https://www.faz.net/-gqe-7zdnz

Hongkong : Die falsche Elite-Uni in der Shopping-Mall

Hier, im Hongkonger Finanzdistrikt Central, sollte angeblich die Suwen-Universität liegen. Bild: AFP

Im Internetkaufhaus Alibaba gibt es falsche Hochschuldiplome schon ab 28 Euro zu kaufen. Besonders gefragt waren die Titel einer vermeintlich elitären Managerschmiede aus Hongkong. Das Problem: Die edlen Vorlesungssäle sind in Wirklichkeit ein Einkaufszentrum.

          3 Min.

          Die Hongkonger Suwen-Universität ist eine Hochschule von Weltklasse: mitten im Finanzbezirk Central, dort, wo die ohnehin schon horrenden Mieten der Hafenstadt noch höher sind und die internationalen Banken ihre Hauptquartiere haben, residiert die laut ihrer Facebook-Seite am 4. Juni 1989 gegründete Suwen-Uni, dem Tag des Massakers auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens, in einem mehr als repräsentativen Gebäude mit raffinierter Stahl -und Glasarchitektur. Riesig prangt das grün-weiß-rote Suwen-Wappen an der Stirnseite. Kein Wunder, dass auf der hochschuleigenen Webseite unter den Fotos der edlen Anlage der Präsident der Universität stolz an der Seite seiner Elite-Studenten, die der Hautfarbe zu urteilen aus aller Herren Länder stammen, in die Kamera lächelt.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Den Mann gibt es wirklich. Joseph Sung Jao-Yiu ist sein Name. Allein, er ist nicht Präsident der Suwen-Uni sondern der renommierten Chinese University of Hongkong, der besten Hochschule der Stadt. Das Gebäude gibt es auch. Es handelt sich um das Einkaufszentrum IFC, der allerersten Shopping-Adresse der Stadt direkt am Hafen, wo unter anderem auch Hongkongs riesiger Apple-Store sein Zuhause hat. Nur die Suwen-Universität gibt es nicht. Die Webseite und die Fotos sind mit Photoshop erstellte Fälschungen. Genau wie die Universitätsdiplome, die von der nicht existierenden Suwen-Universität bis vor zwei Tagen auf dem zum Internetkonzern Alibaba gehörenden Shoppingportal Taobao erworben werden konnten.

          Der Skandal ist ans Licht gekommen, nachdem Chinas Aufsichtsbehörden vergangene Woche in einem möglicherweise politisch motivierten Schritt Alibaba und seinen Gründer Jack Ma öffentlich wegen der vielen gefälschten Produkten auf der Taobao-Seite angegriffen haben. Dort seien fast zwei von drei der verkauften Produkte Fälschungen – wie etwa die Universitäts-Diplome der Suwen-Hochschule, deren Preisspanne auf Taobao zwischen 300 und 1000 Yuan betrug, umgerechnet 42 Euro für einen Bachelor, 140 Euro für den Master-Abschluss einer Universität, die nach Auskunft der Hongkonger Bildungsbehörde nicht existiert. Die dagegen reale Chinese University, deren Präsidenten-Foto die Suwen-„Gründer“ einfach von der fremden Webseite kopiert und auf die eigene gestellt hatten, hat erklärt, man habe „keinerlei Verbindungen“ zu der angeblichen Hochschule oder dem Geschäftsmodell der illegalen Titelverkäufe.

          Nachdem am Montagabend Reporter in Hongkong Alibaba-Gründer Jack Ma mit Fragen nach der falschen Titelfabrik und ihren auf Taobao erhältlichen Diplomen gelöchert haben, ist das Angebot mittlerweile aus dem Portal gelöscht. Auch Suchbegriffe wie „Universitätsdiplom“ sind auf Taobao geblockt. Doch die F.A.Z. konnte diesen Mittwochvormittag unter nur leicht veränderten Stichworten wie „Universitätszertifikat“ immer noch auf die Taobao-Titelangebote allerhand anderer offensichtlich falscher Universitäten zugreifen. Oder echter Universitäten: von der F.A.Z. kontaktiert, bietet ein Verkäufer an, man möge ihm das gewünschte Diplom einfach zusenden, dann erhalte man es unter dem eigenen Namen innerhalb von 48 Stunden zurück. Kosten: 200 Yuan, umgerechnet 28 Euro.

          Die falsche Suwen-„Universität“ aus Hongkong indes hat zu ihren Glanzzeiten Öffentlichkeitsarbeit betrieben, die sich sehen lassen kann. Ihr vermeintlicher Weltruf brachte die vermeintliche Hochschule sogar in einen Bericht von Chinas staatlicher Nachrichtenagentur Xinhua, deren Artikel für gewöhnlich von Hunderten weiterer chinesischer Medien übernommen werden. Über drei Campus-Gelände verfüge die Suwen-Universität, war zu lesen, insgesamt erstrecke sich deren weitläufige Liegenschaften auf 299 Hektar. Auf denen insgesamt 4700 Studenten unterrichtet würden in chinesischer Literatur, Geschichte und Kultur, auch Hotelmanagement habe die Suwen-Uni im Angebot neben MBA-Programmen. Von angeblich 407 Professoren und Dozenten. Besonderes Merkmal der Hochschule laut „Xinhua“: die Absolventen der Hochschule zeichne „soziales Verantwortungsbewusstsein“ aus sowie das durch die Top-Kurse erworbene „Selbstvertrauen“, sich mit „der Weltelite zu messen“.

          Die Facebook-Seite der “Elitehochschule” existiert übrigens noch, auf der die prachtvollen vermeintlichen Einrichtungen in der Foto-Sektion bewundert werden können. Selbst ein Streckenplan des Hongkonger U-Bahn-Systems haben die Macher dankenswerterweise auf die Seite gestellt, um zu zeigen, wie man auf einen der drei Campus findet. In den Kommentarspalten sind sogar noch „Studenten“ aktiv, die in in kantonesischer Sprache „ihre“ Hochschule verteidigen: „Die Universität gibt es!“. Ein Meinung, die 38 „Gefällt mir“-Einträge erhielt, von anderen Facebook-Nutzern angesichts der amateurhaft mit Photoshop bearbeiten Fotos allerdings in Zweifel gezogen wird: „In dem Gebäude da war ich doch gestern einkaufen!“

          Weitere Themen

          Renault schockt die Börse

          Prognose gekappt : Renault schockt die Börse

          Renault hat seine Umsatz- und Gewinnziele gekürzt. Die schwächelnde Autonachfrage trifft den französischen Autokonzern stärker als bislang gedacht. Der Aktienkurs verlor bis zu 14 Prozent.

          Topmeldungen

          Deal mit Amerika : Ein Erfolg für Erdogan

          Die Verhandlungen des türkischen Staatspräsidenten mit dem amerikanischen Vizepräsidenten Mike Pence führen zu einer fünf Tage langen Waffenruhe. Wie hoch ist der Preis? Eine Analyse.
          Mick Mulvaney am Donnerstag bei einem seiner seltenen öffentlichen Auftritte

          Ukraine-Affäre : Stabschef Mulvaney bringt Trump in Erklärungsnot

          Der geschäftsführende Stabschef des Weißen Hauses sagt vor der Presse etwas, das er später zurücknimmt: Die amerikanische Regierung habe 400 Millionen Dollar Militärhilfe für die Ukraine zurückgehalten. Damit liefert Mulvaney den Demokraten eine Steilvorlage.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.