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Chinas Eltern in Aufregung : Systematische Misshandlungen in Chinas Kindergärten

Beim privaten Kindergartenbetreiber RYB Education ermittelt nach Misshandlungsvorwürfen nun die Polizei. Bild: Reuters

Nadelstiche, Betäubung, Schläge: Berichte über Folter in chinesischen Kindergärten in Peking und Schanghai schockieren Chinas Eltern. Der Staat hat schon eine Antwort auf den Skandal.

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          Glücklich sehen die Kinder aus, die Chinas führender privater Kindergartenbetreiber RYB Education Institution auf seiner Webseite abgebildet hat. „Die ersten Schritte in ein bewegtes Leben“, wirbt das Pekinger Unternehmen, außerdem ist viel von Liebe die Rede. Stolz prangen neben dem Firmenlogo die Buchstaben NYSE: an der New Yorker Stock Exchange, der größten Börse der Welt, ist RYB seit Ende September notiert.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          RYBs Aktionäre können sich glücklich schätzen, dass am Donnerstag in Amerika das Erntedankfest (Thanksgiving) gefeiert wurde und der Aktienhandel ausgesetzt war. Sonst wäre der Kurs von RYB wohl noch weit stärker eingebrochen als die knapp 4 Prozent, die er schon bis zum Börsenschluss am Mittwoch in die Tiefe gerauscht war.

          Die Protestversammlung wütender wie vor Angst um ihre Kinder schockierter Eltern vor einem der landesweit rund 250 Kindergärten und Vorschulen von RYB im Pekinger Vorort Guanzhuang will so gar nicht zu dem im Internet gepflegten Image von qualitativ hochwertiger Früherziehung passen. An mindestens acht Kindern hatten Eltern Wunden entdeckt, die von Nadelstichen herzurühren scheinen. Offensichtlich hatten die Erzieher in dem Kindergarten die ihnen Schutzbefohlenen mit Folter disziplinieren wollen.

          Leider kein Einzelfall

          Das chinesische Magazin „Caixin“ berichtet, dass in manchen Fällen Eltern an ihrem Kind Nadelstiche an Armen, Hintern und Stirn gefunden hätten. Die Polizei hat inzwischen bestätigt, dass die Wunden von Nadeln stammen.

          Über den Skandal diskutiert inzwischen so gut wie ganz China. Immer mehr Details über Misshandlungen in dem Kindergarten kommen ans Tageslicht. So berichteten Eltern gegenüber „Caixin“, dass ihre Kinder auch „weiße Tabletten“ und „braunen Sirup“ verabreicht bekommen hätten, mit unbekanntem Zweck. Weitere Eltern sprechen davon, dass unartige Kinder zur Strafe nackt hätten stehen müssen und in dunkle Einzelräume eingesperrt wurden. Es geht um Fälle in zwei Klassen mit jeweils 25 Kindern im Alter von 2 bis 6 Jahren.

          Der Skandal regt die chinesische Öffentlichkeit so auf, weil er – wie meist in solchen Fällen – keinen Einzelfall darstellt, sondern auf systematische Misshandlung in den Kindergärten aufweist. Gerade einmal zwei Wochen, bevor die Folter in der Hauptstadt Peking öffentlich wurde, kam die Misshandlung von Kleinkindern in einem Betriebskindergarten ausgerechnet in Schanghai ans Tageslicht – Chinas modernster Metropole. Das dort beheimatete Unternehmen, zu dem die Krippe gehört, heißt Ctrip und ist der größte Reiseanbieter des Landes mit 30.000 Angestellten und einem Umsatz von 2,9 Milliarden Dollar im Geschäftsjahr 2016. Notiert ist es ebenfalls in New York, an der Technologiebörse Nasdaq.

          In dem Ctrip-Kindergarten waren Kleinkinder im Alter unter 3 Jahren offensichtlich regelmäßig von Erziehern gegen Tische geschupst und ins Gesicht geschlagen worden, ohne das anwesendes weiteres Lehrpersonal eingeschritten war. Auch in Schanghai hatten Eltern Blutergüsse an den Köpfen ihrer Kinder entdeckt.

          Die staatliche Zeitung „China Daily“ wusste am Freitag schon die Lösung zu der offensichtlich systematischen Folter an den Kindergärten im Land. Neben Selbstverständlichem („Das Recht zum Schutz von Kindern muss strikt umgesetzt werden“) forderte das Parteiblatt mehr Überwachungskameras in den Kindergärten.

          Wie sinnlos der Ruf nach noch mehr Überwachung ist, zeigt die Tatsache, dass die Misshandlungen in dem Schanghaier Kindergarten über den Zeitraum von vier Monaten von Kameras aufgezeichnet worden waren, ohne dass irgendjemand Anstoß an den Bildern der Gewalt gegen die Kleinkinder genommen hatte. Inzwischen haben Eltern die Aufzeichnungen ausgewertet, bisher sind dabei 61 Fälle von Misshandlungen aufgetreten. Erst Anfang November hatte in Schanghai ein Erzieher einen kleinen Jungen in die Ecke gedrängt, ihn getreten, hochgehoben und zu Boden geworfen. Das Videomaterial zeigt, wie ihm dabei zwei andere Erzieher tatenlos zusehen.

          Kindertagesstätten im rechtlichen Graubereich

          Wie in Peking haben den Berichten zufolge auch in Schanghai die Kinder Betäubungsmittel verabreicht bekommen. Außerdem wurden sie von ihren Erziehern wohl gezwungen, Wasabi zu essen, ein für Kleinkinder viel zu scharfer japanischer Meerrettich, den die Opfer gegenüber ihren Eltern als „scharfes Gift“ bezeichneten. Die hygienischen Zustände in dem Kindergarten des Reiseanbieters Ctrip sollen ebenfalls stark zu wünschen übrig gelassen haben. Das Unternehmen hat sich mittlerweile bei seinen 10.000 Schanghaier Angestellten für die Vorgänge in ihrem Betriebskindergarten entschuldigt.

          Wie stets bei aufsehenerregenden Skandalen hat die chinesische Polizei mit der Verhaftung von Tatverdächtigen in Peking und Schanghai nicht lange gewartet. Auf nichts reagieren chinesische Eltern so allergisch wie darauf, wenn etwas ihrem Kind zustößt, das wegen der jahrzehntelang gewaltsam durchgesetzten Ein-Kind-Politik oftmals ihr einziges ist.

          Fachleute wie die Pekinger Erziehungswissenschaftlerin Feng Xiaoxia hingegen glauben, dass die Misshandlungen in den chinesischen Kindergärten tiefere Ursachen haben, die nicht einfach mit hohen Haftstrafen und weiteren Überwachungskameras gelöst werden können. Die meisten Kindertagesstätten im Land befänden sich in einem rechtlichen Graubereich, sagte Feng dem Magazin „Caixin“. Es fehle an gesetzlichen Vorgaben für den Betrieb der Krippen sowie für die Ausbildung der Erzieher.

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