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Nationaler Volkskongress : In China tagt das Parlament der Milliardäre

Parlament der Milliardäre Bild: dpa

Unter den Abgeordneten gibt es besonders viele Superreiche. Ministerpräsident Li Keqiang mahnt sie zur Bescheidenheit. Und die Kader sparen sogar an Begräbnissen.

          Wenn, wie derzeit, Chinas Scheinparlamente in Peking zusammenkommen, dann ist das auch ein Treffen der Superreichen. Im Nationalen Volkskongress sitzen 86 Yuan-Milliardäre, in der so genannten Konsultativkonferenz, einem Beratergremium, tummeln sich weitere 69 Delegierte mit einem Vermögen von mehr als einer Milliarde Yuan oder 119 Millionen Euro.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Etwa jeder Dreißigste der rund 5000 Abgeordneten  in der vermeintlich sozialistischen Volksrepublik gehört also zur Schicht der besonders Betuchten. Wahrscheinlich sind es noch viel mehr, denn die Reichenliste des Schanghaier Hurun-Instituts, aus der diese Zahlen stammen, erfasst nur öffentlich zugängliche Quellen.

          Die „Financial Times“ hat ausgerechnet, dass 56 Yuan-Milliardäre einer der beiden Versammlungen schon seit mindestens fünf Jahren angehören. Ihr Wohlstand habe sich seit 2007 mehr als vervierfacht und sei somit schneller gewachsen als im Durchschnitt der Superreichen.

          Ferraris und üppige Bankette sind nicht mehr erlaubt

          Das legt den vorsichtigen Schluss zu, dass in China Politiker schneller zu Pfründen kommen als Normalsterbliche. Tatsächlich hat auch die Führung in Peking erkannt, dass unter ihnen Korruption und Prasserei weit verbreitet sind. Deshalb hat Partei- und Staatschef Xi Jinping nicht nur den Kampf gegen die Bestechlichkeit verschärft, sondern auch eine Bescheidenheitskampagne ausgerufen.

          Staatsdienern, Parteimitgliedern und Militärs ist es nicht länger erlaubt, teure Geschenke zu machen oder anzunehmen. Sie dürfen keine übertrieben großen Autos mehr fahren oder aufwendige Reisen antreten. Selbst die beliebten Bankette wurden zurechtgestutzt, Alkoholika, Luxusspeisen und Blumenschmuck sind dort seitdem Tabu.

          Jetzt stellt sich heraus, dass neben dem Gastgewerbe und den Herstellern von Luxusgütern auch eine ganz andere Branche unter der neuen Frugalität leidet: die Bestatter.

          Bestatter verdienen 20 Prozent weniger

          Nach Angaben der Finanzagentur Bloomberg sind die Gewinne einiger Unternehmen im vergangenen Jahr um bis zu 20 Prozent gefallen. Schuld daran sei die von oben verordnete Zurückhaltung. Der Kronzeuge für den Bericht trägt den schönen Namen Zhang Hongbao und ist seit mehr als zehn Jahren Eigentümer der Gesellschaft Shanghai Funeral Service. „Die Offiziellen wagen es nicht mehr, so viel für Begräbnisse auszugeben“, sagt Zhang. „Das ist die Spitze der Antikorruptionskampagne: Sie entscheiden sich für einfache Zeremonie, laden weniger Leute ein und wünschen ruhigere Veranstaltungen.“

          Die Angelegenheit hat mehr als anekdotische Bedeutung. Die Dämpfung des üppigen Lebensstils von Millionen von Kadern macht vielen Branchen ernsthaft zu schaffen und hat auch volkswirtschaftliche Folgen. Zuletzt hat die Bank Credit Suisse mit Verweis auf Xis Kampagnen ihre Erwartungen an das Wirtschafts- und Konsumwachstum in China in diesem Jahr zurückgeschraubt.

          Regierungschef Li Keqiang hat in seiner Rede vor dem Nationalen Volkskongress den reichen Delegierten indirekt die Leviten gelesen, indem er mehrfach verlangte, sich in Demut zu üben. Entsprechend verhalten fiel der Applaus aus.

          Glücklich kann sich unter den Abgeordneten – und auch unter Chinas normalen Anlegern – schätzen, wer heute die richtigen Aktien im Depot hat. In Asien steigen die Kurse auf breiter Front, vor allem in Hongkong und Japan. Positive Nachrichten zur Lage des staatlichen Pensionsfonds in Japan sorgen für gute Laune unter den Investoren, schließlich ist er der größte der Welt.

          Tencent-Gründer Ma: über Nacht 245 Millionen Dollar reicher

          Der Regionalindex MSCI Asia Pacific gewinnt 0,2 Prozent hinzu, an den Einzelbörsen geht es noch deutlicher bergauf. In Hongkong laufen vor allem die Aktien des chinesischen Internetgiganten Tencent gut. Sie legen um 1,8 Prozent zu, so dass der Jahreszuwachs auf 28 Prozent steigt.

          Damit ist das Papier der Gewinner unter allen großen Technologie-Titeln in der Welt. Das gilt auch für den Gründer und Chef von Tencent, Pony Ma Huateng. Der Zweiundvierzigjährige ist über sein Aktienpaket seit Jahresbeginn um 25 Prozent oder 3,1 Milliarden Dollar reicher geworden. Allein seit gestern hat er einen Gewinn von 245 Millionen Dollar eingefahren.

          Bloomberg führt den Selfmademan heute an Position 57 unter den wohlhabendsten Menschen der Welt und zugleich als reichsten Festlandchinesen. Auch Ma hat einen Sitz im Nationalen Volkskongress, dem Milliardärs-Parlament, hat sich aber aus Gesundheitsgründen von den Sitzungen befreien lassen. Sein Internet-Kollege und -Konkurrent, der 45 Jahre alte Robin Li, gehört dem Beratergremium an. Er ist der Gründer und Chef der chinesischen Suchmaschine Baidu – und 12,8 Milliarden Dollar schwer. Zong Qinghou wiederum hat Sitz und Stimme im Nationalen Volkskongress. Er hat den Getränkekonzern Wahaha ins Leben gerufen und führt ihn bis heute.

          Mit 12 Milliarden Dollar rangiert Zong hinter Li an Platz vier der Chinesen mit den dicksten Geldbörsen. Er ist seit gestern um 13 Millionen Dollar ärmer geworden. Das zeigt zur Beruhigung aller Durchschnittsverdiener, dass auch Chinas superreiche Parlamentarier nicht immer nur gewinnen.

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