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„Craftbeer“-Bewegung : Im Land der tausend Biere

Die Abfüllanlage der Brauerei von Hofbräu in München. Bild: dpa

Immer mehr Kleinstbrauereien machen in den Vereinigten Staaten auf. Das weckt den Neid der alten Biernationen.

          „Willkommen im goldenen Zeitalter des Biers“, ruft Mark Perry, Ökonomie-Professor an der Universität von Flint, Michigan. Ende September hat die Anzahl der Brauereien in den Vereinigten Staaten die magische Zahl 4000 überschritten. Perry zitiert die Statistik der amerikanischen Brauer-Vereinigung. Gerade die Zahl der so genannten Micro-Brauereien ist exponentiell gestiegen. Der Wissenschaftler und Blogger  spricht von einer der größten Erfolgsstorys für Kleinbetriebe überhaupt. Seit 2007 hat sich die Zahl der Betriebe fast verdreifacht. In den letzten sieben Jahren wurde rein rechnerisch an jedem Werktag in den Vereinigten Staaten mindestens eine Brauerei eröffnet, legt Perry dar. Längst haben die Amerikaner das Bierland Deutschland hinter sich gelassen mit seinen 1400 Braustätten.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Es ist Boomzeit in Amerika. Vergessen ist die Prohibition von 1920 bis 1932, die Bierkonsum und -produktion verbot und den meisten häufig deutsch-stämmigen Brauereien den Garaus machten. Vergessen sind aber auch die 70er Jahre, als weniger als hundert Großbrauereien den Markt komplett unter sich aufteilten. Die meisten neuen Betriebe sind Brauereigaststätten oder Microbrauereien mit einem Ausstoß von bis zu 17.600 Hektolitern im Jahr. Zu den Newcomern gesellen sich aber auch regionale Craftbeer-Brauereien, die mit innovativen Biersorten ihr Publikum finden. Es habe nie eine bessere Zeit für Biertrinker in den Vereinigten Staaten gegeben als jetzt, jubelt Ökonom Perry. Besonders die in höchster Qualität hergestellten „Craft“-Biere weckten den Neid der Welt.

          In der Tat: Amerikanische Biere schmecken. Das ist für viele europäische Biertrinker immer noch eine neue Nachricht. Und die Brauerzeugnisse haben eine größere Bandbreite im Geschmack. Die Lebensmittelgesetzgebung in den Vereinigten Staaten ist großzügiger als das Deutsche Reinheitsgebot, was die Zutaten betrifft. Und so wirbt aktuell eine Firma damit, dass sie Apfelsinenschalen ins Bier mischt für einen fruchtigen Geschmack.

          Doch die außergewöhnlichen und markanten Geschmacksrichtungen gehen häufig zurück auf neue Hopfensorten, so genannte „Flavour Hops“. Sie können dem Bier eine Mandarinen- oder Orangennote geben oder einen bitter-würzigen Geschmack, ohne Reinheitsgebote zu verletzen. Damit können Brauer auf die „weltweit zunehmende Vorliebe vor allem jüngerer Konsumenten für geschmacklich inhaltsreiche Biere“, eingehen, schreibt der deutsche Weltmarktführer in der Hopfenverarbeitung, die Barth-Gruppe, in seinem jüngsten Jahresbericht. „Dieser Trend, der bis bis vor wenigen Jahren entweder nicht wahrgenommen oder als mögliche Blase abgetan wurde, ist unumkehrbar“, warnt das Unternehmen. Der Flavourhopfen wird überwiegend in Amerika angebaut. Die Vereinigten Staaten würden deshalb Deutschland bald als größte Hopfennation der Welt ablösen. „Sollte das Craft Segment der USA in den nächsten fünf Jahren weiter zweistellig wachsen und gleichzeitig die Biersorte India Pale Ale ihren Siegeszug rund um den Globus fortsetzen, steht die Hopfenwirtschaft vor enormen Investitionen“, mahnen die Insider. Der deutsche Hochalphahopfen ist bald nicht mehr so gefragt, lautet die Botschaft. Die Welt wendet sich vom deutschen Bier ab. Gleichzeitig wenden sich deutsche Unternehmer den amerikanischen Braumethoden und dem aromareichem Hopfen zu und gründen kleine „Craftbeer“-Brauereien. Eine Wachablösung ist im Gange.

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