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Transfer-Wahnsinn : China gibt sieben Mal mehr für Fußballstars aus als die Bundesliga

Bild: AP

Nachdem der Präsident den Aufstieg zur Fußball-Weltmacht angeordnet hat, investieren Chinas Konzerne im großen Stil in lokale Klubs. Sie kaufen nun halb Europa leer.

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          Nanjing, Heimat von neun Millionen Menschen, ist eine schöne Stadt in Chinas Osten. Vor der kommunistischen Revolution im Jahr 1949 war Nanjing die Hauptstadt des so genannten Nanjing-Regime der Kuomintang. Noch heute erinnern eine hübsche Anlage mit dem zweistöckigen Wohngebäude des Parteiführers und Mao-Gegenspielers Chiang Kai-shek an drei Jahrzehnte, in der Chinas Intellektuelle eine Blütezeit erlebten, in der Wissenschaft und Medien ein Ausmaß an Freiheit genossen, dass es davor und danach im Reich der Mitte nicht mehr gegeben hat.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          In der heutigen Volksrepublik ist Nanjing hingegen als eine große Peinlichkeit bekannt. Denn die Stadt am Jangtse-Fluss ist zwar immer noch in vielen Vierteln hübsch anzusehen mit ihren die Straßen säumenden Platanen, die Chiang Kai-shek einst für seine Ehefrau aus reichem Hause pflanzen ließ, die die Bäume bei einem ihrer Frankreich-Aufenthalte lieb gewonnen hatte. In Sachen Wirtschaftsleistung, bis heute für viele Chinesen der einzig wahre Maßstab zur Beurteilung einer Stadt, tritt die Hauptstadt der Provinz Jiansu jedoch hinter die Rivalen Wuxi und Suzhou zurück: nicht nur, dass die Städte schneller wachsen. Sie liegen auch näher an der chinesischen Traumstadt Schanghai.

          Seit Jahresbeginn hingegen ist Nanjing wieder Hauptstadt Chinas, zumindest Fußball-Kapitale im Reich der Mitte: nachdem die Elektronikmarktkette Suning, die in Nanjing ihren Sitz hat, den örtlichen Fußballklub Jiangsu gekauft hat und den eigenen Firmentitel an dessen Namen angehängt hat, macht Jiangsu Suning in der ganzen Welt Schlagzeilen, und mit ihm die Chinesische Superliga (Chinese Super League, CSL) dazu: 337 Millionen Euro haben chinesische Klubs in den Monaten Januar und Februar laut dem Portal Transfermarkt an Ablöse für Fußballspieler ausgegeben. Allein der Klub Jiangsu Suning zahlte im Januar für den Brasilianer Ramires vom englischen FC Chelsea 28 Millionen Euro. Im folgenden Februar setzten die plötzlich außerordentlich solventen Nanjinger Klubverantwortlichen noch einen drauf: für nicht weniger als 50 Millionen Euro lotsten sie den Brasilianer Alex Teixeira vom ukrainischen Klub Schachtar Donezk an den Jangtse. Das war der teuerste Transfer, den Chinas Fußball gesehen hat – bisher, wohlgemerkt.

          China ist blitzartig zur Fußball-Weltmacht aufgestiegen

          Denn seitdem Chinas fußballbegeisterter Präsident Xi Jinping den Befehl ausgegeben hat, das chinesische Milliardenvolk zu einer Fußball-Weltmacht zu machen und die Weltmeisterschaft zu gewinnen, gibt es in den Chefetagen chinesischer Konzerne wie Suning oder Alibaba, dessen Einkaufsplattform Taobao seit zwei Jahren den Klubnamen von Guangzhou Evergrande schmückt, kein Halten mehr:

          Milliarden an Sponsorengeldern fließen in den chinesischen Fußball, auf dass die Konzerne teilhaben am geplanten Aufstieg der Superliga in den Fußballhimmel. Was für die Unternehmer und Manager mindestens ebenso wichtig sein dürfte: mit dem Vollzug der präsidialen Anordnung Chinas allmächtigen Herrscher Xi Jinping zu beeindrucken in einer Zeit, in der im Zuge der breit angelegten Anti-Korruptionskampagne Xis sich kein Parteikader oder Wirtschaftsführer wirklich sicher sein kann, nicht in der nächsten Nacht wegen Verstrickungen aller Art von den parteieigenen Ermittlern abgeholt zu werden.

          In der Folge ist China nun bereits blitzartig zur Fußball-Weltmacht aufgestiegen. Zwar nicht sportlich: in der Fifa-Rangliste steht die Volksrepublik auf dem 93. Platz, elf Plätze schlechter als noch vor einem Jahr. Finanziell hingegen ist die Superliga seit Jahresbeginn Weltspitze: die 337 Millionen Euro für Transfers übertreffen die Einkäufe der englischen Premier League um 85 Millionen Euro oder 33 Prozent. Weit abgeschlagen folgt Italiens Serie A mit 87 Millionen Euro an Transferausgaben. Die deutsche Bundesliga landet gerade einmal auf Platz vier: mit 52 Millionen Euro für Spieler in den Monaten Januar und Februar hat sie in diesem Zeitraum ein Siebtel der Summe ausgegeben, die chinesische Klubs überwiesen haben.

          Abzuwarten bleibt, wie lange die Stars in China bleiben

          Nun finden die spektakulärsten Transfers in die europäischen Ligen zwar eher in der Sommerpause und nicht nach der Hinrunde im Winter statt. Trotzdem ist beeindruckend, dass die Chinesen im Januar und Februar auch die Rangliste der teuersten Spielertransfers souverän anführen: Allein unter den ersten fünf teuersten Einkäufen finden sich mit den Jiangsu-Zugängen Teixeira und Ramires neben dem Kolumbianer Jackson Martinez (für 42 Millionen Euro von Atlético Madrid zu Guangzhou Evergrande Taobao) und dem Brasilianer Elkeson (für 19 Millionen Euro innerhalb Chinas von Guangzhou zu Shanghai Shangang) allein vier Transfers nach oder innerhalb Chinas.

          Abzuwarten bleibt, wie lange die Stars in China bleiben. Der Franzose Nicolas Anelka und Chelsea-Stürmer Didier Drogba, die 2012 mit viel Geld zum Klub Shanghai Shenhua gelockt wurden und zur Freude der Fans dort tatsächlich nicht zur Feiern gingen in den aufregenden Bars der Stadt, sondern mit großer Disziplin versuchten auf dem Platz Erfolge zu erzielen, kehrten nach wenigen Monaten entnervt nach Europa zurück. Die chinesischen Investoren hatten sich mit den zweistelligen Millionen-Gehältern wohl übernommen und stellten die Überweisungen ein – am Ende kämpften nur noch Anwälte um den Sieg im Fußballentwicklungsland China.

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