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Politische Hausse : Chinas Staatsmedien befeuern die Aktienkurse

Chinesische Staatsführung: Alles Börsen-Insider Bild: dpa

Chinesische Zeitungen sind sich sicher: Die Hausse an Chinas Börsen ist erst der Beginn. Und zitieren mysteriöse Quellen aus der Regierungsspitze – prompt steigen die Kurse.

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          Der Schanghaier Aktienmarkt gibt weiterhin Rätsel auf. Am Donnerstag gingen die Kurse des marktbreiten Hauptindex namens Shanghai Composite zunächst wieder um 1,4 Prozent in den Keller. In den Tagen zuvor hatten sie kräftig zugelegt, besonders am Montag: da hatte die in Peking erscheinende „Volkszeitung“ einen Artikel veröffentlicht, der unter der Überschrift „Die fünf drängendsten Fragen zur Chinesischen Wirtschaft“ betonte, wie wichtig es sei, dass privates Kapital seinen Weg an die Aktienmärkte und andere Anlagemöglichkeiten finde.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Neu war, dass die Zeitung einen geheimnisvollen „Insider“ aus der Regierungsspitze zitierte, der ankündigte, Chinas Finanzmärkte stärker für Privatinvestitionen zu öffnen. Prompt stieg der Shanghai Composite Index und schloss den Handelstag mit einem Plus von 3,35 Prozent. Am stärksten stiegen die Kurse von Unternehmen aus den Bereichen Infrastruktur und Transport.

          Der Insider im Zentralorgan

          Wer aber ist der geheimnisvolle Insider, den die für investigative Recherchen sonst nicht gerade bekannte „Volkszeitung“ zum Reden gebracht hat? Das parteieigene Blatt gilt als Sprachrohr von Chinas Führung. Da chinesische Regierungsmitglieder wenig bis gar nicht mit Journalisten die Inhalte ihrer Politik und der Wirtschaft des Landes diskutieren, gelten die Kommentare in der „Volkszeitung“ häufig als Hinweis, welche Richtung die Führung in Peking in den kommenden Monaten einschlagen wird.

          Am gestrigen Mittwoch nun hat die „Volkszeitung“ Stellung genommen dazu, wer der ominöse „Insider“ ist: ein „hoher Führer“ habe da Auskunft gegeben, heißt es verklausuliert in einem Artikel, „eine Figur, die wir alle kennen“.

          Aktien- statt Immobilienblase

          Dass Chinas Propaganda gerne geheimnisvoll tut, um ihre Inhalte interessanter zu machen, ist nicht neu. Neu ist, wie die Staatspresse ganz offensichtlich auf Geheiß der Regierung seit Beginn der sagenhaften Hausse an Chinas Aktienmärkten im vergangenen Jahr bis heute alles dafür tut, damit die Menschen noch mehr Geld an die Börse bringen. In den vergangenen zwölf Monaten ist der Shanghai Composite um 145 Prozent gestiegen, so schnell wie an keinem anderen Aktienmarkt in der Welt. Allein seit Jahresbeginn hat er um über 50 Prozent zugelegt.

          Dahinter steht der politische Wille: weil es wenig Anlagemöglichkeiten in den nach wie vor völlig unterentwickelten chinesischen Finanzmärkten gibt, haben die Bürger Vermögen gebildet, in dem sie in den Wohnungsmarkt investierten, auf dem die Preise Jahr für Jahr kräftig stiegen. Das ist seit Anfang 2014 vorbei: die Preise sinken mittlerweile bald im zehnten Monat hintereinander.

          Geht es nach Chinas Regierung, werden die Chinesen nun auf wundersame Weise allesamt mit Aktien reich. Und tatsächlich investieren vom Taxifahrer bis zum Millionär quer durch alles Schichten Massen an Börsenneulingen ihr Erspartes auf dem Aktienmarkt. Allerdings geht die wirtschaftliche Entwicklung der zweitgrößten Volkswirtschaft in die entgegengesetzte Richtung: das Wachstumstempo in China nimmt ab, nicht zu.

          Propaganda- statt Wirtschaftskraft

          Damit die Kurse trotzdem weiter steigen, die Menschen noch mehr Geld in die Titel von Staatsbanken und Infrastrukturkonzernen stecken und noch mehr Liquidität in die Märkte fließt, braucht es nach Meinung der Politik ganz offensichtlich immer mal wieder einen kleinen Anschubser: und dann packen plötzlich mysteriöse „Insider“ aus dem ansonsten so verschwiegenen Führungskreis des Ein-Parteien-Staats China aus, mit einer brandheißen Neuigkeit: alles wird gut.

          Dass am Donnerstag die Kurse fielen, wird der Propaganda-Strategie keinen Abbruch tun. Im Gegenteil: es könnte vielmehr sein, dass der „Insider“ jetzt häufiger von den blendenden Aussichten der Volkswirtschaft Chinas berichten muss.

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