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Projekt „Gorgon“ : 248 Dollar Steuern auf 1,7 Milliarden Dollar Gewinn

Im Zentrum des Ärgers: Das Gasprojekt Gorgon Bild: AFP

Australien deckt auf, wie Chevron und Co. ihre Abgaben mindern. Zum Beispiel mit Wucherkrediten an die eigenen Tochtergesellschaften. Der Ärger über die Steuerfreiheit steigt.

          2 Min.

          Die Steuerprüfungen, die die australischen Behörden bei Weltkonzernen vornehmen, fördern immer gewieftere Steuervermeidungstricks zu Tage. Derzeit steht der amerikanische Ölriese Chevron im Mittelpunkt der Untersuchungen. Er hat im vergangenen Jahr auf einen geschätzten Gewinn von 1,7 Milliarden Australischen Dollar (1,11 Milliarden Euro) ganze 248 Dollar Steuern gezahlt, belegen Dokumente für den australischen Senat. Bald werden seine Konkurrenten Shell und Exxon Mobil, aber auch das Taxi-Unternehmen Uber und die Übernachtungsvermittlung AirBnB in Canberra aussagen müssen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Chevron hat augenscheinlich alle Lücken genutzt, um Steuern zu sparen, die ein weltumspannender Konzern nutzen kann. Im Zentrum steht dabei die Ausgabe von Kredite innerhalb des Unternehmens zu überhöhten Zinssätzen. So berechnete die in Amerika ansässige Chevron Australia Petroleum Company ihrem australischen Tochterunternehmen im vergangenen Jahr Zinsen in Höhe von 1,8 Milliarden Australische Dollar auf einen Kredit von 36,5 Milliarden Dollar. Das entspricht mehr als 25mal so viel Zins, wie der Kredit auf dem freien Markt gekostet hätte.

          Verkappte Gewinntransfers

          Der Überteuerung lässt sich auch hausintern ablesen: Während die Australier im eigenen Unternehmen einen Zinssatz von rund 5 Prozent zahlten, kostete ein hausinterner Kredit die Singapurer Tochtergesellschaften nur 0,17 Prozent Zinsen. Der Gewinn aus diesem australisch-amerikanischen Vertrag aber war weder in Amerika noch in Australien steuerpflichtig, was zu einer Gesamtabgabe von APC von nur knapp 250 Dollar im Jahr führte.

          Die Steuerbehörden in Australien allerdings vertreten die Sicht, dass der Gewinn aus Raten in Zinsgeschäften, die deutlich über dem gültigen Marktzins liegen, steuerpflichtig seien – denn sie wären verkappte Gewinntransfers. Da die Summen und Zinsdifferenzen etwa im Fall Chevron so enorm sind, entstehen schnell Gewinnzuwächse in Milliardenhöhe, die dann zu jährlich dreistelligen Millionenbeträgen an entgangenen und nun nachgeforderten Steuern führen.

          Und immer wieder Arbeitsplätze

          Die Australier brauchen den riesigen Kredit, um ihr Großprojekte Gorgon für die Gewinnung von Flüssiggas im Gesamtpreis von rund 76 Milliarden Dollar voranzutreiben. Die Gewerkschaften in Australien rechnen nun vor, dass “konservative Schätzungen“ für den Lebenszyklus von Chevron Australia auf eine Zinslast von mehr als 35 Milliarden Dollar hinauslaufen. Würde der Arbitrage-Handel mit den überzogenen Zinsen im eigenen Haus abgeschafft, erhielte der Staat mindestens 3,2 Milliarden Dollar zusätzlicher Steuern innerhalb von vier Jahren.

          Schon im August hatte der Australian Financial Review berichtet, die drei Partner im Gorgon-Projekt, Chevron, Exxon Mobil und Shell, verbuchten jährlich rund 2,9 Milliarden Australische Dollar Gewinn durch die Zins-Arbitrage. Gerichte müssen nun über Jahre entscheiden, wie weit eine solche Praxis gegen welche Gesetze verstößt. Oder aber ob die Unternehmen nur clever genug waren, Schlupflöcher zu nutzen. Denn die Konzerne nutzen vor allem die Doppelbesteuerungsabkommen, in dem sie die Firmensitze von Geldgeber und Nehmer geschickt anpassen.

          Die Gewerkschaften haben sich natürlich längst entschieden: „Wenn die Regierung ernsthaft den Rohstoffsektor ausbauen und das Haushaltsdefizit schließen wollte, würde sie die Steuervermeidungspraxis von Chevron beenden, denn sie gibt dem Unternehmen einen unfairen Vorteil und bringt Schulen und Krankenhäuser um ihre notwendige Finanzierung“, sagt Paddy Crumlin, Präsident der International Transport Workers Federation (ITF), die den Fall untersuchte. Chevron hält mit einer anderen Argumentation dagegen: Gegenüber dem Australian Financial Review erklärte das Unternehmen, die Vorhaben in Australien würden dem Staat zwischen 2009 und 2040 mehr als eine Billion Dollar Wirtschaftsleistung bringen, mehr als 165.000 Arbeitsplätze schaffen und mehr als 380 Milliarden Dollar Zahlungen.

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