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Chinas Schüler stöhnen : Das „Gaokao“ ist die härteste Abschlussprüfung der Welt

Auf das chinesische Abitur bereiten sich die Schüler drei Jahre lang nicht selten 16 bis 20 Stunden pro Tag vor. Bild: dpa

Fast zehn Millionen Chinesen schreiben heute und morgen den „Gaokao“, Chinas Abitur. Der Ausgang des Tests entscheidet über ein Leben in Reichtum, Mittelmaß oder Armut – nicht nur der Prüflinge, sondern oft auch ihrer Familien.

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          Knapp zehn Millionen chinesische Schüler im Alter von 17 und 18 Jahren sind am heutigen Mittwoch um sieben Uhr in der Früh aufgestanden, viele mit flauem Gefühl im Magen. Viele haben Sojabohnen mit Milch gefrühstückt, aber keine gesalzenen Enteneier wie an anderen Tagen. Denn das, so der Aberglaube im Reich der Mitte, zieht null Punkte im Gaokao nach sich, die unter Erziehungswissenschaftlern als härteste Abschlussprüfung der Welt gilt.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Um neun Uhr beginnt die zweitägige Prüfung in Chinesisch, Englisch, Mathematik und einem Wahlfachgebiet, das entweder aus Biologie, Physik und Chemie bestehen kann oder Politik, Geschichte und Geographie. Eine Stunde zuvor liefern die Eltern ihr Kind am Ort des Gaokao ab, der sich oftmals nicht in der Schule des Kindes selbst befindet, sondern oftmals an anderen Bildungsstätten. In denen schwitzen dann einander fremde Schüler verschiedener Landkreise zusammen an jedem der beiden Prüfungstage viereinhalb Stunden über Fragen, auf die sie sich unter strenger Aufsicht von Lehrern und Eltern drei Jahre lang nicht selten 16 bis 20 Stunden pro Tag vorbereitet haben.

          Die Punktzahl im Gaokao – maximal sind 750 möglich – entscheidet darüber, welche Universität in China die Schüler später besuchen dürfen. Nicht nur für die Jungen selbst, sondern auch für ihre Eltern, die vor ein paar Jahren oftmals noch arm waren und all ihre Hoffnungen auf ihr meist einziges Kind konzentrieren, entscheidet sich an der Qualität der Hochschule ihr ganzes späteres Schicksal. Wer an einer der elitären Universitäten in Peking wie etwa der Tsinghua studieren darf, der erhält mit großer Wahrscheinlichkeit auch später einen gut bis sehr gut bezahlten Arbeitsplatz in der Privat- oder Staatswirtschaft. Wer es aufgrund seiner Punktzahl nur an eine mittelmäßige Hochschule schafft, den erwartet in der Regel auch nur ein Leben im Mittelmaß, nicht selten als kleiner Beamter in einer der unzähligen Behörden im Land.

          Die Abschlussprüfung feiert ihr 40-jähriges Jubiläum

          Die höchste Anzahl an jungen Chinesen, die am Gaokao teilgenommen haben, gab es im Jahr 2008: nicht weniger als 10,5 Millionen absolvierten damals die Abschlussprüfung. Im laufenden Jahr 2017 sind es mit 9,4 Millionen Schülern allerdings nicht sehr viel weniger.

          Dieses Jahr feiert die Abschlussprüfung ein Jubiläum: Es ist der 40. Gaokao seit Ende der Kulturrevolution im Jahr 1977. Die blutige Kampagne Maos dauerte zehn Jahre lang, in denen zwischen 1,5 und 1,8 Millionen Menschen getötet wurden und zwischen 22 bis 30 Millionen Menschen verfolgt. Der Freiburger Sinologe Daniel Leese beziffert die Zahl der Opfer, die unter dem staatlich angeordneten Terror in China gelitten haben, gar auf 100 Millionen Menschen.

          In den ersten vier Jahren der Kampagne nahmen Chinas Universitäten keine neuen Studenten an, weswegen auch die Prüfung zur Hochschulzulassung ausfiel. Von 1970 bis 1976 durften dann wieder junge Chinesen ein Studium beginnen. Zugelassen wurden sie allerdings nicht aufgrund des Gaokao, sondern nur nach Empfehlung des lokalen „Revolutionskomitees“. Die nötige Voraussetzung dafür war die Herkunft aus einem armen Arbeiter- oder Bauernhaushalt. Es half auch, wenn Vater oder Mutter in der Volksbefreiungsarmee dienten. Außerdem musste der künftige Student mindestens neun Jahre zur Schule gegangen sein und politisch „auf der richtigen Seite“ stehen, das heißt ein glühender Anhänger des Gedankenguts Maos.

          Nachdem der „Große Vorsitzende“ im Jahr 1976 gestorben war und die neue Führung den Wahnsinn der Kulturrevolution beendet hatte, nahmen wieder 5,7 Millionen junge Chinesen am Gaokao teil. Das waren viel mehr, als die Behörden erwartet hatten. Weil es nicht genug Papier gab, um ausreichend Prüfungsbögen zu drucken, wurden dafür einfach jene Bögen verwendet, die eigentlich dafür vorgesehen waren, um darauf die fünf Bände der „Ausgewählten Werke“ Maos zu drucken. Die Wahrscheinlichkeit, den Gaokao in seinem ersten Jahr der Wiedereinführung zu bestehen, lag bei gerade einmal 5 Prozent. Im Jahr 2014 lag die Wahrscheinlichkeit hingegen bei 74 Prozent.

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