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Neue Finanzmarktblasen : Amerikas Zentralbank vor der Maginot-Linie

Die Fed-Vorsitzende Janet Yellen Bild: AP

Wann muss Amerikas Notenbank Federal Reserve den Leitzins anheben, um Finanzmarktblasen die Luft zu nehmen? Wichtige Konjunkturdaten in dieser Woche verschärfen die Debatte.

          3 Min.

          Marktbeobachter, aufgepasst. Jetzt sind Geschichtskenntnisse gefragt. Was meint Richard Fisher, der Präsident der regionalen Federal Reserve Bank von Dallas, wenn er von der Maginot-Linie spricht? Richtig, die Maginot-Linie war ein System von Verteidigungssystem von Bunkern und Kasematten, das die Franzosen in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Schutzwall gegen die Deutschen errichtet hatten und das in Gedenken an Verteidigungsminister André Maginot benannt wurde. Genützt hatte das nicht so viel: Die deutsche Wehrmacht durchquerte die Niederlande, Belgien und Luxemburg, umging so die Maginot-Linie und griff Frankreich von Norden kommend her an.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Auf diese historische Episode bezieht Fisher sich, wenn er in einer aktuellen Rede die makro-prudentielle Aufsicht als so etwas wie die Maginot-Linie bezeichnet: Sie könne umgangen werden. „Auf die makro-prudentielle Aufsicht zu vertrauen, um finanzielle Instabilität zu verhindern, verschafft ein künstliches Gefühl der Sicherheit“, sagte Fisher. Das ist harter Tobak in der Debatte, wie die Notenbanken trotz gewollter Liquiditätsschwemme verhindern können, dass es zu neuen Blasen an den Finanzmärkten kommt.

          Mit den Zinsen Blasen verhindern?

          Die Kernidee der Fed-Vorsitzenden Janet Yellen und vieler anderer Notenbanker ist, dass man die Leitzinsen ruhig noch ein wenig bei Null halten könne, solange die Aufseher durch Kreditauflagen oder ähnliche Eingriffe Finanzblasen vorbeugen könnten. Problematisch daran aber ist, dass das makro-prudentielle Instrumentarium noch nicht getestet wurde. Niemand weiß, ob es mit regulatorischen Eingriffen wirklich gelingen kann, Blasen zu verhindern.

          Problematisch ist ferner, dass die Aufseher vor Krisen üblicherweise blind sind und nicht erkennen, wo an den Finanzmärkten die nächste Krise lauert. Wie aber wollen sie dann einer Krise durch regulierende Eingriffe vorbeugen? Zinserhöhungen, um die Liquiditätsschwemme und die Blasengefahr zu verringern, haben den Vorteil, das sie „in allen Ritzen“ wirken. So hatte es vor einigen Monaten der frühere Fed-Notenbanker Jeremy Stein formuliert.

          Fisher schießt mit seinem historischen Vergleich gegen ein allzu großes Vertrauen in die makro-prudentielle Regulierung. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die Zinspolitik nicht nur Mittel der Konjunktursteuerung, sondern auch Mittel zur Absicherung gegen finanzielle Instabilität sein muss. Im Klartext: Die Zinsen müssen notfalls steigen, bevor es zu Blasen kommt. Es ist bemerkenswert, dass auch Yellen das im Extremfall nicht ausschließt. „Es mag Zeiten geben, in denen eine Anpassung der Geldpolitik angemessen sein mag, um aufkommende Risiken für die Finanzstabilität zu mindern“, sagte sie Anfang Juli in einer Rede am Internationalen Währungsfonds.

          Davon aber sieht die Fed-Vorsitzende die Vereinigten Staaten noch weit entfernt. Yellen betont seit Wochen die Unsicherheit über die wirtschaftliche Lage, während sie die Finanzmarktrisiken klein redet. Die Fed scheint sicher genug zu sein, um bis zur Sitzung im Oktober die Anleihekäufe zu verringern und dann einzustellen. Was danach kommt ist unsicher, insbesondere die Perspektive, wann die Fed den Leitzins, der seit Dezember 2008 bei nahe Null Prozent liegt, anheben wird. Irgendwann im Sommer 2015, wird an den Finanzmärkten gemutmaßt. Notenbanker wie Fisher können sich aber gegebenenfalls auch schon Zinserhöhungen noch in diesem Jahr vorstellen. Fisher gehört freilich zur Minderheit der „Falken“ im Offenmarktausschuss,.

          Eine Woche wichtiger Konjunkturdaten

          In dieser Woche wird die Unsicherheit über die Wirtschaftslage sich womöglich ein wenig legen – oder verstärkt werden. Eine Fülle von Konjunkturindikatoren steht an, wobei zwei hervorstechen. Am Mittwoch gibt es die erste Schätzung zum Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal. Ökonomen rechnen gemäß Umfragen mit einem – auf ein Jahr hochgerechneten – Wachstumsrate von etwa 3 Prozent. Das wäre eine deutliche Erholung und ein Signal, dass die drastische Schrumpfung um 2,9 Prozent im ersten Quartal wirklich vorübergehend und vor allem dem extrem harschen geschuldet war.

          Dieses Konjunkturbild entspricht bislang auch die Erwartung der Federal Reserve, deren Offenmarktausschuss am Mittwoch wohl bekanntgeben wird, die Anleihekäufe weiter zu schrumpfen. Mehr Neuigkeiten werden von der Fed vor der Sommerpause nicht erwartet. Über den konkreten Wachstumszahlen schwebt Unsicherheit, weil im Sommer üblicherweise größere historische Revisionen erfolgen.

          Am Freitag steht dann der Arbeitsmarktbericht für Juli an. Die fünf vorherigen Monate gab es Beschäftigtenzuwächse von mindesten 200.000. Solch eine Serie gab es zuletzt Anfang der neunziger Jahre. Analysten erwarten weitgehend, dass als Zeichen der sich stärkenden Konjunktur auch im Juli deutlich mehr als 200.000 Stellen geschaffen wurden. Die Arbeitslosenquote könnte von 6,1 auf 6 Prozent gesunken sein.

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