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Entrechtete Minderheit : Der Traum eines neuen Myanmar bekommt Risse

Niedergebrannter Markt in einem Rohingya-Dorf bei Maugndaw. Bild: Reuters

Der Umgang mit der muslimischen Minderheit der Rohingya belastet die diplomatischen Beziehungen, der Wirtschaftsaufschwung lässt nach.

          Von der Welt bislang fast unbeachtet, setzt das Schicksal der muslimischen Minderheit der Rohingya Asiens jüngste Demokratie zunehmend unter Druck. Myanmar (Burma), von dem bislang ein Wirtschaftswachstum von rund 8 Prozent jährlich erwartet wurde, findet keinen Weg, menschlich mit den unerwünschten und rechtlosen Bewohnern umzugehen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Für sie ist das tragisch, denn immer mehr Rohingya verlieren ihr Leben. Für die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi ist der Konflikt gefährlich, beschädigt er doch ihr Ansehen im Ausland. Allerdings ist ihre Handlungsfreiheit eingeschränkt: Denn ihre zivile Regierung bleibt weiter unter dem Kuratel des Militärs, dass die Ressorts Verteidigung, Grenzsicherung und Inneres beherrscht. Zudem muss die Regierung einen Weg aus den wieder aufflammenden bewaffneten Konflikten im Shan-Staat finden.

          Gewaltsames Vorgehen gesellschaftlich akzeptiert

          Die Flüchtlinge werden aufgebrieben zwischen den ärmsten Ländern der Region. Die Gewalt gegen die Rohingya im Rakhine-Staat im Westen des Landes zwingt die Menschen dort, über die Grenze nach Bangladesch zu fliehen. Sie flüchten vor der Polizei, den buddhistischen Burmesen und den Soldaten, denen Verbrechen vorgeworfen werden.

          Die ganz überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Myanmars sympathisiert mit der Vertreibung, insofern ist die Friedensnobelpreisträgerin sich bei ihrem weitgehenden Stillhalten des Zuspruchs ihrer Landsleute sicher. Aber ihre nun acht Monate amtierende Regierung in Myanmar verliert gerade in Amerika an Ansehen – ohne dass sie ihren Entwicklungsprozess kaum wird fortsetzen können.

          Illegale Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch

          Dieser nähert sich sowieso von überzogenen Erwartungen allmählich der Wirklichkeit: Auch aufgrund der Abkühlung am Immobilienmarkt rechnet der Internationale Währungsfonds jetzt nur noch mit 6,5 Prozent Wachstum – in etwa die Geschwindigkeit Chinas, aber weniger als beispielsweise die Philippinen ausweisen.

          Die Inflation liegt weiter bei rund 9 Prozent. Viel gefährlicher aber ist, dass die Auslandsinvestitionen in der ersten Hälfte des Fiskaljahres um 50 Prozent auf nur noch 1,4 Milliarden Dollar gesunken sind. Der Traum des endlich friedlich und enorm schnell aufholenden Landes gerät ins Wanken.

          „Bewusst erfundene Nachrichten“

          Amerikas Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power, hat bei der jüngsten Tagung des Sicherheitsrates Diplomaten darauf hingewiesen: „Anfänglicher Enthusiasmus der internationalen Gemeinschaft, Myanmar alleine seinen Entwicklungsweg fortschreiten zu lassen, erscheint derzeit gefährlich.“

          Suu Kyi soll daraufhin westlichen Diplomaten in Myanmar versprochen haben, die Hilfe für die Rohingya wieder aufnehmen und Verbrechen aufklären zu lassen. Es kursieren Berichte über Vergewaltigungen von Rohingya-Frauen durch Soldaten, das Abbrennen ihrer Hütten und mehrfachen Mord.

          Die Regierung widerspricht diesen Darstellungen. Der Regierungssprecher sprach von „bewusst erfundenen Nachrichten“ und sagte: „Niemand auf der Welt würde zulassen, dass Sicherheitskräfte angegriffen werden, es zu Morden und dem Diebstahl von Waffen kommt.“

          Entrechtet und ohne Zukunft

          Die Rohingya zählen zu den Ärmsten der Armen, leben vielfach fast ohne Einkommensmöglichkeit in Lagern und sind, da ihnen das Land die Papiere entzogen hat, staatenlos und damit vollkommen rechtlos. Der Aufschwung in Myanmar, der in der Wirtschaftskapitale Rangun zu spüren ist, geht an ihnen spurlos vorbei. Power erklärte, dass die Jahre der Ausgrenzung die Rohingya radikalisiert haben könnte.

          Malaysias Diplomaten warnten vor einer neuerlichen Flüchtlingskrise in Südostasien. Schon 2012 war es zu harten Auseinandersetzungen mit der lokalen Bevölkerung gekommen, bei denen hunderte Rohingya ihr Leben ließen. Später flüchteten viele unter schlimmsten Bedingungen mit obskuren Schleppern über See. Viele Länder der Region, unter ihnen Singapur, lehnten eine Aufnahme allerdings kategorisch ab, während das muslimischen Indonesien half.

          In Myanmar selber drängen die Diplomaten darauf, die seit gut 40 Tagen vom Militär geschlossene Region Rakhine zumindest für Hilfstransporte zu öffnen. Mehr als 150.000 Menschen vegetieren dort wohl ohne angemessene Versorgung mit Nahrung und Medizin, weil das Militär die Grenzen geschlossen hat. Die Vereinten Nationen warnen, dass mehr als 3000 unterernährte Kinder zu sterben drohten.

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