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Toutiao : Chinas Regierung liebt diese Nachrichten-App

Die Nachrichten-App Toutiao hat sich für viele Chinesen fast zum alleinigen Nachrichtenfilter entwickelt. Bild: AFP

Mittels künstlicher Intelligenz wählt die personalisierte Nachrichten-App Toutiao aus, was 600 Millionen Chinesen über die Welt erfahren. Bewertet wird sie bereits mit zehn Milliarden Dollar. Das Regime in Peking ist begeistert – endlich hat es das perfekte Zensurwerkzeug gefunden.

          Diese Nachricht aus der chinesischen Internetwirtschaft erreichte allenfalls Menschen, die sich intensiv mit den Geschäftsaussichten auseinandersetzen, die der rasante Aufstieg von Chinas Digitalindustrie bietet. Das Pekinger Startup Beijing Bytedance Technology wird von Investoren mit zehn Milliarden Dollar bewertet. So weit, so gut.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Gegründet wurde das Unternehmen vor vier Jahren. Seine Wertentwicklung ist rasant, aber das trifft für viele Internetunternehmen aus China zu. Doch am gestrigen Donnerstag organisierte Beijing Bytedance für die chinesische Regierung eine Preisverleihung. Es war eine gewaltige Zeremonie. 800 der ranghöchsten Politiker Chinas waren gekommen, aus der Zentrale der Kommunistischen Partei, aus Ministerien, Provinzregierungen und anderen Regierungsstellen. Das berichtet die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua.

          Die vielen Kader waren nicht alle extra angereist, weil sie sich so sehr über den wirtschaftlichen Erfolg der chinesischen Internetindustrie freuten. Sie feierten mit dem Unternehmen Beijing Bytedance dessen erfolgreichstes Produkt: die Nachrichten-App Toutiao, die bei 600 Millionen Chinesen auf dem Smartphone installiert ist.

          Toutiao ist in China ein Phänomen. Wer die App öffnet, wird von einem personalisierten Startbildschirm begrüßt, auf dem Zeitungsberichte zu vom Nutzer zuvor ausgewählten Themen angezeigt werden und noch viel mehr: Einträge von Unternehmen über ihre neuesten Produkte und Akquisitionen, Texte von Privatpersonen, die auf der App ihren persönlichen Blog eingerichtet haben – und Informationen von Regierungsstellen. Was der Nutzer sieht, darüber entscheidet ein lernfähiger Algorithmus, der Facebook ähnelt, das die Nachrichten in der Timeline seiner Nutzer ebenfalls mittels künstlicher Intelligenz auswählt.

          Größtes Propaganda-Potential

          Chinas Präsident Xi Jinping hat den knapp 90 Millionen Mitgliedern der Kommunistischen Partei kurz nach seinem Amtsantritt vor vier Jahren befohlen, sie sollten sich die neuen sozialen Medien im chinesischen Internet für die Propaganda zunutze machen. „Wir sollten uns voll auf die neuen, differenzierten Kommunikationstrends einstellen“, gab das offizielle Parteisprachrohr „Volkszeitung“ Xi erst jüngst im Dezember in einem Leitartikel wieder. „Liangwei yiduan“ heißt die regierungsinterne Kampfparole. Ihr zufolge sollen die Behörden die beiden Hauptkommunikationskanäle im Internet, den Twitter-ähnlichen Kurznachrichtendienst Weibo und die Whatsapp-Kopie We-Chat mit 750 Millionen Nutzern, mit eigenen Kanälen bestücken, um Nachrichten im Sinne der Regierung zu verbreiten.

          Weil sich aber mittlerweile die meisten Chinesen über die Nachrichten-App Toutiao informieren, hat die Regierung ihr Augenmerk nun auf diese neue Form der Informationsverbreitung gerichtet. In Peking bekam Toutiao nun den Preis für darauf eingerichtete Regierungskanäle, die das „größte Potential“ für die Propaganda darstellen würden: so ist ein amtlicher Wetterkanal auf Toutiao sehr erfolgreich, was in Zeiten, in denen das Volk gegen die allgegenwärtige extreme Luftverschmutzung aufzubegehren beginnt, für die herrschenden Kader umso nützlicher ist. Ebenso viel gelesen werden auf Toutiao die Einträge der chinesischen Staatsanwaltschaft darüber, wie sich ausgewählte Gerichtsverfahren gegen Angeklagte entwickeln, die zum Beispiel wegen politischer Vergehen angeklagt sind.

          Insgesamt wuchs vergangenes Jahr auf Toutiao die Zahl aller amtlichen Kanäle von chinesischen Regierungsstellen innerhalb von zwölf Monaten von 4000 auf 35.000, eine Steigerung um fast 800 Prozent. Sie produzierten insgesamt 2,4 Millionen Geschichten und Videos auf den Propagandakanälen der Regierung. Diese Einträge wurden in dem Zeitraum insgesamt 8,2 Milliarden Mal von den Nutzern gelesen. Die Zeit, die die chinesischen Toutiao-Nutzer auf den Propagandaseiten der Regierungsstellen verbrachten, betrug zusammengerechnet über 14.000 Jahre.

          App als alleiniger Nachrichtenfilter

          Der Eintrag „Der erste Tiger, der zum Tode verurteilt wurde“, der von der Korruptionsanklage gegen den früheren stellvertretenden Gouverneur der Provinz Innere Mongolei Zhao Liping handelte, wurde dabei von 10 Millionen Chinesen gelesen.

          Was die Kader bei der Preisverleihung für Toutiao in Peking nicht erwähnten, was aber jedem im Saal klar war: das größte „Potential“ für Chinas Regierung bietet jedoch die App selbst, die sich für das größte Volk der Erde fast zum alleinigen Nachrichtenfilter entwickelt hat. Ihr Anbieter Beijing Bytedance ist zwar ein privates Unternehmen. Doch das ist zum Beispiel der E-Commerce-Händler Alibaba auch.

          Chinas Regierung hat vor einem Jahr angekündigt, in den großen Internetunternehmen des Landes stationäre Polizeiwachen einzurichten, deren Beamte den Konzernangestellten auf die Finger gucken sollen.

          Das Internet, dass der Menschheit in seiner ursprünglichen Idee die Freiheit bringen sollte: zumindest in China hat es die Kontrollmöglichkeit der Bevölkerung so vergrößert wie wohl selbst die Regierung niemals zu hoffen gewagt hat.

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