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Historische Entscheidung : Die Fed bereitet die Zinswende vor

Steht vor einer kniffligen Entscheidung: Fed-Chefin Janet Yellen Bild: Reuters

Notenbank-Präsidentin Yellen sieht eine Erholung der Wirtschaft in Amerika. Neue geldpolitische Instrumente dürften zum Einsatz kommen.

          Die amerikanische Zentralbank Federal Reserve schickt sich an, am Mittwoch die Anhebung der Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte zu verkünden und damit eine sieben Jahre währende Nullzinsphase zu beenden. Die Chefin der Notenbank Federal Reserve, Janet Yellen, hat in ihren jüngsten Äußerungen keine Zweifel daran gelassen, dass sie die Zinswende und damit die Rückkehr in die geldpolitische Normalität einleiten will.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die bislang letzte Erhöhung der Leitzinsen liegt neun Jahre zurück. Die Entscheidung erfolgt in einem globalen geldpolitischen Umfeld, in dem die Zentralbanken in Europa und Japan eine Lockerung der Geldpolitik vorantreiben. Ein Forum bekannter Ökonomie-Professoren aus amerikanischen Eliteuniversitäten hat in einer Umfrage der Universität Chicago Booth zu 48 Prozent eine Zinswende im Dezember befürwortet, 19 Prozent waren dagegen.

          Inflationsziel in Sicht

          Yellen will den Zinsschritt wagen, weil sie die amerikanische Volkswirtschaft in robustem Zustand sieht. In ihrer jüngsten öffentlichen Rede vor der Zinsentscheidung am 3. Dezember verwies sie vor allem auf Fortschritte in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Seit ihrem Höchststand im Oktober 2009 habe sich die Arbeitslosenquote auf 5 Prozent halbiert. Damit nähere sie sich dem von der Fed angestrebten Vollbeschäftigungs-Niveau.

          Yellen sieht Anzeichen für eine nach wie vor existierende Unterbeschäftigung, zugleich geben ihr die letzten Monatsberichte mit Beschäftigungsgewinnen von jeweils mehr als 200.000 Stellen die Zuversicht, dass sich die Erholung auf dem Arbeitsmarkt fortsetzt. Als weiteres positives Datum wertet sie, dass die Löhne nach ungewöhnlich langen Jahren der Stagnation zuletzt gestiegen sind. Das könnte ein Indiz sein, dass die Inflation näher an die von der Zentralbank angestrebte Zielmarke von 2 Prozent heranrückt.

          Allerdings meldete das Handelsministerium, dass die Inflation im November im Vergleich zum Vormonat nicht gestiegen ist. Die schwache Preisentwicklung ist nach Einschätzung der Zentralbank vor allem den niedrigen Preisen für Öl und Gas geschuldet. Diese Preise sieht die Fed allerdings als vorübergehend an. Sie orientiert sich deshalb lieber an einem Inflationsmaßstab, der Preisentwicklungen von Energie und Lebensmitteln herausrechnet. Auf Basis dieser Kalkulation sieht die Fed die Inflation zwischen 1,5 und 1,75 Prozent liegen.

          Angst vor schlechtem Timing

          Die wahrscheinliche Entscheidung zur Erhöhung der Leitzinsen ist auch von der Sorge getragen, ein weiteres Abwarten würde die Fed später zu stärkeren Zinsschritten zwingen, wenn Wirtschaft und Inflation Fahrt aufnehmen. Eine solche abrupte Verengung der Geldpolitik könnte die Kapitalmärkte in Turbulenzen stürzen und die Volkswirtschaft in eine Rezession drücken. Darüber hinaus sehen Zentralbanker die Gefahr, dass eine Verlängerung der Null-Zins-Politik Investoren verleiten könnte, riskante Investitionen zu wagen, was wiederum die Finanzstabilität aufs Spiel setzen könnte.

          Neu ist das geldpolitische Werkzeug, mit dem die Fed die Zinswende einzuleiten trachtet. Im Moment rangieren die verkürzt Leitzinsen genannten Federal Funds Rates in einem Zielband zwischen 0 und 0,25 Prozent. Die Fed wird der allgemeinen Erwartung zufolge dieses Zielband auf 0,25 bis 0,5 nach oben setzen. Bei den Fed Funds handelt es sich um Übernachtkredite, die sich Banken geben, um den Reserveanforderungen der Fed gerecht zu werden.

          Neue Werkzeuge

          Früher hat die Fed den Banken Staatsanleihen verkauft und deren Konto mit der Kaufsumme belastet. Weil die Bank aber gleichzeitig den Anforderungen zur Reservehaltung gerecht werden muss, hat sie dann über Nacht Kredit von anderen Banken beansprucht und damit die Fed Funds Rate nach oben getrieben. In der Welt des Quantitative Easings fällt die Möglichkeit aus, weil die Banken in Reserven schwimmen, nachdem die Fed zur Stimulierung der Wirtschaft Anleihen für rund vier Billionen Dollar erworben hat.

          Stattdessen kommen zwei Werkzeuge zum Einsatz: Die Fed zahlt den Banken einen höheren Zinssatz für die Einlagen, die sie über die Mindestanforderungen hinaus bei der Fed parken. Das dürfte die Zinsen steigen lassen. Das zweite Instrument: Die Fed verkauft Banken Anleihen mit dem Versprechen, sie zurückzukaufen, und entzieht Banken damit Geld. Ob es funktioniert, weiß man in den nächsten Tagen.

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