https://www.faz.net/-gqe-8vlm7

Sammelklagen : Cellulose im Parmesan

Wegen Parmesan gehen amerikanische Anwält schon mal vor Gericht. Bild: dpa

Amerikanische Anwälte finden gesteigertes Vergnügen daran, Lebensmittelhersteller zu verklagen. Der Verbraucherschutz ist nicht das Hauptmotiv.

          Eine Gruppe amerikanischer Anwälte ist erfolgreich dabei, ein neues lukratives Geschäftsfeld zu bestellen: Sammelklagen gegen Lebensmittelproduzenten. Im Jahr 2008 wurden gerade 19 Sammelklagen Nahrungsmittel-Unternehmen in amerikanischen Bundesgerichten verhandelt, im Jahr 2016 waren es genau neunmal so viele: 171. Angeklagt werden bekannte Adressen wie Starbucks, die Sandwich-Kette, Subway, der Donut-Riese Krispy Kreme oder die Wodka-Destille Tito’s. Aber auch kleine Keksfabriken, Molkereien oder Fischkonserven-Verkäufer werden von den geschäftstüchtigen Anwälten ins Visier genommen.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Das geht aus einem Bericht des „Institute for Legal Reform“ hervor, einer gemeinnützigen Zweigorganisation der amerikanischen Handelskammer. Neben den Fällen vor Bundesgerichten gibt  es nach Angaben der Autoren der Studie ungezählte Klagen vor Gerichten der 50 Bundesstaaten. Dazu kommen die schriftlichen Klagedrohungen der Anwälte, die manches Unternehmen veranlassen, den Fall außergerichtlich beizulegen, um eine Klage, den damit verbundenen Aufwand und eine Rufschädigung zu vermeiden. Diese privaten außergerichtlichen Beilegungen haben in der Regel zur Folge, dass der einzelne Kläger und die Anwälte mit Geld zufriedengestellt werden, während die Konsumenten nichts davon haben. Das Lebensmittel kann bleiben wie es ist.

          So ist denn auch, sagen die Autoren der Untersuchung, Verbraucherschutz ohnehin nicht entscheidend für den Boom der Sammelklagen im Nahrungssektor. Anwälte und andere Spezialisten schickten ihre Klageschriften heraus wie Massendrucksachen in der Absicht, bedeutende Entschädigungen zu bekommen. Wenn das Verfahren nicht außergerichtlich beigelegt wird, sondern die Parteien sich vor Gericht vergleichen, haben die Kunden trotzdem wenig davon. Während die Anwälte  ihre Verfahrenskosten plus rund ein Drittel der Vergleichssumme beanspruchen, bekommen die Konsumenten dann Gutscheine für einzelne Artikel, die Gegenstand der Klage waren.

          Kleine Firmen können in Bredouille kommen

          Bekannt wurde die Klage gegen die Sandwichkette Subway. Sie hatte ihre „one foot“ (30,48 Zentimeter) langen Baguettes beworben. Einige dieser Brote waren aber ein Idee kürzer, andere länger, wie das beim Backen eben passiert: Ein guter Grund für zehn Sammelklagen: Man einigte sich: Subway legte den Fall für 525.000 Dollar. 520.000 Dollar davon erhielten die Anwälte, je 500 die einzelnen Kläger. Die Konsumenten gingen leer aus. Eine Firma für Thunfisch-Konserven zahlte gegnerischen Anwälten 3,7 Millionen Dollar, der Kläger ging mit 5000 Dollar nach Hause, die Konsumenten erhielten Gutscheine beim nächsten Thunfisch-Kauf: Ein bis zwei Konserven unentgeltlich. Die Firma bestreitet bis heute, etwas falsch gemacht zu haben. Die Fast Food Kette Taco Bell war 2011 etwas erfolgreicher. Sie war unter großem Medienecho verklagt worden wegen zu wenig Fleisch in ihren Rindfleisch-Tacos. Die Rechtsanwälte zogen die Klage später zurück mit der Begründung, Taco Bell habe Rezeptur und Marketing für die Tacos geändert. „Lüge“, sagt Taco Bell und konterte mit einer großen Werbekampagne.

          Weitere Themen

          Pilotenheld kritisiert Boeing Video-Seite öffnen

          „Sully“ schlägt Alarm : Pilotenheld kritisiert Boeing

          Mehrere Piloten fordern den US-Flugzeugbauer Boeing auf, Piloten besser zu schulen, bevor die Flieger vom Unglückstyp 737 Max nach zwei Abstürzen mit hunderten Toten wieder fliegen dürfen. Die von Boeing angebotenen Schulungen reichten nicht aus, sagt unter anderem Chesley "Sully" Sullenberger. Er schrieb mit der geglückten Notlandung mit einem Airbus auf dem Hudson in New York 2009 Geschichte.

          Topmeldungen

          Abgrenzung von der AfD : Das Ende eines Ausflugs

          Die Union besinnt sich endgültig wieder auf die Erkenntnis, dass sie mit einer Wendung nach rechts weniger Zustimmung zurückgewinnt, als sie in der Mitte verliert.

          „Kleiderpolizei“ im Hochsommer : Liberté, Egalité, Décolleté

          Es ist sehr heiß. Während die einen nur an Abkühlung denken, stören sich die anderen an freizügiger Sommerkleidung. In Frankreich wehren sich viele Frauen auf Twitter gegen diese Verurteilung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.