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Börsenkrimi : China hofft auf Börsen-Verpetzer

Die Börse in China Bild: dpa

Chinas Aktienkurse fallen und fallen. Die Regierung lässt im großen Stil Aktien aufkaufen, um die Kurse wieder nach oben zu drücken. Und dann gibt es da noch eine besondere Telefon-Hotline.

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          Wer kennt sie nicht, die „Ballade pour Adeline“ des zeitgenössischen französischen Komponisten Richard Clayderman? In China zumindest ist die liebliche Melodie ein Hit seit den achtziger Jahren, als der Pianist als einer der ersten westlichen Musiker den chinesischen Markt erobern durfte. Nun, drei Jahrzehnte nach den ersten Schritten zur Öffnung der chinesischen Wirtschaft, erklingt die Ballade in ganz anderem Zusammenhang: als Wartemelodie einer Hotline, die die chinesischen Börsenaufsicht in diesen Tagen eingerichtet hat, damit aufmerksame Bürger den Behörden ihren Verdacht mitteilten können, unter den Mitmenschen befänden sich solche, die „bösartige Leerverkäufe“ tätigten. Diese „bösartigen“ Verkäufer, die die Börsenkurse in Chinas derzeit nach unten trieben, obwohl sie nach dem Willen der Regierung steigen sollen, will die Aufsicht „hart bestrafen“. Man sei „Hinweisen aus allen Teilen der Gesellschaft“ aufgeschlossen. Sollte der Verdacht auf Aktienverkäufe nicht am Telefon geäußert werden wollen, gibt es noch die Webseite der Aufsicht, wo in 500 Wörtern niedergeschrieben werden kann, wer wo im Reich der Mitte derzeit die Kurse drückt – anonym.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Chinas Börsengeschehen gleicht dieser Tage einem Thriller: Interventionismus live! Die Frage, ob die Turbulenzen an den Aktienmärkten auch bald Konsum, Unternehmen und Banken der zweitgrößten Volkswirtschaft erfassen könnten und in der Folge die Weltwirtschaft, wird unterschiedlich beantwortet. Doch klar ist: die Arbeitsproduktivität in den Büroetagen des Reichs der Mitte steigert sie nicht. Die Angestellten in den Glastürmen Schanghais, Pekings und Shenzens können derzeit die Augen nicht abwenden von dem Schauspiel, das sich alltäglich zwischen halb zehn Uhr morgens und drei Uhr nachmittags abspielt, wenn die Festlandbörsen geöffnet haben: ist die mächtigste Regierung der Welt, das autokratische chinesische Ein-Parteien-System, dessen Herrschaftsanspruch nahezu bis in jeden Winkel des Landes reicht und das über Liquiditätsreserven in Billionen-Dollar-Höhe verfügt - ist Chinas Staat dabei, dem Markt zu unterliegen?

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          Die bisherige Entwicklung der chinesischen Börse im Schnelldurchgang: Nachdem diese sieben Jahre vor sich hingedümpelt war und die Kurse sich nicht großartig bewegt hatten, startete vor gut einem Jahr eine Rallye, die den Markt innerhalb von zwölf Monaten um 150 Prozent nach oben drückte, dank lockerer Geldpolitik und Propaganda. Dann stürzten die Kurse ab Mitte Juni um ein Drittel ab und vernichteten bis heute auf dem Papier 4 Billionen Dollar. Die Regierung schritt ein, setzte 1400 Titel vom Handel aus, kaufte mit zig-Milliarden Yuan die restlichen Titel auf, verbot Börsengänge und Leerverkäufe, drängte die Bürger, auf Pump Aktien zu kaufen und schuf eine Zombie-Börse ohne wirkliches Eigenleben. Zwei Wochen lang erholten sich die Kurse. Am gestrigen Montag, als die Sorge aufkam, die Stützung des Staats sei bereits verpufft, stürzten sie dann wieder um 8,5 Prozent ab und zogen auch die Märkte in Frankfurt und New York mit hinunter.

          Berüchtigte Durchhalteparolen

          Daher ruhten am Dienstagmorgen chinesischer Zeit alle Augen auf China, besser gesagt: auf Schanghai, wo die größte Festlandsbörse steht. Vor allem aber auf Peking, wo in den vergangenen Wochen durch die staatlichen Interventionen die tatsächliche Kursbildung stattfand. Wie reagiert die Regierung auf den neuerlichen Kursverfall?

          Als die Börse am Dienstagmorgen öffnete, war da zunächst Enttäuschung: die Zentralbank hatte zwar angekündigt, auch weiterhin die Märkte mit Geld zu fluten und für zusätzliche Liquidität zu sorgen, aber das war allgemein gehalten. Prompt fiel der Schanghaier Marktindex Composite bei Eröffnung um weitere 4 Prozent. Die Verkäufer seien nunmehr überzeugt, dass die zweiwöchige Erholung der Kurse ein „künstliches“ Produkt sei, der Staatsintervention geschuldet, teilte die niederländische Rabobank in ihrem Morning Call mit. Die Regierung stecke in einem „Dilemma“. Denn: was für eine weitere Ankündigung einer Liquiditätsflut im Stil des „Whatever it takes“ eines Mario Draghi (dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank) sei noch möglich, „wenn Chinas Zentralbank bereits eine Bazooka von 5 bis 10 Prozent des BIP“ abgefeuert habe?

          Eine Stunde schauten sich Chinas Behörden am Dienstagmorgen den Abwärtstrend an, der in den Staatsmedien immer noch zum „Bullenmarkt“ umgedeutet wird. Dann, um etwa halb elf, schickte sie die staatlichen Fonds aufs Parkett, Aktien großer Staatskonzerne wie Petro China, Sinopec und die Titel großer Banken aufzukaufen. In der Folge stiegen die Kurse wieder bis zur Mittagspause ab halb zwölf, in der nicht gehandelt wird, und der Markt in Schanghai lag gegenüber dem Vortag nur noch um 1 Prozent im Minus. Ähnlich sah es an den Handelsplätzen in Shenzen aus, in Hongkong legte der Hang-Seng-Index zu.

          Das Ringen der Regierung mit dem Markt ist noch lange nicht vorbei. Am späten Montagabend, eine Stunde vor Mitternacht, hatte die Börsenaufsicht wieder mal eine ihrer berüchtigten Durchhalteparolen veröffentlicht: die Gerüchte, das „Nationalteam“, wie Chinas Staat sich bei seinen Interventionsmaßnahmen im Börsengeschehen selbst betitelt, werde sich vom Aktienmarkt zurückziehen und die Kurse selbst ihr Tief finden lassen, sei „komplett unwahr“. Die Staatsfonds würden bei „passender Gelegenheit“ weiterhin Aktien kaufen, „um den Markt zu stabilisieren“.

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