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Reformen vernachlässigt : Australien stöhnt unter dem eigenen Erfolg

Eisenerzmine in Australien Bild: AFP

Australien ist auf dem Weg zum Weltmeister des Dauerwachstums. Seine Hausarbeiten aber hat das Land nicht gemacht.

          Die Nummer 13 auf der Liste der größten Volkswirtschaften der Erde ist auf dem besten Wege, einen Weltrekord aufzustellen: Läuft alles so, wie Australien es vorhersieht, wird es die Niederlande als diejenige Nation überholen, die die längste Zeit ohne eine Rezession erreicht hat.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Im vergangenen Quartal dürfte Australien mit den Holländern gleichgezogen haben – beide kommen dann auf 103 Quartale ohne Rezession. Ökonomen definieren diese als zwei Quartale mit einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung in Folge. Seit vergangenem Samstag läuft Quartal Nummer 104 für Australien – das wären dann 26 Jahre ohne Rezession. Auch Dank des Nordseeöls kamen die Holländer bis 2008 auf 103 rezessions-freie Quartale hintereinander.

          Bedrohungen abgewendet

          Australien erreicht seinen Rekord dank einer Mischung aus enormem Glück und vernünftiger Politik in früheren Jahren. So konnte es sogar die Weltfinanzkrise ab 2008 und das Wegschmelzen der Rohstoffpreise ab 2015 abfedern. Beide bekam die Wirtschaft „down-under“ zwar zu spüren, aber sie zeigte sich widerstandsfähig.

          Australien halfen die Nachfrage Nordasiens nach Bodenschätzen, ein flexibler Wechselkurs, ein beweglicherer Arbeitsmarkt und eine reaktionsschnelle Notenbank, die die Zinsen angemessen senkte. Heute steht die Bodenschatzindustrie weiterhin für rund 10 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes, ermittelte Deloitte Access Economics.

          Abhängig von China

          Die Feierlaune allerdings ist getrübt. Denn die Produktivität wächst nicht in dem Maße, wie es notwendig wäre, die Wähler sind unzufrieden mit Canberra und die Blase der Immobilienpreise lastet auf den Normalverdienern. Im März legten sie im Jahresvergleich in den Metropolen um 19 Prozent zu. Die Häuslebauer sind bis über beide Ohren verschuldet, und auch der Staat riskiert seine hervorragende Kreditbewertung von „AAA“, wenn er nicht einen glaubhaften Weg ausweist, wieder zu einem Überschuss zu gelangen.

          Der Regierung aber sind durch die Mehrheitsverhältnisse die Hände gebunden, und der mit großen Hoffnungen angetretene Ministerpräsident Malcolm Turnbull enttäuscht viele Wähler durch Tatenlosigkeit. Seit 2010 hat Australien fünf Ministerpräsidenten gezählt. Jüngst sprach Turnbull auf einem Wirtschaftsgipfel in Sydney davon, sein Land durchlebe eine Krise.

          Die Abhängigkeit von China wächst zugleich weiter. Sie birgt hohe Risiken. Australien ist die Industrienation mit der höchsten Abhängigkeit von der zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde. Die Chinesen kaufen ein Drittel seines Exports, neben Bodenschätzen auch Rindfleisch und Weizen - 1991 waren es nur 2 Prozent gewesen.

          Reformen vernachlässigt

          Zugleich kaufen Asiaten rund ein Viertel aller australischen Immobilien. Die enormen Einnahmen aber sind nicht etwa in Rücklagen geflossen, so dass längst eine intensive Debatte über das Defizit eingesetzt hat. Die Wachstumsrate von rund 2,5 Prozent jährlich täuscht. Sie geht auf zwei Faktoren zurück. Das Bevölkerungswachstum steht für rund 1,5 Prozentpunkte, die Rohstoffnachfrage für rund 1 Prozentpunkt.

          Sollte China in eine Krise taumeln, werden die Australier dies mit aller Härte in mehreren Sektoren spüren. Zumal die eigenen Industrie mehr und mehr verkümmert. Dringend notwendige Reformen in der Steuerpolitik, dem Ausbau der Infrastruktur, der Klimapolitik und der Energiepolitik hat keine der vergangenen Regierungen durchgesetzt. Dabei wird das Fenster, das Asiens Nachfrage der australischen Politik öffnet, nicht ewig offen stehen.

          Völlig offen ist auch, wie sich Australien politisch positioniert: Seinen engsten Wirtschaftspartner China darf es keinesfalls verprellen. Politische Partner aber sind traditionell Amerika, Japan und mehr und mehr Deutschland. Canberra jongliert also zwischen widerstreitenden Interessen, was etwa im Konflikt um Pekings Vorpreschen im Südchinesischen Meer sehr schwierig wird.

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