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Aktienblase : Chinas Taxifahrer spekulieren an der Börse

In China will derzeit jeder an der Börse aktiv sein Bild: AFP

Obwohl die zweitgrößte Wirtschaft langsamer wächst, steigen die Börsenkurse in Schanghai auf immer neue Rekorde. Eine Untersuchung zeigt, wer da kauft wie verrückt: das gemeine Volk.

          3 Min.

          Am Montag war es fast so weit: der Shanghai Composite Index, der die Kurse sämtlicher an der Schanghaier Börse notierter Titel abbildet, kratzte an der Marke von 3800 Punkten. Nachdem Chinas Zentralbankchef Zhou Xiachuan am Wochenende hatte durchblicken lassen, dass Peking die Finanzmärkte in der Volksrepublik bald mit billigem Geld fluten wird, feierten die Aktienhändler Kursrally. Am Ende des Handelstages stand ein Tagesgewinn von satten 2,59 Prozent.

          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Bei Handelsbeginn am darauffolgenden Dienstagmorgen war die 3800er-Marke dann bereits geknackt. Die Optimisten unter den Händlern glauben, es dauere nicht lange, da werde der Schanghaier Index auch die Marke von 4000 Punkten überschreiten. Dann hätten Chinas Börsenkurse innerhalb eines guten Jahres um 100 Prozent zugelegt. Gleichzeitig verlangsamt sich das Wirtschaftswachstum. Die Regierung warnt, das Wirtschaftsmodell weise „tiefliegende Probleme“ auf. Selbst ein bescheidenes Ziel eines Wachstums von 7 Prozent in diesem Jahr, was das Bruttoinlandsprodukt der zweitgrößten Volkswirtschaft so langsam steigern würde wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr, ist nach Aussage von Premier Li Keqiang nur „unter Schwierigkeiten“ zu erreichen.
          Wer also spekuliert da an Chinas Börsen wie verrückt?

          Eine Untersuchung der Universität für Finanzwesen und Wirtschaft Südwestchinas mit Sitz in Chengdu in der Provinz Sichuan, die der Branchendienst „Bloomberg Brief“ veröffentlicht hat, kommt zum Ergebnis: die Kurse an Chinas Börsen werden getrieben von Teenagern und Taxifahrern. Dass an Chinas Festlandbörsen im Gegensatz zu den Märkten in Hongkong oder New York vor allem Privatpersonen aktiv sind anstatt institutioneller Anleger, ist bekannt. Nun haben die Professoren bis Ende vergangenen Jahres 4000 Haushalte quer durchs Land auf ihr Anlageverhalten hin untersucht. Zwei Drittel der Neulinge unter den Aktionären an Chinas Börsen haben demnach einen Bildungsabschluss unterhalb der Hochschulreife und haben die Schule etwa im Alter von 15 Jahren verlassen. Mehr als 30 Prozent haben dem Klassezimmer sogar im Alter von 12 Jahren oder weniger Lebewohl gesagt. 6 Prozent der neuen Aktienkäufer sind der Studie zufolge sogar Analphabeten. Und auch das Haushaltseinkommen der neuen Aktienkäufer spricht eine deutliche Sprache: es ist gerade mal halb so hoch wie das Einkommen derjenigen, die schon seit längerem am Aktienmarkt in China aktiv sind. Die Volksrepublik ist zu einer Ansammlung von Volksspekulanten geworden. Die Frage ist, was dies für die Hausse am Schanghaier Aktienmarkt bedeutet.

          Wer will, kann sich diese Frage ganz entspannt beantworten: möglicherweise bedeutet das Bildungslevel nichts für den Erfolg an der Börse. Auf dem Schanghaier Parkett spekulieren also vermutlich Menschen am Aktienmarkt, die sich in ihrem Anlageverhalten wenig an Fundamentaldaten zur Wirtschaftslage im Land und in den Unternehmen und an weiteren rationalen Kriterien orientieren und mehr am Herdentrieb – wo sei da bitteschön der Unterschied zu den Finanzmärkten zwischen New York und Frankfurt, wenden Zyniker nun ein. Allerdings sind die Gründe für den Börsenboom in China in erster Linie politischer Natur – das riecht nach Unsicherheit.

          In der vergangenen Woche berichteten zwei chinesische Zeitungen, die China Securities Daily und die Beijing Morning Post, über Universitätsabsolventen und sogar über Teenager, die im Reich der Mitte mit den Geldgeschenken der Eltern an der Börse einsteigen und angesichts des Kursgewinns von über 90 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten auf das schnelle Geld hoffen – bis zum ersten Verkaufstag der neuen Apple Watch ist es schließlich nicht mehr lange hin. Die „Post“ porträtierte Xiao Du, einen Studenten und Fan des Online-Computerspiels Fantasy Westward Journey, der mit seine Kumpels in den Daddelpausen am Bildschirm zum Aktienmarkt wechselt und die Geldgeschenke von Eltern und Tanten in Orders umwandelt.

          Gemäß der alten Lebensweisheit von Joseph Kennedy, wenn der Schuhputzjunge nach Aktientipps frage, werde es Zeit, sein Depot zu verkaufen, dürfte die Blase am chinesischen Aktienmarkt also bereits gut gefüllt sein. Mit immer günstigeren Krediten und einer beispiellosen Medienkampagne in der Staatspresse treibt Chinas Regierung die Bevölkerung seit geraumer Zeit in die Aktienmärkte. Neben Immobilien, deren Preise seit einem Jahr stetig sinken, haben die meisten Menschen wie etwa die Taxifahrer in Schanghai und Peking keinerlei Möglichkeit, ihr Erspartes zu investieren und Vermögen zu bilden. Manch China-Beobachter ist der Ansicht, mit dem Kursfeuerwerk wolle die Regierung das Volk bei Laune halten, das ungewohnten Zeiten gegenübersteht: weil Chinas Wirtschaftsmodell umgestellt werden soll, entlassen bereits heute die riesigen Staatsbetriebe etwa aus der Stahlindustrie die Arbeiter und Angestellten in einem Ausmaß, das China seit Anfang der 90er Jahre nicht mehr erlebt hat.

          Die Hausse nährt die Hausse, lautet eine alte Börsenregel. Ob günstige Kredite und immer neue Konjunkturspritzen jedoch die Kurse in Schanghai unendlich lange auf immer neue Höhen treiben werden, ist mehr als fraglich. Schließlich ist die Unsicherheit angesichts des gigantischen Umbauprojekts der chinesischen Wirtschaft so groß wie seit langem nicht mehr. Ein paar schlechte Nachrichten – und Chinas Teenager und Taxifahrer müssen womöglich ihren Träume vom schnellen Reichtum bald begraben.

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