https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/agenda/ein-praesidenten-cousin-namens-kursrakete-13945812.html

Glutamat-Connection : Ein Präsidenten-Cousin namens Kursrakete

Kein Helfer für Glutamat: Chinas Staatspräsident Xi Jinping (mit J) Bild: AP

Ein Glutamat-Hersteller nominiert den Cousin von Staatspräsident Xi für den Aufsichtsrat. Der Aktienkurs steigt steil. Dann rudert das Unternehmen zurück. Willkommen in China, der Welt größtem Kasino.

          3 Min.

          Ihr Nachname ist derselbe, ihr Vorname unterscheidet sich allein in einem einzigen Buchstaben: Xi Yinping (in China kommt der Nachname zuerst) ist der Cousin von Xi Jinping. Abgesehen von der Tatsache, dass ihre Väter Brüder waren, haben sie nicht viel gemeinsam: Herr Xi mit dem „Y“ im Vornamen ist ein Niemand. Herr Xi mit dem „J“ ist der Führer Chinas. Und zwar nach Meinung vieler Beobachter der mächtigste, den die Volksrepublik seit dem Tod Mao Tse-tungs hatte.

          Präsident Xi räumt in der Finanzbranche auf

          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Dass die Chinesen ihn so sehr respektieren (und fürchten) wie den berühmt-berüchtigten Republikgründer, verdankt Xi Jinping in allererster Linie der knallharten Kampagne gegen Korruption, die er seit der Bestellung zum Generalsekretär der Kommunistischer Partei Chinas vor drei Jahren unerbittlich fährt. Unzählige Kader und Manager sind seitdem von der Polizei abgeholt worden, vor Gericht gestellt – oder verschwunden.

          Nachdem im Sommer Chinas Börsenkurse heftig eingebrochen sind und das zuvor wirtschaftlich so stark wirkende Land international blamiert haben, lässt der Parteichef und Präsident in Personalunion nun kräftig im Finanzsektor aufräumen. Erst Ende vergangener Woche gaben drei der größten Brokerhäuser Chinas an, im Fadenkreuz der Fahndungsbehörden gelandet zu sein und die Polizei im Haus zu haben. Prompt sackten die Börsenkurse um fast 6 Prozent ab.

          Mit Beziehungen gewürzt

          Der Glutamat-Hersteller Lianhua Gourmet Powder aus der Provinz Henan im Landesinneren Chinas, gelegen neben jener Provinz namen Shaanxi, in der der Cousin des Präsidenten geboren ist, hat seinen Börsenkurs gegen den Trend jedoch am gestrigen Mittwoch sprunghaft steigern können. Das über dreißig Jahre alte Staatsunternehmen ist seit 1998 an der Schanghaier Börse gelistet, 40 Prozent seiner Geschmacksverstärkerprodukte verkauft es auf dem Heimatmarkt. Die Marke ist in ganz China bekannt. Monatelang war der Kurs der Aktie vor sich hingedümpelt. Mit Markteröffnung am Mittwoch schnellte er jedoch mit einem Satz nach oben: um 9,9 Prozent – mehr dürfen Aktien an einem Tag in China nicht steigen.

          Der Grund war wohl weniger glänzende Aussichten der chinesischen Lebensmittelbranche, sondern eine Personalie: am Abend zuvor hatte das Unternehmen Lianhua bekannt geben, wen es als externen Kandidaten für einen Sitz im „Board of Directors“, nominiert, eine Mischung aus Aufsichtsrat und Vorstand und das Führungsgremium der Firma: Xi Yinping, der Cousin des Präsidenten mit dem „Y“ im Namen. Alle zehn Mitglieder des Verwaltungsrats hätten der Nominierung zugestimmt, teilte Lianhua mit. Für die Aktionäre war das offensichtlich ein Knaller.

          Mit Versorgungsposten qualifiziert

          Es ist nicht ganz klar, was den Präsidenten-Cousin für die Aufsichtsratsposition qualifiziert. Über den 46 Jahre alten Xi Yinping ist weit weniger bekannt als über seinen berühmten Verwandten in Peking. Von 2010 bis 2013 sei der Xi mit dem „Y“ in seiner Heimatprovinz Shaanxi Generalsekretär des „Büros für ein harmonisches China“ gewesen, heißt es im Lebenslauf, den der Glutamat-Hersteller präsentierte.

          Von solch einem Büro haben die meisten Chinesen noch nie gehört. Seit dem vergangenen Jahr ist der Präsidenten-Cousin nun stellvertretender Direktor des „Xi Zhomgxun Forschungsinstituts“ in Shaaxnis, benannt nach dem Vater von Präsident Xi Jinping. Außerdem, so ist herauszufinden, war der Cousin mal Ehrenvorsitzender der „Liga für Internationalen Umweltschutz“. Der Glutamat-Hersteller Lianhua schrieb, Xi Yinping habe einen Bachelor-Abschluss, nannte jedoch weder den Namen der Universität noch die Fachrichtung.

          Ups

          Einen Tag und knapp zehn Prozent Kursgewinn später hat das Unternehmen Lianhua die Nominierung des Mannes mit dem berühmten Verwandten am Mittwoch wiederrufen. Daraufhin sackte der Aktienkurs wieder ab.

          Viele chinesische Staatsmedien berichteten über den Fall, bis zum jetzigen Zeitpunkt haben die Zensurbehörden die Texte aus dem Internet nur teilweise wieder gelöscht. Das lässt darauf schließen, dass es der Propagandaabteilung der Partei vielleicht ganz recht ist, wenn die Menschen den Eindruck bekommen, der gegen Korruption kämpfende Präsident lasse beim geringsten Verdacht auf Betrug nicht mit sich Spaßen und mache da auch bei der eigenen Familie keine Ausnahme.

          Cui bono?

          Erst Ende Oktober musste sich Chinas reichster Mann, der Gründer des Mischkonzerns Wanda Wang Jianlin gegen den Verdacht wehren, der unglaubliche Erfolg des Unternehmens könnte auch damit zu tun haben, dass sich unter den Aktionären zumindest zeitweise auch ein Mann namens Deng Jiagui befand, der Stiefbruder des Präsidenten.

          Es ist nicht bekannt, wer zu welchem Zeitpunkt wie viele Aktien des Glutamat-Herstellers vor der kurssteigernden Personalie gekauft hat und auf dem Höhepunkt wieder verkauft. Tatsache ist jedenfalls, dass Insiderhandel ein großes Problem im chinesischen Aktienmarkt ist, der ein einziges, großes „Kasino“ sei, wie ein chinesischer Starökonom vor 15 Jahren einmal gesagt hat. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

          Weitere Themen

          Bund und Länder beraten über Entlastungen Video-Seite öffnen

          Livestream : Bund und Länder beraten über Entlastungen

          Die Bundesregierung trifft sich mit den Vertretern der Bundesländer in Berlin. Fragen zu Entlastungen der Bürger in der Energie- und Stromversorgung sollten geklärt werden. Verfolgen Sie die Ministerpräsidentenkonferenz hier im Livestream.

          Topmeldungen

          Ohne Kopftuch gegen ein Regime, dessen Repräsentanten anderen Sittsamkeit predigen und sich selbst bereichern. Teheraner Szene vom 1. Oktober.

          Protestbewegung in Iran : Unter Kleptokraten

          Während in Iran die Proteste gegen das Regime weitergehen, verhält sich der Westen erstaunlich zurückhaltend. Das nutzt Iran auch mit Blick auf die angestrebte atomare Bewaffnung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.