https://www.faz.net/-gqe-8kqtn

Kreditplattformen : China bändigt Schattenbanken

Non olet? Mitarbeiter der Bank of China zählen Banknoten. Bild: Reuters

Wer keinen normalen Bankkredit bekommt, leiht sich im Reich der Mitte Millionensummen über dubiose Online-Plattformen. Nun wird das wilde Treiben hart reguliert.

          3 Min.

          Der Einstieg als Geldverleiher ins chinesische Kreditgeschäft erfordert nur ein paar Klicks im Internet. Zum Beispiel auf der Seite Lu.com, die zum Pekinger Versicherungskonzern Pingan gehört. Ein 43 Jahre alter Mann, heißt es, möchte 200.000 Yuan leihen, was 26.600 Euro entspricht. Der Zeitraum soll drei Jahre betragen, der Zinssatz jährlich 8,4 Prozent. Gläubigern bringt dies einen drei Mal so hohen Ertrag wie die Geldanlage bei einer Bank.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Den Namen des Schuldners erfährt man nicht. Nur so viel: er stammt aus Xian, der alten Kaiserstadt im Landeszentrum, berühmt wegen ihrer Terrakottaarmee. Grund der Kreditaufnahme ist laut Lu.com, dass der Herr aus Xian „ein besseres Leben führen“ möchte. Angestellte der Plattform Lu.com versichern, sie hätten seinen Ausweis geprüft, ebenso Belege über ein regelmäßiges Arbeitseinkommen sowie die persönliche Kredithistorie.

          Selbst bekommt man das nicht zu Gesicht. Dafür will Pigan für Zins und Tilgung im Zweifelsfall gerade stehen. Man muss nur den eigenen Namen angeben, einen Scan des Ausweises hochladen, die Handynummer eintragen und die Daten der Bankkarte. Die  200.000 Yuan werden abgebucht – und ab sofort darf man sich wir Schattenbanker nennen.

          Radikal begrenzt

          Das Phänomen der chinesischen „Schattenbanken“ hat vor zwei Jahren begonnen, eine breitere Öffentlichkeit im In- und Ausland zu beschäftigen. Weil es für viele chinesische Privatleute und Handelstreibende  nahezu unmöglich ist, von den staatlichen Banken einen Kredit zu erhalten, haben sie sich ihren eigenen grauen Finanzmarkt geschaffen. Bereitgestellt werden die Kredite von Privatleuten und oft von windigen Geschäftemachern außerhalb der großen Banken – also in deren Schatten. „Peer-to-peer“-Plattformen (P2P) im Internet wie Lu.com dienen dazu als Marktplatz, Gläubiger und Schuldner zueinander zu bringen.

          Bislang konnte man auf Lu.com auch mehr als 200.000 Yuan verleihen können, künftig nicht mehr. Am Mittwoch hat die chinesische Regierung in einem aggressiv anmutenden Schritt das Geschäft der Schattenbanken massiv gekappt. Auf einer einzelnen Plattform sind 200.000 Yuan demnach künftig die erlaubte Obergrenze für private Kreditgeber. Für Unternehmen liegt sie bei einer Million Yuan. Auch für Kreditnehmer herrschen künftig gesetzliche Höchstgrenzen: Nach den neuen Regeln dürfen sie nur noch eine Million Yuan verleihen, für Unternehmen beträgt das Limit das Fünffache.

          Weniger Begeisterung

          Unter Ökonomen war es kurzzeitig in Mode, Schattenbanken als effizientes Schmiermittel des nach wie vor vom Staat beherrschten chinesischen Kapitalismus zu preisen, ohne das die Wirtschaft nicht so dynamisch gewachsen wäre. Mittlerweile ist die Begeisterung abgeflaut. Rund 2300 „P2P“-Kreditmarktplätze gebe es im chinesischen Internet, teilten die Behörden am Mittwoch mit, auf denen offene Kredite in Höhe von 621 Milliarden Yuan ausständen (83 Milliarden Euro). Damit ist die Summe dieser Kredite innerhalb von eineinhalb Jahren um das Fünffache gestiegen. Fast die Hälfte dieser Plattformen sei „problematisch“, hieß es vom Regulator.

          Vor eineinhalb Wochen hatte schon der Internationale Währungsfonds (IWF) mit Sitz in Washington vor Chinas Schattenbanken und den P2P-Plattformen gewarnt, die nach seiner Meinung die gesamte Wirtschaft des Landes stabilisieren könnten und die Finanzmärkte auf der ganzen Welt in Unruhe bringen. Auch der IWF schätzt, dass die Hälfte aller hochverzinslichen „Vermögensmanagementprodukte“, zu denen die private Kreditvergabe zählt, ausfallgefährdet seien. Ob die Plattform Lu.com zu den schwarzen Schafen zählt, ist nicht bekannt. Allerdings ist der dahinter stehende Versicherungskonzern Pingan eines der größten Unternehmen Chinas.

          Garantien verboten

          Ganz im Gegenteil zur Shanghai Kuailu Investment Group, vor deren Büros sich im April aus allen Teilen des Landes angereiste aufgebrachte Anleger versammelten und ihre Investitionen zurückforderten. Die Schattenbank hatte zuvor von einer Viertelmilliarde Menschen Geld eingesammelt. Das scheint verloren – Shanghai Kuailu hatte die Tilgung eingestellt.

          Die P2P-Plattform Ezubo hatte zwei Monate zuvor gar umgerechnet über 7 Milliarden Euro von fast einer Million privater Kreditgeber verbrannt. Das Ganze sei ein betrügerisches Schneeballsystem gewesen, teilten die Ermittler mit, die 21 Angestellte der Plattform festnahmen.

          Wie beim Angebot von Lu.com hatten auch die mittlerweile insolventen Schattenbanken den investierenden Kunden „Garantien“ auf ihr eingezahltes Kapital und dessen Verzinsung gegeben. Das ist fortan nicht mehr erlaubt. Künftig werden sich in China Privatleute, die Geld verleihen, damit Unbekannte „ein besseres Leben“ führen können, bewusst machen müssen, dass sie mit hohem Risiko investieren.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Angela  Merkel (CDU) bei der Stimmabgabe am Mittwoch im Bundestag

          Entscheidung im Parlament : Endlich kommt die Notbremse

          Die detailverliebte Kritik an der Bundes-Notbremse greift zu kurz. Das jetzt beschlossene Gesetz bringt politisch endlich Klarheit im Land. Das Wichtigste aber ist, und man wünscht es ihr, dass sie auch wirkt.
          Eine „Black Lives Matter“-Demonstration im August 2020 in London

          Britische Rassismusstudie : Reinwaschung des Sklavenhandels?

          Eine von der britischen Regierung in Auftrag gegebene Studie findet keinen systemischen Rassismus im Land. Von der UN kommt scharfe Kritik. Die Untersuchung schüre Rassismus, heißt es.
          Der Schriftsteller Philip Roth 2010 in New York

          Wettstreit der Biographen : Die Gegenleben des Philip Roth

          Er wünschte sich eine Biographie, die nicht nur seine Sexualität beschreibt. Drei Jahre nach Philip Roths Tod sind zwei erschienen. Erfüllen sie den Wunsch?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.