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Eigene Spur im Verkehr : Smartphone-Nutzer haben in China jetzt Vorfahrt

Wer gern auf der Straße telefoniert, bekommt im chinesischen Chongqing jetzt seinen eigenen Fußgängerweg. Bild: Reuters

China führt ein, was die Amerikaner einst versuchten: eine eigene Spur für diejenigen, die beim Gehen nicht vom Handy lassen wollen. Denn Bürger mit Handys steigern das Bruttosozialprodukt.

          Die Zahl der Nutzer von Mobiltelefonen steigt in Asien sprunghaft weiter an. In China haben nun mehr als 90 Prozent der 1,3 Milliarden Einwohner ein Handy. In Indien sind es fast eine Milliarde von gut 1,2 Milliarden Menschen. Insgesamt gibt es in Asien mehr als 3,5 Milliarden Handynutzer, Zahl stark steigend. Da wird es eng. In den Netzen. Vor allem aber auf den Straßen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Insbesondere die Asiaten lieben es, wenn sie denn ein Handy haben, es auch zu nutzen. Daheim. Im Restaurant. Am Strand. Aber eben auch auf der Straße. Das aber führt zu Kollisionen. China, das schon Schießpulver, Porzellan und den Vorläufer der Spaghetti erfunden haben soll, sorgt nun für Ordnung: In der großen West-Metropole Chongqing haben die Chinesen einen eigene Handy-Weg für Fußgänger eingerichtet. Zwischen Fahrbahn und Fußgängerweg wurde für die Süchtigen eine Spur mit weißen Streifen markiert.

          Allerdings gibt es noch offene Fragen: Wie beispielsweise wollen Menschen, die Dank des Dauer-Blicks aufs Handy dafür prädestiniert sind, vor einen Laternenpfahl zu laufen, innerhalb ihrer weiß markierten Spur bleiben? Und, vielleicht noch dringlicher: Woher haben die Chinesen eigentlich diese Idee? Und da zeigt sich: Sie haben kopiert. Schon wieder. 

          Wer hat's erfunden? Die Amerikaner.

          Denn im Juli hatte sich schon Washington mit einer Handy-Trasse in der 18ten Straße hervorgetan. Doch was ist schon Washington, mögen sich die Chinesen gedacht haben? Gibt es in Amerika doch nur gut 300.000 Mobilfunknutzer. Zudem handelte es sich dort nur um einen Versuch, den ein Fernsehsender angeleiert hatte, um das Verhalten von Menschenmassen abbilden zu können. Auch die Stadt Philadelphia hatte schon 2012 einen solchen eigenen Weg eingerichtet – was sich damals als Aprilscherz herausstellte. Vielleicht hat ein reisender Chinese die Sache aber einfach ernst genommen und ein Handy-Foto aus Amerika mit in die Heimat gebracht?

          So entsteht wirklich Großes. Denn flugs setzt das prosperierende Chongqing zum Wohle seiner Bürger um, worüber Amerika nur schmunzelte. Wie so oft bei chinesischen Kopien ist die Ausführung freilich etwas schwächer als das Original: Während die Markierungen in Washington ordentlich mit Hilfe von Schablonen aufgebracht worden waren, wurden sie in Chongqing augenscheinlich per Hand auf das Pflaster gepinselt. Aber solange es funktioniert, stört sich in China kaum jemand daran.

          Dabei haben die Chinesen vielleicht sogar ganz andere Pläne im Kopf. Denn die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) erklärte gerade in Singapur, dass ein Wachstum der Handy-Verbreitung um 10 Prozent in Entwicklungsländern dort ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozentpunkten schaffe. Also gilt es, den Handy-Nutzer als kostbare Spezies zu schützen. Die Kommunistische Partei hat rechtzeitig erkannt, wie wertvoll der Kamerad mit seinem Handy für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung ist. Den Amerikanern wird das Lachen wohl bald vergehen.

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