https://www.faz.net/-gqe-8w7sr

Smog : Ein Ring aus Bäumen soll den Smog in Peking stoppen

Dichter Smog in Peking Bild: dpa

Weil China seine extreme Luftverschmutzung nicht in den Griff bekommt, soll um die Hauptstadt eine „Grünkette“ entstehen. Dabei wäre eine andere Methode wohl effektiver und günstiger.

          3 Min.

          Die Stadt Tangshan in der Provinz Hebei, die an Chinas Hauptstadt Peking angrenzt, wird in China auch scherzhaft der „drittgrößte Stahlproduzent der Welt“ genannt. Auf Platz eins der Liste rangiert die Volksrepublik China - ohne den Stahlausstoß der Provinz Hebei eingerechnet. Auf Platz zwei folgt die Provinz Hebei - ohne die Stadt Tangshan eingerechnet. Auf Platz drei folgt dann schließlich Tangshan.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Wenn der Wind ungünstig steht, dann weht er die Emissionen, die von den Stahlwerken in Tangshan abgesondert werden, die 180 Kilometer lange Luftstrecke bis nach Peking hinüber. Dann wachen die 22 Millionen Menschen in der Hauptstadt am Morgen auf und blicken durch die Fenster ihrer Hochhäuser auf eine dicke Smogglocke, die zuweilen die Sicht auf 50 Meter einschränkt wie bei stärkstem Nebel.

          Im vergangenen Winter zeigten die Messgeräte, die sich bei vielen Hauptstädtern mittlerweile als fester Bestandteil des Haushalts etabliert haben wie der Flachbildfernseher, Feinstaubwerte an, die das 20-fache, manchmal das 25-fache, und zuweilen sogar das 30-fache dessen darstellen, was die Gesundheitsorganisation als noch unbedenklich einstuft.

          Der Smog über der Hauptstadt hat viele Ursachen

          Am Donnerstag hat die Regierung von Hebei einen Plan vorgestellt, wie sie das Problem anzugehen gedenkt. Die Parteiführung der Provinz steht unter starkem Druck der Zentralregierung. Während des jüngst zu Ende gegangenen Volkskongresses hat Ministerpräsident Li Keqiang abermals der Luftverschmutzung den Kampf angesagt und dem chinesischen Volks „blauen Himmel“  versprochen.

          Der Smog über der Hauptstadt hat viele Ursachen. Doch die meisten Fachleute sind sich einig, dass es vor allem einen Grund hatte, dass Peking im Winter schlechtere Luft als in den Vorjahren erlebt hat, was die Regierung mittlerweile eingeräumt hat. Es ist der Versuch von umliegenden Provinzen wie Hebei, den Vorgaben der Zentralregierung gerecht zu werden und das Wirtschaftswachstum zu retten.

          Laut der Umweltschutzorganisation Greenpeace, deren China-Dependance im Vergleich zu den Aktivitäten der Gruppe im Rest der Welt normalerweise eher durch großes Verständnis gegenüber chinesischem Staat und Regierung auffällt, waren es doch nicht wie geplant stillgelegte und wieder in Betrieb genommene Stahl- und Kohlewerke im Pekinger Umland, die das Smogdesaster zu verantworten haben.

          Davon, Stahlwerke stillzulegen, hat die Provinzregierung in Hebei am Donnerstag allerdings nichts gesagt. Stattdessen stellte sie einen Plan vor, um Peking herum Bäume zu pflanzen, Grüngürtel zu errichten und Flüsse und Sumpfgebiete so zu gestalten, dass sie eine „grüne Halskette“ für die Hauptstadt ergäben.

          Anders Hove, ein Fachmann für neue Energien und in Peking bei der Forschungsstiftung des früheren amerikanischen Finanzministers Hank Paulson beschäftigt, kritisierte den Plan aus Hebei am Donnerstag mit den Worten, es sei „günstiger und schneller“ für eine Verbesserung der Luftqualität in Peking, wenn die Stahl-Provinz weniger Schadstoffe emittieren würde. Dies werde aber als „zu hart wahrgenommen“.

          Es geht um zig-Millionen Arbeitsplätze

          Was Hove meint: An der Stahlindustrie in Hebei hängen zig-Millionen Arbeitsplätze. Für all diese Menschen müsste Chinas Staat andere Beschäftigungen finden, was im Endeffekt möglicherweise gar nicht teurer käme als die Folgen der Luftverschmutzung. Allerdings können Massenentlassungen Unruhe schaffen. In einem Jahr, in dem Präsident Xi Jinping seine zweite Amtszeit einläuten will und die Führung Chinas zu einem beträchtlichen Teil auszutauschen gedenkt, ist dies auch in Pekings Regierungsviertel nicht erwünscht. „Stabilität“ ist die Parole, die Xi vor dem Volkskongress als Marschrichtung für das laufende Jahr ausgegeben hat.

          Es ist nicht so, als habe es in Hebeis Schwerindustrie bisher gar keine Entlassungen gegeben. Bis Ende 2015 verloren 30.000 Arbeiter in den Stahl- und Kohlekraftwerken ihren Arbeitsplatz. Im laufenden Jahr soll die Stahlproduktion in Hebei um 40 Millionen Tonnen sinken. In der Folge fallen dann noch einmal 68.000 Stellen weg.

          Allerdings hat es derlei Ankündigungen bereits in der Vergangenheit oft gegeben von Regierungsstellen in China. In Wahrheit, behaupten Beobachter wie Greenpeace, seien sie dann oft umgangen worden. In einem Land, in dem die Regierung keinerlei demokratischer Kontrolle unterliegt, sind weniger Worte entscheidend, sondern deren tatsächliche Umsetzung.

          Alle Fachleute sind sich einig, dass es der Umwelt guttun würde, würde Chinas Wirtschaft weniger schnell wachsen. Auch die neuen Schulden der verlustreichen Staatsunternehmen wie etwa in der Stahlindustrie würden dann weniger stark an Größe zulegen.

          Die Regierung von Hebei allerdings hat Anfang Januar überraschend verkündet, dass die Wirtschaft in der Provinz im laufenden Jahr nicht weniger stark wachsen soll oder mit dem Vorjahrestempo. Stattdessen soll die Wirtschaft schneller an Leistung zulegen, einen höheren Prozentsatz beim Wachstum erreichen als sie es im Vorjahr getan hat. Zusammen mit den vorgestellten Plänen für einen Waldgürtel um Peking sind das wohl keine guten Nachrichten für das Klima in Chinas Hauptstadt.

          Weitere Themen

          Milliardenverluste für Tourismusbranche Video-Seite öffnen

          Südostasien : Milliardenverluste für Tourismusbranche

          Thailand, Kambodscha, Taiwan – diese Länder spüren die Auswirkungen des neuartigen Coronavirus wohl am heftigsten. Die ansonsten reiselustigen Chinesen sind angehalten, zu Hause zu bleiben. Für die südostasiatische Tourismusbranche bedeutet das Milliardenverluste. .

          Topmeldungen

          Ein türkischer Militärkonvoi inmitten von Fahrzeugen flüchtender Zivilisten im Norden der Provinz Idlib.

          Assads Vormarsch in Idlib : Geschichten der Ohnmacht

          Die syrischen Truppen rücken in Idlib ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung vor. Die Türkei hält mit Unterstützung für die Rebellen dagegen – aber nur, solange das Moskau nicht zu sehr verärgert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.