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Europäische Handelskammer : „Chinas Reformschwung ist vorbei“

Der Containerhafen Yantian in Shenzhen Bild: dpa

Das goldene Zeitalter der zweitgrößten Wirtschaft sei vorbei, sagt die Europäische Handelskammer. Sie fürchtet neuen Protektionismus. Und noch etwas.

          Europas Unternehmen sorgen sich um den Zustand der chinesischen Volkswirtschaft und den nachlassenden Reformeifer Pekings. Obwohl Chinas Wirtschaftsleistung im ersten Halbjahr des laufenden Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 7 Prozent gewachsen sei, künde eine ganze Reihe von Indikatoren von „beunruhigenden, grundlegenden Problemen“ in der zweitgrößten Ökonomie der Welt, die derzeit eine schlechte Konjunkturnachricht nach der anderen produziert und immer wieder Schockwellen an die weltweiten Finanzmärkte sendet. Das teilte die Europäische Handelskammer am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Peking mit.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Am Vormittag hatte Chinas Regierung die Außenhandelsbilanz für den Monat August verkündet, die zwar weniger schlecht als im Vormonat ausfällt. Doch die Exporte sind auch im jüngst abgelaufenen Monat um 6,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eingebrochen. Im Juli waren es noch 8,9 Prozent. Die Importe gingen im August um 14,3 Prozent im Jahresvergleich zurück. Der wichtigste Aktienindex des chinesischen Festlands, der Shanghai Composite, fiel nach Bekanntwerden der Handelsdaten leicht um 1,4 Prozent und näherte sich wieder der Marke von 3000 Punkten an.

          Weg von Investitionen, hin zu Konsum

          „Das goldene Zeitalter Chinas ist vorbei“, sagte Kammerpräsident Jörg Wuttke. Die „tief hängenden Früchte“ des schnellen Wachstums seien gepflückt, das die chinesische Regierung Jahrzehntelang durch eine rasante Aufholjagd mit dem Bau unzähliger Straßen, Brücken, Eisenbahnstrecken oder Flughäfen auf durchschnittlich zweistellige Raten getrieben hatte.

          Die Profite, die China aus dem Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2001 schlagen konnte, indem es Handelsbeschränkungen abbaute und im Gegenzug Zugang zu ausländischen Märkten bekam, seien Vergangenheit. Mittlerweile hat China ein demographisches Problem, die Gesellschaft altert, die Zahl der Arbeitskräfte, die die Produktivität weiter peitschen könnten, nimmt ab statt zu – für ein Schwellenland ist das eine gefährliche Situation. Auch das die Gesamtschulden Chinas nach Rechnung der Beratung McKinsey mittlerweile auf 280 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geklettert sind, sorgt Europas Wirtschaft.

          Dass die Wachstumsraten nach drei Jahrzehnten Wirtschaftswunder nun abflachen und die Exporte zurückgehen, ist allerdings eine historische Normalität und nach Meinung vieler Ökonomen auch dringend notwendig. Das Wirtschaftsmodell Chinas muss sich wandeln, von einer von Investitionen getriebenen Ökonomie, bei der Massenfabriken mit billiger Arbeitskraft Billigprodukte herstellen und die Regierung mit vielen Milliarden etwa die Wohnungswirtschaft subventioniert und damit die Wachstumsraten hoch hält, hin zu einem Modell, das mehr auf inländischen Konsum und den Dienstleistungssektor setzt. Chinas Internetwirtschaft beispielsweise soll künftig eine weit größere Rolle spielen; praktische jede Branche laut dem „Internet plus“ getauften Plan Pekings soll digitalisiert werden – wie Banken, Versicherungen und das Gesundheitswesen.

          Dafür muss Peking seine Wirtschaft nach Meinung westlicher Analysten allerdings weit stärker öffnen als bisher. Genau darüber sind Europas Unternehmen in Sorge. Obwohl die regierende Kommunistische Partei bei ihrem „Dritten Plenum“ vor zwei Jahren versprochen habe, dass künftig die Marktkräfte die entscheidende Rolle in Chinas Wirtschaft spielen sollten, implementiere die Regierung derzeit „wenig substantielle“ Marktreformen, findet die Handelskammer, in der 1800 Unternehmen aus der EU Mitglied sind.

          „Niemals zuvor haben wir so eine widersprüchliche Regierungsagenda zwischen Reform und Verschließung gesehen“, sagte Wuttke. „Ich bin sehr besorgt, dass der Reformschwung verloren gegangen ist.“ Pekings Führer seien getrieben von „überreizter Unruhe“ über die „nationale Sicherheit“. In manchen Bereichen – damit ist wohl etwa die Internetwirtschaft gemeint, in der ausländische Unternehmen kaum eine Rolle spielen – verschließe sich China komplett. „Wenn China sein Haus renoviert, stellt sich für die Europäischen Unternehmen die Frage, ob sie künftig noch rein dürfen oder draußen bleiben müssen“, sagte Wuttke in Peking. „Wir warten weiter für den ‚Big Bang‘ der Öffnung. Chinas Führung braucht den Mut zum Wandel.“

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