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Baoding : Die dreckigste Stadt Chinas

Kaum sieht man die Hand vor Augen: Schnellstraße in Baoding. Bild: dpa

Baoding trägt die neue, staubrote Laterne: in dieser Stadt ist die Luft offiziell am schlechtesten. Der Smog kostet über eine Million Menschen das Leben – jährlich.

          3 Min.

          Verglichen damit, was sonst so los ist am Himmel dieser Stadt, gleicht das nordchinesische Baoding an diesem Dienstagmittag (morgens nach deutscher Zeit) einem Luftkurort: 267 erreichen die Werte auf der Skala der Feinstaubpartikel PM 2,5. Das ist zwar das Zehnfache des Grenzwertes der Weltgesundheitsorganisation WHO, bei dem eine Gesundheitsgefährdung für den Menschen einsetzt. Doch hatten die Werte in den vergangenen zwei Tagen immerhin auch schon mal den Höchststand von 623 erreicht. Willkommen in der offiziell dreckigsten Stadt Chinas.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Obwohl: das ist keine Stadt, die da zweieinhalb Autostunden von Peking entfernt liegt, für chinesische Verhältnisse ist das eher ein Städtchen: gerade mal 2 Millionen Einwohner hat Baoding in der Kernstadt, die Metropolregion umfasst 12 Millionen Menschen – immer noch nicht mal die Hälfte der Einwohner von Chinas Hauptstadt. Dennoch trägt Baoding nun einen Rekordtitel, wenngleich einen traurigen: das chinesische Umweltministerium hat der Stadt am späten Montagabend ganz offiziell die schlechteste Luft des Landes zugesprochen. Die gesundheitlichen Auswirkungen des Smog sind dabei gravierend: Das Bostoner Health Effects Institute hat für das Jahr 2010, als die Luftverschmutzung in China noch geringer war, die Opfer des Smog auf 1,2 Millionen Menschen beziffert. Mehr als eine Millionen Menschen seien demnach durch die Gesundheitsbelastung einen frühzeitigen Tod gestorben – nur das Rauchen ist demnach noch häufiger Todesursache.

          Die Wetterbehörde in Baoding reagierte geschockt auf den fragwürdigen Titel: „Oh nein!“ schrieben die Beamten auf Chinas Kurznachrichtendienst Weibo. Und gaben den Tipp, beim Verlassen des Hauses eine Maske zu tragen, sind doch für die kommenden Tage noch extremere Verschmutzungswerte für Baoding angekündigt.

          Die Schwerindustrie verpestet die Luft

          Vergangenes Jahr sah es noch besser aus für Baoding. Da berichteten chinesische Zeitungen, der Quasivorort Pekings solle zu einer Art zweitem Regierungszentrum Chinas ausgebaut werden. Zahlreiche Behörden sollten aus der Hauptstadt in die Provinz Hebei verlegt werden. Die Gerüchte wurden dementiert, und angesichts des neuen Landesrekords als Drecksstadt dürften sie auch so schnell nicht wieder aufkommen.

          Dass Baodings Luft so heftige Reizreflexe in der Lunge auslöst, hat mit der Schwerindustrie zu tun, die hier angesiedelt ist wie in Pekings Nachbarprovinz Hebei insgesamt. Unter den Top Ten der dreckigsten Städte Chinas stammen nicht weniger als sieben aus Hebei. Vergangenes Jahr holte Baodings Nachbarstadt Xingtai den Negativrekordtitel, den sechs Kohleminen und Dutzende angeschlossene Verarbeitungsfabriken redlich erarbeitet hatten. Danach schlossen die Behörden der Stadt eine Mine nach der anderen, hatte Chinas Premierminister Li Keqiang doch im März vergangenen Jahres öffentlich der Umweltverschmutzung den „Krieg“ erklärt. In der 7-Millionen-Einwohner-Stadt Xingtai kamen die Maßnahmen jedoch nicht bei allen gut an. Viele Bewohner machten sich Sorgen um ihre Arbeitsplätze. Jene, die ihren Job behalten durften, erhielten teilweise nur noch die Hälfte ihres Lohns.

          Der Kampf gegen die Umweltverschmutzung in China ist hart, berührt er doch Interessen allerorts – die Minenbesitzer opponieren ebenso wie die ihnen nicht selten auch finanziell verbundenen lokalen Parteisekretäre, die zudem fürchten, für die örtliche Bevölkerung keine ausreichende Beschäftigung mehr bereitstellen zu können.

          Chinas Präsident Xi Jinping droht mittlerweile auf seinen berüchtigten Ausflügen aufs Land – stets eine Schar staatlich beschäftigter Journalisten im Schlepptau – den lokalen Kadern öffentlich, wenn er wiederkomme, sei die örtliche Drecksbrühe von See gereinigt, sonst ziehe er jeden Einzelnen zur Verantwortung. Top down – so hat Peking seine Strukturreformen schon immer konzipiert. Viele bezweifeln, ob das Umschalten in den Köpfen der 40 Millionen Beamten Chinas dieses Mal so einfach funktioniert. Galt doch eines in den vergangenen Dekaden auf sämtlichen Ebenen der Politik, vor allem aber in den Provinzen und Verwaltungsbehörden der lokalen Städte als heilig: Wirtschaftswachstum zu schaffen um jeden Preis. Das soll nun plötzlich vorbei sein, nachdem Präsident Xi die nationale Parole von der „neuen Normalität“ ausgegeben hat, nach der Chinas Wirtschaft umgekrempelt werden und die Umwelt sauberer werden soll, indem unzählige Kohleminen und Stahlwerke schließen.

          Im chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo, dem Gegenstück zu Twitter, ergoss sich am Dienstag auf jeden Fall schon mal Häme über das arme Baoding. Die Stadt habe sich redlich bemüht, Pekings Ruf als Drecksmetropole noch zu übertreffen, ätzte Weibo-Nutzer Shuigu Liuquan. Ein anderer schrieb, nun dürften die Hauspreise in Baoding noch stärker fallen, als sie durch Chinas Immobilienkrise ohnehin schon gefallen seien. Ein Nutzer schrieb: „Peking ist jetzt von seinem größten Feind belagert: einer gigantischen Dunstglocke vor den Toren der Stadt.“

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