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Authentisches Gemüse : Ein Herz für hässliche Möhren

Zu hässlich für den Supermarkt Bild: dpa

Ein kalifornisches Unternehmen verkauft Obst und Gemüse mit äußerlichen Macken und sagt damit der Verschwendung von Lebensmitteln den Kampf an. Denn solche Ware schafft es meistens nicht in den Supermarkt.

          Am Donnerstag feiern die Amerikaner das Thanksgiving-Fest. Es ist einer der wichtigsten Feiertage im Jahr, der auf einer Stufe mit Weihnachten steht. Viele Amerikaner geben sich an diesem Tag hemmungslos der Völlerei hin. Sie essen den traditionellen Truthahn zusammen mit einer Fülle von üppigen Beilagen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Nach Angaben der Organisation Calorie Control Council konsumieren Amerikaner beim Thanksgiving-Dinner im Schnitt 3000 Kalorien, inklusive Snacks und Getränken vor und nach dem Essen sind es sogar 4500 Kalorien. Aber nicht alles landet in den Bäuchen, denn Thanksgiving ist auch als Tag bekannt, an dem besonders viel Essen im Müll entsorgt wird. Das amerikanische Landwirtschaftsministerium schätzt, dass jedes Jahr allein mehr als 90.000 Tonnen essbares Truthahnfleisch weggeworfen werden.

          Besonders hässlich soll sie sein

          Ein junges kalifornisches Unternehmen mit dem Namen „Imperfect Produce“ hat nun der Verschwendung von Lebensmitteln den Kampf angesagt. Hier geht es nicht um Truthahn, sondern um Obst und Gemüse. Das Unternehmen ist darauf spezialisiert, Verbraucher mit Obst und Gemüse zu beliefern, das zwar ganz normal schmeckt, aber nicht gut aussieht.

          „Hässlich“ oder „mit kosmetischen Herausforderungen“ nennt Imperfect Produce seine eigene Ware. Ob Möhren mit mehreren Wurzeln, zerknautschte Paprika oder herzförmige Kartoffeln: Das Unternehmen verkauft Produkte, die in ihrem Aussehen nicht den perfekten und relativ uniformen Standards entsprechen, wie sie Verbraucher aus dem Supermarkt kennen.

          Jede fünfte Möhre wird ausgegrenzt

          Solche Ware mit Macken macht einen größeren Teil der Ernte aus, als vielen Menschen bewusst sein mag. Nach Angaben des Unternehmens schaffen es in jedem Jahr 20 Prozent des gesamten in Amerika gewachsenen Obsts und Gemüses wegen Abweichung vom Schönheitsdeal nicht in den Supermarkt. Die unansehnlichen Erzeugnisse gelten als Ausschuss und werden üblicherweise weggeworfen.

          Imperfect Produce kauft nun Bauern ihr vormals verschmähtes Obst und Gemüse ab, mit einem Abschlag von rund 50 Prozent auf den Preis, den Supermärkte für perfekt aussehende Ware zahlen. Dieser Kostenvorteil wird zum Teil an die Kunden weitergegeben, die für die hässlichen Produkte nicht so tief in die Taschen greifen müssen wie für die Standardware in den meisten Supermärkten.

          Ein Karton mit acht bis neun Kilo Obst und Gemüse ist zum Beispiel für erschwingliche 18 Dollar zu haben, zuzüglich einer Belieferungsgebühr von 3 Dollar. Das Unternehmen hat vor rund fünf Wochen mit der Belieferung von Kunden in San Francisco und Umgebung angefangen. Der für das Tagesgeschäft zuständige Chief Operating Officer Ben Chesler sagte der „New York Times“, derzeit liefere Imperfect Produce bis zu 2700 Kilogramm Obst und Gemüse in der Woche aus, bis zum Jahresende soll sich dieser Wert mindestens verfünffachen.

          Ansätze auch bei Intermarché und Edeka

          Die Idee von Imperfect Produce ist nicht ganz neu. Die französische Supermarktkette Intermarché gab im vergangenen Jahr unförmigem Obst und Gemüse einen prominenten Platz in ihren Filialen und warb in einer viel beachteten Kampagne für Produkte wie eine „lächerliche Kartoffel“ oder eine „gescheiterte Zitrone“. Auch der deutsche Lebensmittelhändler Edeka verkaufte vor einiger Zeit unter dem Motto „Keiner ist perfekt“ in einigen Testmärkten Erzeugnisse mit Schönheitsfehlern. Die Aktion wurde aber letztlich nicht im gesamten Filialnetz umgesetzt.

          Auch Imperfect Produce ist im Einzelhandel auf Hürden gestoßen. So hat das Unternehmen jenseits der Direktbelieferung von Verbrauchern in diesem Jahr auch schon Produkte über die kalifornische Supermarktkette Raley’s verkauft. Die Kette hat die Aktion aber nach einigen Monaten wieder beendet.

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