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China : Hunderte Milliarden gegen den Kurssturz

Eine Aktionärin an der Provinzbörse in Fuyang. Bild: AFP

Peking gibt Hunderte Milliarden aus, um die Aktienkurse in der Höhe zu halten. Aber wie viel genau? 150 Milliarden Dollar, sagt Goldman Sachs. Andere kommen auf zehn Mal höhere Summen.

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          Einschätzungen zu staatlichen Aktivitäten sind schwierig in einem autokratisch geführten Land wie China, in dem der Staat nur dann verrät was er tut, wenn es ihm gerade in den Kram passt. Das gilt auch für die Frage, wie viel Geld Peking in die Aktienmärkte des Landes geleitet hat, nachdem Mitte Juni die Kurse an den Börsen in Schanghai und Shenzen begannen, um ein Drittel einzubrechen.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Zuvor waren sie ein Jahr lang um 150 Prozent gestiegen, und zeitweise spekulierten bis zu 90 Millionen Chinesen an der Börse, angefeuert von ihrer Regierung, die mit dem Geld der Anleger die Wirtschaft umbauen wollte in eine moderne Ökonomie voller innovationsgetriebener Privatunternehmen, die sich über die Ausgabe von Aktien finanzieren und dem Land den nächsten Wachstumsschub bringen sollten. Große Staatskonzerne sollten mithilfe der Hausse ihre Schulden abbauen. Und so stiegen die Kurse, bis auf dem Höhepunkt bei gemeinhin unbekannten Firmen, von denen nicht ganz klar war, was sie überhaupt herstellten, das Verhältnis von Aktienkurs und erwartetem Jahresgewinn dreißig Mal so hoch lag wie beim amerikanischen iPhone-Hersteller Apple.

          Weil viele Kleinanleger auf Kredit spekuliert hatten, wurden sie von den Brokern gezwungen zu verkaufen, als die Kurse zu fallen begannen, und verloren alles. Als sich in den sozialen Medien des Landes die ersten Wutwellen gegen die Regierung Bahn brachen, trat das „Nationalteam“ an, wie Chinas Staatsmedien die Allianz staatlicher Institutionen wie Börsenaufsicht, Zentralbank, Staatsbanken und staatlicher Brokerhäuser nannten, die auf Geheiß der Regierung unter Li Keqiang von nun an nur noch ein Ziel kannten: die Kurse wieder nach oben zu drücken, egal wie.

          Der Staat kaufte, kaufte, kaufte

          Neben Eingriffen wie einem faktischen Verbot von Leerverkäufen, der Suspendierung der Hälfte aller bis dato handelbaren Aktien und reichlich täglicher Propaganda tat das „Nationalteam“ vor allem eines: es leitete eine unbekannte Summe von Milliarden Yuan in die Märkte und kaufte über allerlei Vehikel jeden Tag im Geheimen andere Aktien auf, damit die Preise wieder stiegen und die Bevölkerung das Vertrauen in den Markt zurückgewinne.

          Geklappt hat das nicht. Bis heute liegen die Kurse nur mäßig höher als zu ihrem Tiefststand Anfang Juli. Und verschiedene Lager stellen aus verschiedenen Gründen die Frage, wie teuer die Rettungsaktion des „Nationalteams“ eigentlich gewesen ist: die Ökonomen aus wissenschaftlicher Neugier und die Börsianer aus beruflichem Interesse, weil sie wissen wollen, über wie viel finanzielle Feuerkraft Peking noch verfügt, um den Markt vor einem weitere Absturz zu retten.

          Eine Einschätzung der Summe ist wie gesagt schwierig, da die Regierung weder die Summe nennt, die insgesamt für die Rettung zur Verfügung steht, noch verrät sie, wie viele Milliarden bisher bereits in den Markt geflossen sind. Trotzdem sind nun eine Reihe von Schätzungen von Ökonomen aufgetaucht. Doch es ist verzwickt: Auch diese Schätzungen müssen mit Vorsicht genossen werden, weil die ihnen zugrunde liegenden Zahlen und ihre Zusammenhänge irgendwo herkommen müssen, im Zweifelsfall von chinesischen Regierungsbeamten – die wiederum ein Interesse daran haben, ihren Staat in der aktuellen Krise als finanzkräftig und durchsetzungsstark zu zeichnen, der wie weiland EZB-Präsident Mario Draghi mit einem faktischen „Whatever it takes“ die Märkte in den Griff kriegt, auch wenn er diese Worte nicht wählt und stattdessen allein Taten folgen lässt.

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          144 Milliaden Dollar sind konservativ geschätzt

          Die amerikanische Goldman Sachs hat eine vergleichsweise niedrige Summe in den Raum gestellt, die das „Nationalteam“ bisher an staatlichen Geldern in die chinesischen Aktienmärkte geleitet haben soll: 860 bis 900 Milliarden Yuan. Das entspricht umgerechnet bis zu 144 Milliarden Dollar entspricht oder 1,6 Prozent der Marktkapitalisierung der chinesischen Börsen, ein vergleichsweise niedriger Wert. Als die Hongkonger Regierung 1998 auf dem Höhepunkt der Asienkrise für 15 Milliarden Dollar Aktien kaufte, entsprach das einem Anteil von über 5 Prozent des Marktes.

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