch ungewiss. Seine tatsächlich lustige Dialyse-Lehrstunde vermittelte den Zuschauern, dass der amerikanische Staat ungewöhnlicher Weise die Kosten für die Blutwäsche übernimmt, seit Präsident Richard Nixon ein entsprechendes Gesetz unterzeichnet hatte. Amerika habe damit eine universelle Gesundheitsversorgung, wenn auch nur für ein Organ, scherzte der Komiker.

          Viel Geld für wenig Leistung

          Weiter erfuhr der Interessierte, dass die dramatisch gestiegene Anzahl an Dialyse-Patienten den Weg für eine „Industrialisierung“ der Dienstleistung bereitete. Private durchrationalisierte Unternehmen betrieben das Geschäft. Die Behandlung verschlingt große Summen. Rund 34 Milliarden Dollar gibt der staatliche Gesundheitsdienst Medicare dafür jährlich aus.

          Doch gemessen an anderen Industriestaaten bekommen die Vereinigten Staaten wenig für ihr Geld, so Oliver unter Berufung auf das gemeinnützige Journalistennetzwerk ProPublica. In den Vereinigten Staaten stürben anteilsmäßig deutlich mehr Dialysepatienten als in Ländern wie Italien. „Wir geben am meisten aus, und bekommen am wenigsten“.

          Oliver lieferte als Begründung, dass die privaten Gesundheitskonzerne jede Abkürzung ausnutzten, um ihren Gewinn zu steigern, auch zu Lasten der Patienten. Vorschriften in den Vereinigten Staaten verlangen zum Beispiel nicht, dass in den Dialyse-Kliniken zu jeder Zeit Ärzte anwesend sind. Oliver zitierte eine Studie, der zufolge in privaten Dialyse-Kliniken auch 35 Prozent weniger Krankenschwestern Dienst tun als in staatlichen Einrichtungen.

          Transplantationen verschwiegen

          Ein ehemaliger Pfleger trat in der Sendung auf, der angab, die Firma dränge das Personal, die Dialysepatienten so schnell wie möglich abzufertigen. Gelegentlich sei kaum Zeit geblieben für eine angemessene Desinfektion, bevor der nächste Patient an den Blutwäsche-Apparat angeschlossen wurde.

          Oliver verwies auch darauf, dass DaVita in den vergangenen fünf Jahren häufig verklagt wurde und für gerichtliche Vergleiche knapp eine Milliarde Dollar ausgab. Verstörend nannte Oliver Berichte, denen zufolge die privaten Kliniken die gesetzliche Vorschrift verletzten, die Patienten über Nierentransplantationen zu informieren. Viele Patienten ließen sich mehreren Berichten zufolge nie auf eine Liste für Transplantationen setzen. Mit einer neuen Niere steigt die Lebenserwartung der Patienten deutlich.

          Oliver hatte Mitarbeiter zu Informationsveranstaltungen von DaVita geschickt. Dort werde die Transplantation als Option auf einer Ebene mit der Dialyse dargestellt. DaVita widersprach den Vorwürfen. Die Sendung endete mit dem Aufruf zur Organspende. Das könnte Wirkung haben.

          Frühere Aufrufe von Oliver zeitigten beeindruckende Resultate. Als er etwa appellierte, kritische Eingaben auf den Internet-Seiten der Aufsichtsbehörde für Telekommunikation zu machen, weil diese die Netzneutralität in Frage gestellt hatte, brachen deren Server unter dem Ansturm zusammen.

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