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Nach 14 Jahren Entwicklung : Selbstgebautes Flugzeug im Liniendienst

Da sieht man das Flugzeug vor lauter Pandas nicht: Jungfernflug des ARJ21-700 von Chengdu Airlines. Bild: AP

14 Jahre hat seine Entwicklung gedauert, jetzt ist der Regionaljet ausgebucht: In China hat das erste selbst gebaute Flugzeug den Liniendienst aufgenommen. Die Regierung in Peking bläst zum Angriff auf Airbus und Boeing.

          In Chengdu, Stadt der Pandas, hatte die Maschine um 9.24 Uhr abgehoben. 1782 Kilometer dauerte die Strecke ostwärts durch die Luft bis zum Himmel über Schanghai. Dort setzte der weiß-rote Flieger mit dem aufgemalten Sonnenvogel auf dem Seitenleitwerk um 11.37 Uhr zur Landung auf dem Flughafen Hongqiao an. Und das trotz Nieselregens: Wegen „schlechten Wetters“ waren in China wieder mal Hunderte Flüge ausgefallen. Der neue Stolz der chinesischen Luftfahrtindustrie war am Dienstag hingegen auf seinem ersten Linienflug gar schneller als geplant: Flug EU6679, betrieben von Chengdu Airlines, landete 13 Minuten früher als angekündigt.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Chinas erstes selbst entwickeltes Flugzeug hat den Linienbetrieb aufgenommen. „ARJ20“ heißt der kleine Flieger, der bei seinem ersten regulären Flug 70 Passagiere aus Chinas Westen in den Osten befördert hat. Die Bezeichnung steht für „Advanced Regional Jet“. Entwickelt hat das Modell der staatliche chinesische Flugzeugbauer Comac aus Schanghai – in nicht weniger als 14 Jahren.

          Präsentiert hatte Chinas Staatsrat die Pläne für den kleinen Flieger sogar bereits im Jahr 2000, und zwei Jahre später seinen Bau offiziell beschlossen. Der Jungfernflug in Schanghai fand bereits im Jahr 2008 statt. Doch seitdem hat es immer wieder Verzögerungen gegeben, auch deshalb, weil das Projekt von nationalem Interesse ist und unter der scharfen Beobachtung des Pekinger Politbüros steht: bei seinem Einstieg in den internationalen Flugzeugmarkt will sich die chinesische Regierung keine Blöße geben. „Made in China 2025“ heißt ihre im vergangenen Jahr vorgestellte Strategie, nach der das Reich der Mitte künftig nicht mehr ein billiger Produktionsstandort für ausländische Konzerne sein soll, die den Löwenanteil der Wertschöpfung zurück nach Hause überweisen. Künftig will China alles, was in der Welt verkauft wird, selbst produzieren. Nicht nur das: die eigenen Produkte sollen künftig der westlichen Konkurrenz das Leben schwer machen. Ganz oben auf der Liste: Flugzeuge, die nicht nur „Made in China“ sind, wo Airbus und Boeing bereits heute produzieren. Sondern auch „Made by Chinese“.

          Vergangenen November hatte Flugzeugbauer Comac der Öffentlichkeit seinen Mittelstreckenjet C919 vorgestellt, der bis zu 168 Sitzplätze haben soll. Allerdings ist weiterhin unklar, wann dieser zum Jungfernflug abhebt. Geplant war der Erststart bereits für das Jahr 2014. Nun soll er noch im laufenden Jahr kommen. Der F.A.Z. ist dafür ein Platz versprochen. Eine Einladung mit Datum ist allerdings noch nicht im Schanghaier Korrespondentenbüro angekommen.

          Großer Markt für kleine Flieger

          Dafür fliegt Comacs Regionaljet ARJ21 ab sofort drei Mal die Woche zwischen Chengdu und Schanghai hin und her. Bis zum Ende dieser Woche sind bereits alle Flüge ausverkauft. Und das, obwohl ein Ticket mit 1760 Yuan (240 Euro) um 400 Yuan teurer ist als mit dem Flug einer anderen Airline im Modell 320 des europäischen Flugzeugbauers Airbus.

          Den Journalisten, die am Morgen vor dem Tor 3 des Flughafens in Schanghai warten, präsentieren sich nach einer Stunde schließlich zwei „Delegierte der mitreisenden Passagiere“ des ersten Linienflugs. Hu Shuangqian, Ende Fünfzig, graues Haar, Schanghaier Akzent, saß auf dem Platz 14B und hat als Arbeiter bei Comac den Regionaljet selbst am Band gefertigt. Herr Hu baut auch den großen Bruder C919. Er hat Löcher gebohrt in aus Titan gefertigte Teile für das Landewerk des Flugzeugs, die über eine Million Yuan wert seien: „Ich war sehr vorsichtig, weil ich Angst hatte, etwas zu zerbrechen.“ Der erste Flug des China-Fliegers habe sich angefühlt wie im Modell C3221 des amerikanischen Konkurrenten Boeing, berichtet Arbeiter Hu stolz. Der Passagierraum der chinesischen Maschine sei allerdings etwas geräumiger.

          Der andere Zeuge des Jungfernflugs ist Wu Xingshi, Chefentwickler des Modells ARJ21. „Wenn Sie nach Europa fliegen, sehen Sie überall die kleinen Regionaljets“, sagt Herr Wu. Bisher habe man diese nicht selbst im Angebot gehabt. „Jetzt sind wir endlich am Ziel.“ Der Markt für den neuen Flieger sei riesig, sagt er zuversichtlich. Alleine in China gebe es acht Routen, die nur von Regionaljets bedient werden könnten. Zudem sei der ARJ21 speziell für die hohen Temperaturen im Westen des Landes entwickelt worden. Fast 300 Bestellungen für Maschinen liegen Comac bereits vor, ausgeliefert sind bisher acht Exemplare. Allein Chengdu Airlines will 30 ARJ21 abnehmen – dass es sich bei der Airline und beim Flugzeugbauer jeweils um Unternehmen handelt, die im Besitz des chinesischen Staats handelt, dürfte dem Verkaufserfolg von Chinas erstem Flieger keinen Abbruch getan haben.

          Er habe einen Traum, sagt Chefentwickler Wu auf dem Flughafen in Schanghai: „Dass die Menschen auf der ganzen Welt eines Tages einmal sagen werden: Wenn es keine Maschine von Comac ist, steige ich nicht ein.“

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