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Amtseinführung : Des Trumps neue Kleider

Bild: AFP

Der künftige Präsident behauptet, in Washington könne man kaum noch etwas Vernünftiges zum Anziehen kaufen, weil alle mit ihm seine Amtseinführung feiern wollen. Davon kann keine Rede sein.

          3 Min.

          Es ist „Inauguration Week“ in Amerika. An diesem Freitag wird Donald Trump als fünfundvierzigster Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Rund um die offizielle Zeremonie finden diverse Bälle und Partys statt, diesmal freilich aber auch etliche Demonstrationen. Es wurden mehr als zwei Dutzend Genehmigungen für Demonstrationen erteilt, allein zum „Women’s March on Washington“ am Tag nach der Amtseinführung werden 200.000 Menschen erwartet.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Trotzdem oder vielleicht auch deshalb gibt sich der künftige Präsident alle Mühe, seine Inthronisierung schon im Vorfeld als ein rauschendes Fest zu beschreiben, bei dem jeder mitfeiern will. Er ging so weit, der „New York Times“ zu sagen, alle „Dress Shops“ in Washington seien ausverkauft, und es sei schwer, für den Anlass noch ein „großartiges Kleid“ zu finden. Bemerkenswert daran ist allein die Wortwahl. „Dress Shop“, also „Kleidergeschäft“, ist ein extrem antiquierter Begriff und lässt Amerikaner eher an die fünfziger Jahre zurückdenken. Heute würden Amerikaner sagen, sie kaufen ein Kleid in einer „Boutique“ oder im „Department Store“.

          Vor allem aber lassen sich offenbar keinerlei Indizien für einen Kleidermangel in Washington finden. Eine ganze Reihe amerikanischer Medien schickte Journalisten in Geschäfte, wo ihnen versichert wurde, es gebe reichlich Bestände an festlichen Abendroben. Die Washingtoner Filiale des Edelwarenhauses Neiman Marcus ließ die „Washington Post“ wissen, sie habe mehr als tausend Abendkleider auf Vorrat. Eine Inhaberin eines anderen Geschäfts sagte der Zeitung, es sei extrem schwer vorstellbar, dass einer Stadt wie Washington die Kleider ausgehen. Die Zeitschrift „People“ zitierte den Besitzer einer Boutique mit den Worten, in seinen 38 Jahren habe das Geschäft nie eine geringere Nachfrage nach Kleidern für Bälle zur Amtseinführung erlebt.

          Trumps Äußerung verkennt außerdem den Umstand, dass Online-Handel eine immer größere Rolle spielt und Frauen selbst für den Fall, dass sie in einer Boutique nichts finden, noch immer im Internet bestellen können. Das tut sogar Trumps Frau Melania. Sie hat zum Beispiel das weiße Kleid, das sie beim Parteitag der Republikaner im Juli getragen hat, beim Online-Händler Net-a-Porter bestellt. Es gibt außerdem Online-Dienste wie „Rent the Runway“, bei denen man Kleider mieten kann. Rent the Runway bietet auf seiner Seite mehr als 300 verschiedene Kleider für „Inauguration“-Bälle an.

          Alle hätten gerne Tickets

          Die Modeläden in Washington scheinen also nicht den Ansturm zu erleben, wie ihn Trump beschreibt. Das heißt freilich nicht, dass die Kassen in der Stadt in dieser Woche nicht klingeln werden. Hotels und Restaurants dürften gute Geschäfte machen, schließlich brauchen die vielen Menschen, die für die Partys und Bälle wie auch für die Demonstrationen anreisen, Unterkünfte und wollen verpflegt werden. Die Online-Publikation „Politico“ schrieb, viele Hotels hätten direkt nach dem überraschenden Wahlausgang im November Stornierungen erlebt, seien aber mittlerweile wieder ausgebucht. Im gerade eröffneten Trump International Hotel ist nichts mehr frei. Zimmer sind erst wieder zwei Tage nach der Vereidigung verfügbar, für Preise zwischen 644 und 3344 Dollar.

          Neben seinem Hinweis auf die vermeintlich ausverkauften „Dress Shops“ sagte Trump in dem Interview weiter, zu seiner Vereidigung würden „etliche Film- und Unterhaltungsstars“ kommen. Trump hat kürzlich schon gesagt, alle Prominenten aus der „sogenannten A-Liste“ hätten gerne Tickets für seine Vereidigung. Freilich scheint sich Trump sehr schwer getan zu haben, hochkarätige Namen zu verpflichten. Während bei der Vereidigung von Barack Obama vor acht Jahren Superstars wie Beyoncé, U2 und Bruce Springsteen auftraten, sollen viele Prominente wie Céline Dion oder Elton John Trump einen Korb gegeben haben. Sängerin Jennifer Holliday hatte eigentlich zugesagt, machte aber am Wochenende kurzfristig einen Rückzieher.

          Die Comedy-Show „Saturday Night Live“ machte sich am Samstag über den Mangel an hochkarätiger Prominenz lustig. In einem Sketch sagte Trump-Darsteller Alec Baldwin, die Hollywood-Stars Angelina Jolie, Ryan Gosling und Jennifer Lawrence würden zu den Feierlichkeiten kommen, freilich in Form von Wachsfiguren von Madame Tussauds. Immerhin soll wohl die B-Street Band bei der Vereidigung auftreten. Das ist eine Gruppe, die Lieder von Bruce Springsteen nachspielt.

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