https://www.faz.net/-gqe-8k83c

Neomerkantilismus : Ein Ökonom für Donald Trump

Der einzige Professor im Trump-Team: Peter Navarro Bild: Getty

Ein eigenwilliger Professor aus Kalifornien stützt Trumps Handelspolitik. Er hat Hillary Clinton einmal sehr gemocht.

          Kürzlich hat Donald Trump seine Beraterteam für Wirtschaftsfragen vorgestellt. Auffällig ist, dass viele der Mitglieder Milliardäre sind, männlich, weiß, im gesetzten Alter und mit hoher Wahrscheinlichkeit Steve mit Vornamen heißen.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Bemerkenswert ist ferner, dass nur einer ein aktiver Volkswirtschaftsprofessor ist. Dieser Mann allerdings verdient nähere Betrachtung. Er heißt Peter Navarro, ist ein an der Harvard Universität ausgebildeter Ökonom und ist womöglich der wichtigste Berater für den Republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump. Das vermutet zumindest der renommierte Ökonom und bekannte Blogger Tyler Cowen.

          Abweichler vom Freihandelskonsens

          Bemerkenswert ist erst einmal, dass sich ein Ökonomieprofessor an einer für ihre Forschungsleistungen geschätzten University of California in Irvine zu Trump bekennt und dessen protektionistischen Wirtschaftskurs als angemessene Politik verteidigt, um Amerika zu alter Größe zurückzuführen.

          Denn Ökonomen sind, egal welcher Denkschule sie sich verschrieben haben, seit Adam Smith in wenigstens dieser einen Grundsatzfrage einig: Freier Handel, auch über Grenzen hinweg, ist gut. Und als nächste gesicherte Erkenntnis galt, dass Freihandels-Länder selbst dann besser fahren, wenn sie es mit protektionistischen Ländern zu tun haben. Diese Vorstellung nimmt Abschied von der alten merkantilistischen Idee, dass Importe für ein Land schlecht sind und Exporte gut.

          Kauft nicht bei Chinesen

          Navarro widmet sich erst seit wenigen Jahren dem Freihandel und speziell China, wenn seine Publikationen ein Maßstab sinnt. Vor seiner chinesischen Phase hatte Navarro Bücher über Geldanlage und über Management verfasst. Ein Buchtitel lautet: „Always a winner“. In den neunziger Jahren galt er als Energieexperte, der über die Deregulierung des Strommarktes und über Kernkraft schrieb.

          Sein größter publizistischer Erfolg ist aber die von Donald Trump gepriesene Fernsehdokumentation. „Death by China“. Er hat selbst die Regie für diesen Film geführt, der auf Youtube komplett zu sehen ist. Im Vorspann sagt Navarro, dass der Film die erfolgreichste Dokumentation der Netflix-Bibliothek der letzten Jahre war.

          Navarro schließt den Vorspann zum Film mit einer für Ökonomen seltsamen Aufforderung: „Helft, Amerika zu verteidigen und eure Familien zu beschützen. Kauft nicht „Made in China“. Der Film ist den auch eine einzige Polemik gegen China, das als betrügerisch, manipulativ und Regel brechend dargestellt wird. Eine weitere These ist, dass der demokratische Präsident Bill Clinton den Niedergang der amerikanischen Industrie zu verantworten hat, weil er Amerika für China geöffnet habe.

          Ignoranter Trump

          Der Ökonom Cowen sagt, wer Trumps Gedankenwelt im Hinblick auf China verstehen wolle, der müsse die Schriften des Neomerkantilisten Navarro lesen. Einige Artikel und Werke über China gleichen in ihrer scharfen Polemik der Dokumentation, andere haben Werke aus seiner Feder haben einen differenzierteren Tonfall.

          Politische Insider haben von dem Werk „Seed of Destruction“ gehört, das Navarro zusammen mit Glenn Hubbard, ehemaliger Chefökonom für Präsident George W. Bush verfasst hat. Es hatte nicht die merkantilistische Note und Glenn Hubbard wirft Donald Trump heute Unverständnis und Ignoranz in Bezug auf Handfragen vor, vor allem die angedachten Abkommen mit Europa und Asien (TTIP und TPP) würden Amerikas Wirtschaft nützen.  

          „Verlassner Clinton-Trump-Demokrat“

          Aus einem früheren Werk Navarros geht hervor, dass er noch eine offene Rechnung mit Bill Clinton hat. In dem Buch beschreibt der Ökonom seine gescheiterte politische Karriere als demokratischer Politiker. Navarro kandidierte in den Clinton-Jahren für den Kongress und bemängelte mangelnde finanzielle Hilfe und Fehltritte des damaligen Präsidenten Bill Clinton. Beste Worte fand er dagegen für Hillary Clinton, die ihm im Wahlkampf beigesprungen. Er nannte sie im Buch anmutig, stilvoll, intelligent und scharfsinnig.

          Er hat nach seinen Angaben noch keine Zeit gefunden, die Frage dieser Zeitung zu beantworten, ob sich inzwischen seine Einstellung gegenüber Hillary Clinton geändert habe. Das gleich gilt übrigens für die Frage, ob er eigentlich noch Mitglieder Demokratischen Partei ist. Gegenüber Tyler Cowen gab er an, er sei ein von der Partei verlassener Reagan-Trump-Demokrat. Er bezeichnete sich allerdings auch früher als Umweltschützer und machte seine Abscheu über Politiker deutlich, die den menschlichen Beitrag zur Klimaerwärmung anzweifeln.

          Dass sich Navarro jetzt wieder in die Politik ziehen lässt, ist einerseits überraschend, weil seine zahlreichen Versuche, öffentliche Wahlämter (Stadtrat, Bürgermeister von San Diego, Kongressabgeordneter) zu erlangen, meistens scheiterten, andererseits zeigt das beständige Wiederantreten, dass Politik eine Faszination auf ihn ausübt, der er sich schwer entziehen vermag.

          Weitere Themen

          Pilotenheld kritisiert Boeing Video-Seite öffnen

          „Sully“ schlägt Alarm : Pilotenheld kritisiert Boeing

          Mehrere Piloten fordern den US-Flugzeugbauer Boeing auf, Piloten besser zu schulen, bevor die Flieger vom Unglückstyp 737 Max nach zwei Abstürzen mit hunderten Toten wieder fliegen dürfen. Die von Boeing angebotenen Schulungen reichten nicht aus, sagt unter anderem Chesley "Sully" Sullenberger. Er schrieb mit der geglückten Notlandung mit einem Airbus auf dem Hudson in New York 2009 Geschichte.

          Topmeldungen

          EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber

          Streit um EU-Jobs : EVP-Kandidat Weber greift Macron an

          Manfred Weber geht im Ringen um den Job als EU-Kommissionspräsident in die Offensive. Er wirft seinen Gegnern destruktives Verhalten vor und warnt: „Die Frustration von Wählern ist absehbar.“

          Charismatisch und skrupellos : Was will Boris Johnson?

          Er ist Held der englischen Nationalisten und Favorit für den Vorsitz der Konservativen. Einen echten Plan für den Brexit hat der begabte Scharlatan noch immer nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.