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IWF-Entscheidung : Chinas Yuan wird jetzt offiziell zur Weltwährung

Der Einfluss der chinesischen Währung Yuan dürfte sich nach der IWF-Entscheidung erhöhen. Bild: Reuters

Ab dem ersten Oktober ist die chinesische Währung Teil der Sonderziehungsrechte. Das ist Ausdruck von Pekings neuer ökonomischer Macht. Doch noch wird der Yuan wenig genutzt.

          Einer, der die Geschichte der chinesischen Währung Yuan aus der Außensicht am besten kennt, ist Eswar Prasad: in Indien geborener Ökonom an der elitären amerikanischen Cornell University, Forscher an der Washingtoner Denkfabrik Brookings und früherer Leiter der China-Abteilung des Internationalen Währungsfonds.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Über den Aufstieg des Yuan, der von Politikern und Teilen der Wissenschaft mit seinem offiziellen Titel Renminbi (Volksgeld) bezeichnet wird, hat Prasad ein neues Buch geschrieben (Gaining Currency: The Rise of the Renminbi, Oxford University Press, September 2016). Im „historischen Prolog“ des Werks lässt der Ökonom keinen Zweifel daran, dass sich gerade Historisches ereignet auf der Welt: er zitiert Marco Polo bei seiner Reise in das China des 13. Jahrhunderts: „Am Ende des Tages erreicht man eine ansehnliche Stadt namens Pau-ghin. Ihre Bewohner beten Götzen an, verbrennen ihre Toten und benutzen Papiergeld.“

          In Europa, woher der venezianische Händler Marco Polo stammte, fand Papiergeld erst vier bis fünf Jahrhunderte später breite Verwendung. Das machte Sinn, hatten die Chinesen das Papier 200 Jahre vor Christus schließlich auch selbst erfunden. Wenn Chinas heutige Währung Yuan am Samstag, dem 1. Oktober, in den Korb der Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds (IWF) aufgenommen wird, impliziert Prasad, handelt es sich um einen logischen Schritt beim Wiederaufstieg einer Nation, die seit Jahrtausenden an der Spitze der Welt stand.

          Keine Gefahr für den Dollar

          Seit langem begleitet Prasad Chinas wirtschaftlichen Aufstieg analysierend-kritisch, aber dabei mit unverkennbarem Wohlwollen. Es war daher zu erwarten, dass der Ökonom in seinem Werk auf die historische Größe Chinas verweist, das in seiner langen Geschichte die erste große Inflation erlebt hat und den ersten Währungskrieg, der die Straßen Schanghais in Blut tränkte. Bezeichnend ist aber vielmehr, dass Prasad nicht in den Hype vieler sonstigen China-Beobachter und China-Fans verfällt, die Tag für Tag die Ablösung Amerikas als führende Weltmacht durch das von der Kommunistischen Partei regierte Reich der Mitte vorhersagen: der Yuan werde zu einer wichtigen internationalen Reservewährung, schreibt Prasad, und werde auch bald in weiten Teilen der weltweiten Handels- und Finanztransaktionen genutzt. Aber ein „Spielveränderer“, eine Währung, die die Dominanz des Dollars auf der Welt ablösen kann, das sei der Yuan nicht.

          Obwohl China heute einen Außenhandelsüberschuss von vier Billionen Dollar aufweist, wird die Währung des Landes auf der Welt kaum genutzt. Sogar im Handel mit Amerika wickeln chinesische Unternehmen nur rund 2 Prozent ihrer Zahlungen in Yuan ab, weltweit liegt dessen Anteil am Zahlungsverkehr noch darunter. Euro, britisches Pfund, selbst der japanische Yen – all diese Währungen finden eine größere Verbreitung als das Volksgeld aus der Volksrepublik.

          Dessen Anteil wird sich durch die Aufnahme in den Währungskorb des IWF nun erhöhen. Eine Billion Dollar auf eine Zeitperiode von fünf Jahren gerechnet könnten Schätzungen zufolge nun nach China hereinfließen, weil Zentralbanken und Fonds überall auf der Welt Yuan kaufen werden, nachdem die Währung das Gütesiegel aus Washington erhalten hat. Dass die Tage des Dollars gezählt sind, Amerikas Abstieg angesichts der scheinbar offen liegenden Dysfunktionalität seines politischen Systems unausweichlich, glaubt Prasad nicht.

          Zwar gibt es allerorten Anzeichen dafür, dass China die Regeln des Spiels zu seinen Gunsten verändert: vergangenen Oktober startete Peking sein grenzübergreifendes Zahlungssystem, dass in direkter Konkurrenz zum von Amerika dominierten Swift-System steht. Laut den Enthüllungen von Edward Snowden wird Swift von der amerikanischen National Security Agency (NSA) ausspioniert. Statt die im Rest der Welt dominierenden Kreditkartenfirmen mit Sitz in Amerika ihr Geschäft in China aufziehen zu lassen, kann man mittlerweile mit dem chinesischen Unionpay-System in Frankfurt und selbst auf den griechischen Kykladen bezahlen.

          Das Beste beider Welten

          Dass der Yuan dennoch so bald nicht zum „sicheren Hafen“ werden dürfte, wie jüngst die Federal Reserve Bank of Dallas in einem Bericht feststellte, hat vor allem damit zu tun, dass die Machthaber in Peking „das Beste beider Welten“ wollen, wie sich Analysten ausdrücken: eine internationale Reservewährung, aber ohne deren Freiheit von staatlicher Kontrolle, was allerdings gemeinhin die Definition einer Reservewährung darstellt.

          Im August vor einem Jahr hat China im Vorfeld der Entscheidung des IWF, den Yuan zur Reservewährung zu machen oder nicht, der Welt signalisiert, dass es der Währung künftig mehr gestatten würde, sich im Wert so zu entwickeln, wie der Markt dies wünsche. Seitdem hat Peking allerdings massiv eingegriffen, um den Yuan vor dem Absturz zu bewahren. Dass dieser in den vergangenen zwölf Monaten nur um 2,6 Prozent gegenüber dem Dollar abgewertet hat, ist vor allem dem Verkauf von Dollar durch Pekings Zentralbank zu verdanken. Allein in diesem Zeitraum sind die Fremdwährungsreserven Chinas um mehr als 10 Prozent zurückgegangen, auf zwei Jahre zurückgerechnet sogar um ein Viertel.

          Funktionierende Finanzmärkte gibt es in China immer noch nur begrenzt. Der Aktienmarkt ist volatil, der massive Abfluss von Kapital ins Ausland ließ sich nur mit strengen Kontrollen stoppen. Die Reformen zur Liberalisierung, die Chinas Präsident und Parteichef Xi Jinping bei Amtsantritt vor drei Jahren versprochen hat, sind angesichts der schwächelnden chinesischen Wirtschaft auf Eis gelegt. In der Krise spielt Peking auf Sicherheit und stärkt die Rolle des Staates, um Massenarbeitslosigkeit im Land zu verhindern.

          Ohne Reformen aber, prophezeit der Ökonom Prasad, werde der Aufstieg des Yuan trotz aller historischen Größe Chinas auf absehbare Zeit limitiert bleiben: dem Land fehle schlichtweg das Vertrauen der ausländischen Anleger.

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